Maximilian Hornung hat für unser Kneipengespräch die Traditionskneipe Hackbarth’s in Berlin-Mitte ausgewählt: »Hier gibt’s bayerisches Bier vom Fass«. Zum Aufwärmen sprechen wir über Hornungs Heimat, Augsburg (»gleich drei wunderschöne Kammermusiksäle, davon kann München nur träumen«), das dialektfreie Reden (»beim Studium in Zürich hatte ich mir Hochdeutsch angewöhnt, aber damit komm ich nicht klar, da bin ich nicht ich selber«) und seinen ersten Cellounterricht bei Eldar Issakadze (»ich habe bei ihm wenig Repertoire gelernt, dafür ist das jetzt eingepflanzt in meine Gene und ich fühle mich damit sehr sicher.«). Hornung ist gerade auf Tournee mit dem Münchener Kammerorchester, am nächsten Tag gehts weiter nach Aschaffenburg. Wie ist das mit dem Alkohol am Abend vor einem Konzert? »Bier geht, wenn wir jetzt anfangen würden zu mischen, wär doof.« Wir halten uns also den Abend über ans Tegernseer vom Fass.

Maximilian Hornung • Foto © Marco Borggreve
Maximilian Hornung • Foto © Marco Borggreve

VAN: Du hast mit 16 die Schule abgebrochen und angefangen, Cello zu studieren. Hast Du das jemals bereut?

Maximilian Hornung: Nein, weil ich mich dadurch endlich frei entfalten konnte. Ich war unglaublich faul in der Schule, deswegen auch schlecht, und dementsprechend war es eine Qual für mich. Außerdem kann man am Cello im Alter zwischen sechzehn und zwanzig Jahren noch sehr viel einprogrammieren, was vielleicht mit Mitte zwanzig schon zu spät wäre.

Ab wann war Dir klar, dass Du die Schule schmeißen willst?

Die Idee kam eigentlich erst im Laufe der 10. Klasse, in den ersten Monaten des Schuljahres.

Die meisten Eltern sagen dann: ›Kommt nicht in Frage, Du spinnst‹ …

Haben meine auch gesagt. Mein Vater ist allerdings Geiger [Konzertmeister bei den Augsburger Philharmonikern, d.Red.] und hat mich eher unterstützt, während meine Mutter Lehrerin am Gymnasium ist und meinte, ›Mensch Bub, mach doch wenigstens das Abitur‹. Es war ein Risiko, aber auch nicht so, dass ich ohne irgendwas dastand. Ich hatte schon ›Jugend Musiziert‹ gewonnen, Konzerte mit dem ein oder anderen professionellen Orchester gespielt, und einen Studienplatz bei Thomas Grossenbacher in Zürich.

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Anschließend hast Du bei David Geringas an der Hochschule Hanns Eisler in Berlin studiert. Johannes Moser, der ebenfalls bei Geringas studiert hat, hat mir einmal erzählt, dass der stets darauf bestanden habe, dass man es genau so macht, wie er es sagt. Wie fandest Du den Unterricht bei ihm?

Er war sehr von seinen Launen abhängig. Es gab Unterrichtsstunden, in denen Geringas total verstanden hat, was ich gebraucht habe, wie er mich motivieren kann. Die waren für mich Gold wert und ich habe monatelang davon gezehrt. Ich hatte nie bessere. Aber die gab es vielleicht zwei, drei Mal im Jahr. Als er dann relativ plötzlich aufhörte zu unterrichten, hatte ich bereits die Stelle in München…

… wo Du mit 23 Erster Solocellist beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) wurdest. Wie war Dein Einstieg da?

Das erste Jahr mit Jansons war eine Hoch-Zeit. Er war gut drauf, das Orchester war gut drauf, alle waren motiviert, es gab tolle Projekte und Tourneen. Er hat das Repertoire gemacht, das er gut kann. Das war ›wow‹, da hat sich eine Welt aufgetan.

Was ist dann passiert?

Nach einigen Jahren bin ich in so einen Alltagstrott reingekommen und habe festgestellt, dass ich wahnsinnig aufpassen muss, nicht meine Kreativität zu verlieren. Das kann im Orchester leicht passieren. Man sitzt da und kriegt den ganzen Tag von früh bis spät gesagt, was man tun muss, selbst wenn es einem musikalisch widerstrebt. Wenn man was will, wenn in einem ein Ausdruckswille schlummert, dann kann das einem sehr schwerfallen. Und dann wiederholt sich das Repertoire ab einem gewissen Punkt. Ich hatte nach vier Jahren Beethovens Fünfte auch schon zum zehnten Mal gespielt. Ich liebe das Orchester trotzdem sehr. Es funktioniert beim BRSO vieles nicht immer, aber das sind alles Sachen, von denen andere Orchester gar nicht erst träumen brauchen.

Was funktioniert nicht immer?

Aufeinander hören im Sinne einer Orchesterbalance, dass man ein Stück so gut kennt, dass man weiß, welche Stimme wichtig ist und welche nicht. Das hängt natürlich auch vom Dirigenten ab. Haitink kommt, macht nix, und es ist alles geil. Andere Leute fuchteln sich einen ab, und es funktioniert überhaupt nichts.

Mariss Jansons ist jetzt seit 2003 Chefdirigent des BRSO. Wie hat er das Orchester geprägt?

Ich finde die Spielmentalität, die er dem Orchester antrainiert hat, sehr gut. Allerdings ist sie manchmal problematisch, weil das Orchester darauf getrimmt ist, immer mit dem Dirigenten zu spielen, und zwar beinahe ausschließlich. Wenn mal einer da ist, den man nicht so gut lesen kann, fehlt ein bisschen die eigene Initiative. Das finde ich schade, weil es die Qualität der Leute eigentlich zuließe, das zu ändern. Das würde das Orchester so viel besser, noch besser machen.

