Dass Grenzen keine Trennlinien sind, sondern Kontakt- und Austauschzonen – und dass dort, wo verschiedene Systeme aufeinandertreffen, Energie, Reaktion und Komplexität entstehen, ist ein viel beschriebenes Prinzip: Wenn zwei Ökosysteme aufeinandertreffen, entwickelt sich gerade in den Randbereichen oft eine erhöhte Diversität, die Kulturanthropologie kennt Übergangsriten als Momente größter Transformation und in der Neurowissenschaft gilt der synaptische Spalt – die Grenze zwischen zwei Neuronen – als zentraler Ort der Signalübertragung.
»Der Mensch wird am Du zum Ich«, schreibt Martin Buber. Ebenso gilt: Wer seine Grenzen nicht kennt, kann auch nicht in Kontakt treten. Der Mannheimer Sommer greift dieses Prinzip auf und lädt unter dem Motto ›Lasst euch entgrenzen‹ in ein genreübergreifendes, dabei aber immer stilsicheres Programm ein – von Mozart bis Nick Cave, von der Musikmaschine zur großen Oper, vom klassischen Konzert zur inszenierten Party.
Kurz vor der Eröffnung traf ich die beiden Festivalleiter zum Zoom-Gespräch.

VAN: Was ist für Sie ein gutes Festival?
Jan Dvořák: Ganz idealistisch gesprochen ist ein gutes Festival eine Art Auszeit von der Wirklichkeit, in der Dinge möglich sind, die in Wirklichkeit noch nicht möglich sind. Als wir angefangen haben, über den Mannheimer Sommer nachzudenken, ging es viel um die Mozartzeit als Grundanregung. Die Aufklärung hat ja nicht die ganze Gesellschaft auf einmal erfasst, sondern es gab die Salons als Treffpunkte, in denen sich interessierte Leute getroffen und im Schutz dieser Gegenöffentlichkeit Ideen geboren haben, die in der Gesellschaft noch keine Chance gehabt hätten. Das hat uns inspiriert.
Ich habe insgesamt den Eindruck, dass Sie das ›Festival‹ als Gemeinschaftserlebnis ernst nehmen möchten. Es gibt zum Beispiel den ›Garten der Künste‹ als offenen Ort der Begegnung.
Jan Dvořák: Absolut, dazu gehört der Festivalgarten, aber auch verschiedene Feiern und Feste, der ›Nach-Tisch‹ – eine gedeckte Tafel für Nachgespräche zum Tagesabschluss –, eine ganze Reihe von Veranstaltungen, die umsonst sind, aber zum Beispiel auch der venezianische Maskenball. Den haben wir das letzte Mal schon gemacht und es war verblüffend, was der für Auswirkungen auf das Publikum hatte, auch auf das ganz normale Opernpublikum, die tatsächlich wie im 18. Jahrhundert plötzlich ganz aus sich herauskommen und eine ganz andere Erfahrung machen. Das finde ich toll. Wir wollen eine Atmosphäre für neugierige Leute erzeugen, die sagen: ›Ich weiß nicht genau, was auf mich zukommt, aber ich gehe mal hin.‹ Deswegen ist bei uns das ›Rahmenprogramm‹ eben kein Rahmenprogramm, sondern eigentlich ein ganz zentraler Kern. Das Tolle kann sein, dass sich dort verschiedene Publika treffen, die sich sonst im Alltag eher nicht treffen. Wir spüren beim Publikum diese Offenheit, sich darauf einzulassen.
VAN Festivalguide 2026

18.–28.6.26 • Mannheim
Mannheimer Sommer. Internationales Festival für Musik und Theater
Der Mannheimer Sommer ist ein internationales Festival für Musik und Theater, das seit 2018 biennal von der Opernsparte am Nationaltheater Mannheim veranstaltet wird. Das Festival schlägt einen Bogen von Mozart bis Pop, von der Musikmaschine zur großen Oper, vom klassischen Konzert zur inszenierten Party.