Beim BRSO finde ich – optisch und klanglich – auffallend, dass es zum Beispiel im Vergleich zu den Berliner Philharmonikern ein homogenerer Haufen ist, es weniger Egoshooter gibt. Stimmt der Eindruck?

Auf jeden Fall, aber vielleicht ist das auch genau das, was ein bisschen fehlt. Das BRSO ist ein wahnsinnig nettes Orchester, manchmal ein bisschen zu nett. Die Leute kehren das, was sie können, vielleicht zu sehr unter den Teppich. Dadurch, dass es dem Bayerischen Rundfunk unterstellt ist, gibt es natürlich begrenztere Möglichkeiten. Wie bei allen Rundfunkanstalten wird alles, was Geld kostet, ein Problem. Das ist natürlich auf Dauer nicht so motivierend. Die Berliner Philharmoniker sind eine Stiftung, die sind selbst organisiert und können machen was sie wollen. Ich würde mir für das Orchester wünschen, dass der Fokus noch ein bisschen mehr auf die Sache gerichtet wäre statt darauf, wann die Spesen ausgezahlt werden. Dann liefe das Orchester allen anderen weltweit den Rang ab, und zwar sofort.

Gab es einen bestimmten Moment, an dem bei Dir die Entscheidung fiel, im Orchester aufzuhören?

Das kam eher schleichend, aber ich habe auch körperlich gemerkt, dass es auf Dauer nicht das Richtige für mich war: Ich hatte die letzten anderthalb Jahre im Orchester immer ganz starke Magenprobleme. Ich bin zu hundert Ärzten gerannt, habe eine Magenspiegelung gemacht, Medikamente genommen, den ganzen Scheiß. Es wurde nie irgendwas gefunden. Ich war zwei Monate aus dem Orchester draußen, und es war weg und kam nie wieder.

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Glaubst du ein Orchester ist ein gesundes soziales System?

Jein, wenn man sich drauf einlässt schon, aber das ist nicht so einfach. Nach meiner Erfahrung wird man in der kompletten Streicherausbildung nicht zum Orchestermusiker ausgebildet, sondern zum Solisten. Das ist einfach so drin. Dann ist man im Orchester und muss plötzlich etwas ganz anderes machen, als man das ganze Studium über gelernt hat. Wenn ich aber feststelle, dass ich im Orchester nur begrenzt meine Seele ausschütten und mich ausdrücken kann, kann es ungesund werden. Zu akzeptieren, dass die eigene Kreativität im Orchester nicht so wichtig ist, und es trotzdem in diesem Gefüge so gut wie möglich zu machen, das ist schwer. Die Kollegen, die nebenher noch viel Kammermusik machen, kriegen das besser hin und sind zufriedener.

Lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Mehr Experimente, mehr Durchlässigkeit, mehr Austausch …

Ich bin ein großer Befürworter von halben Stellen, damit die Leute Zeit haben, in anderen Orchestern auszuhelfen oder Kammermusik zu machen, und sei es nur zum Spaß zu Hause im Wohnzimmer, um die eigene Spielfreude zu bewahren.

Ist deine Solocellisten-Stelle mittlerweile besetzt?

Nein, frei (lacht schelmisch). Macht mich schon ein bisschen stolz, muss ich sagen. Ich wünsche dem Orchester von Herzen, dass sie bald fündig werden.

Schon während der Zeit im BRSO hatte Sony dich gesigned für fünf Aufnahmen. Wie war das rückblickend?

Gerade die ersten CDs haben sehr viel gebracht, um mich zu platzieren, ich war ja ein Nobody. Mit den zwei neuen Aufnahmen bei Myrios beginnt dieses Jahr ein neuer Abschnitt für mich. Der Jugendbonus ist vorbei, ich hoffe, dass das Sony-Image ein bisschen weggeht und die Leute kapieren, dass ich nicht mehr im Orchester bin. Das hängt mir noch ein bisschen nach. Wenn ich nicht im Orchester gewesen wäre, wäre ich vielleicht ein schlechterer Cellist, aber weiter in der Karriere.

Man muss noch früher anfangen für die Verkaufbarkeit?

Je jünger desto besser, das zieht nach wie vor.

Es gibt heute so viele gute Cellistinnen und Cellisten, aber gleichzeitig einen überschaubaren Markt für Aufnahmen und Konzerte. Wie steht es da um den Futterneid?

Den gibt es schon ein bissl. Der Markt ist total eng, wird immer enger. Natürlich guckt man immer ein wenig nach rechts und links. Vor allem, wenn man mal eine Woche frei hat. Dann fängt man an zu schauen, was machen die anderen, und bildet sich ein, ›Mist, ich habe ja gar nichts zu tun‹.

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Wenn Du jetzt als Solist das erste Mal vor ein Orchester trittst, wie siehst Du Dich dann durch deren Augen?

Ich kenne das aus meiner Zeit im Orchester, dass man vor allem die jungen Solisten, die ihr Debüt geben, mit höherer Auflösung begutachtet. Ich möchte auf gar keinen Fall, dass ich bei irgendeinem Orchester so diesen Eindruck hinterlasse, ›ja, junger Cellist, ist nicht schlecht, aber nichts Besonderes‹.

Maximilian Hornung über Dirigenten, Lehrer und Bauchschmerzen vom Orchesterspiel in @vanmusik.

Wäre es Dir lieber, die Leute sagen, ›junger Cellist, aber wie er spielt finde ich blöd‹?

Ja, entweder sie finden es richtig geil, was mir natürlich lieber wäre, oder richtig schlecht. Aber vor dieser lauwarmen Mitte habe ich Angst. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.