›Festivals‹ großer Opernhäuser sind manchmal nur eine Verlängerung des Repertoirebetriebs. Das ist beim Mannheimer Sommer anders. Warum?
Jan Dvořák: Wir haben immer gesagt, dass das Festival ein Kompliment zum Opernbetrieb sein muss, nicht dessen Fortführung. Unser Anspruch ist, Dinge zu zeigen, die im normalen Repertoirebetrieb keinen Platz haben, und die auch die Anschlussfähigkeit des Musiktheaters an andere Genres zeigen.
Jakob Kotzerke: Es geht um Freiräume, die wir sonst im normalen Sparten-Repertoirebetrieb nicht haben. In diesen elf Tagen können sich Programme begegnen, die sich außerhalb des Festivals vielleicht nicht begegnen und die vielleicht auch gar nicht zusammenpassen würden. Und weil der Mannheimer Sommer der Opernsparte zugeordnet ist, arbeiten wir uns natürlich an der Oper ab.

Wie zum Beispiel?
Jakob Kotzerke: Wir beleuchten zum Beispiel in verschiedenen Programmen die menschliche Stimme, die ja in der Oper sehr definiert ist. Es gibt den Liederabend mit Diana Damrau, also eine sehr ›klassische‹ Stimme. Natürlich ist auch unser Ensemble präsent. In Hunter, einem Gastspiel der Neuköllner Oper, gibt es einen ganz anderen Stimmzugang.
Oder die Frage: Wie geht man mit einer Partitur um? Im Opernbereich ist man oft relativ zaghaft, in Partituren einzugreifen. Mercy Seat [ein Schubert-Cave-Abend mit Charly Hübner und dem Ensemble Resonanz] ist dagegen ein wunderbares Beispiel dafür, wie man mit einer Partitur aktiv interpretierend umgehen kann.
Und auch mit Stimme.
Jan Dvořák: Absolut, das ist dann schon eher an der Grenze des Gesangs. [lacht]
Jakob Kotzerke: Gleichzeitig ist natürlich die Oper von Beginn an eine Kunstform gewesen, die Grenzen überschritten hat. Ein gutes Beispiel ist L’Orfeo, die wir ja auch im Programm haben, in der Monteverdi die Grenze von der Musik zum Schauspiel überschreitet – das Ergebnis ist eine der ersten Opern der Geschichte und zugleich eine der schönsten.
Als ich im Festivalmagazin Ihr Vorwort las, in dem Sie das Festivalmotto ›Entgrenzung‹ theoretisch herleiten, mit Psychoanalyse und Hegel, dachte ich: ›Ohje, jetzt kommen bestimmt auch dort ganz viele ›Diskursveranstaltungen‹.‹ Die gibt es dann aber beim Mannheimer Sommer tatsächlich gar nicht. Ich nehme an, das ist kein Zufall, sondern bewusste Entscheidung?
Jan Dvořák: Ja, das hat damit zu tun, dass sich dieser theoretische oder philosophische Anspruch, der dahinter steht, im Tun und im Rezipieren zeigen soll. Wir wollen den Leuten nichts vorgeben – das sinnliche Erleben sollte das Entscheidende sein.
Jakob Kotzerke: Gerade das Beispiel, das Sie nannten, der Garten, ist uns in dieser Hinsicht sehr wichtig. Ein Garten hat an sich schon etwas total Einladendes, Sinnliches, gerade in diesen Zeiten, gerade in Mannheim. Man tritt dort ein, es ist vielleicht etwas kühler als auf dem Betonparkplatz nebendran, vielleicht duftet es ein wenig, man hat da gleich eine sinnliche Erfahrung. Die Landschaftsgärtnerin ist übrigens sofort auf den Begriff der ›Entgrenzung‹ angesprungen, weil der auch in der Botanik eine große Rolle spielt – das Prinzip, dass gerade in den Bereichen der Übergänge die Artenvielfalt besonders groß ist.
Jan Dvořák: In Bezug auf die Stadt Mannheim, mit ihrer Eigenart und ihrem speziellen, etwas raueren Profil, ist es uns wichtig, ein Angebot zu machen, das wie eine Sahneschichttorte funktioniert. Um beim Garten als Beispiel zu bleiben: Wenn man ihn betritt, kann man es einfach nur schön finden oder sich wohlfühlen. Man kann aber auch überlegen, warum sich da jetzt künstliche und echte Blumen durchmischen. Man kann tiefer eindringen. Man kann sich fragen, was die Künstlerin da macht. [Die Hamburger Künstlerin Anik Lazar malt während der Festivalzeit ein monumentales Gemälde auf ein großformatiges Fassadenbanner.] Man kann Schicht für Schicht tiefer eindringen – wenn man möchte. Man muss es aber nicht. Das ist der Unterschied zu einer Diskursveranstaltung, wo es nur alles oder nichts gibt. Also nichts gegen Diskurs, aber wenn wir unser Publikum richtig einschätzen, dann ist dieser Zugang in verschiedenen Layern sicherlich passender.

Es gibt sehr viele verschiedene, auch negative Perspektiven auf den Begriff der ›Entgrenzung‹. Welche war Ihr Ausgangspunkt?
Jakob Kotzerke: Wir kamen tatsächlich zunächst über den Ort drauf. Das Opernhaus in Mannheim, das wie in vielen Städten mitten in der Stadt liegt, wird ja gerade saniert. Die Interimsspielstätte OPAL liegt zwar noch in der Stadt, aber ein bisschen im Randbereich. Man hat ringsherum diese vorortartigen Strukturen, die man häufig gar nicht wahrnimmt, weil sie eben außerhalb der Grenzen der Innenstadt liegen, die in Mannheim besonders fest umrissen sind. Da gibt es lauter Orte, die man als Übergangsorte bezeichnen könnte. Sie befinden sich sozusagen an der Grenze oder hinter der Grenze. Das war so ein erster, räumlicher Ausgangspunkt. Von dort haben wir weitergesponnen.
Jan Dvořák: Wir wollten versuchen, diese suburb-artige Landschaft zu erschließen. Deswegen haben wir Spielstätten gesucht, die im Umfeld des OPAL liegen, um zu fragen: Welche Aura oder Ausstrahlung hat zum Beispiel ein Viertliga-Fußballstadion? Das ist ja in jeder Hinsicht eine ganz andere Welt, als wenn man in der Innenstadt in die Oper geht. Diese Übergangsorte sind aber eben auch Orte des erhöhten Austausches, wo Dinge in Berührung geraten, die innerhalb ihrer Bereiche nie in Berührung geraten würden. Und das ist natürlich für ein Festival erstmal ein schöner Ausgangspunkt.
Große Kunst war oft ›entgrenzend‹ in Bezug auf Form und Genre. Andererseits heißt es auch von Ludovico Einaudi, ›er setzt Genregrenzen außer Kraft‹. Wie entkommt man als Festival mit dem Begriff der Beliebigkeit?
Jan Dvořák: Grenzen erzeugen ja überhaupt erstmal so etwas wie ›Exzellenz‹. Wenn man gar nicht weiß, woran man arbeitet, kann man auch nicht besser werden. Für klassische Musik ist das ein absolutes zentrales Merkmal. Da unterscheidet sie sich tatsächlich von anderen Künsten. Das heißt: Entgrenzung ist immer mit dem Bewusstsein verbunden, wo die Grenze sich befindet, also die Grenze der musikalischen Formen, zum Beispiel. Wenn ich die gar nicht beherrsche, dann ist die Entgrenzung fast unmöglich. Als wir einen Regiewettbewerb veranstaltet haben zum Thema Mozart und Entgrenzung, waren wir uns gar nicht sicher, was den jungen Leuten dazu einfällt. Ihnen fällt aber richtig viel dazu ein. Das hat garantiert auch damit zu tun, dass es eine Begrenzung gibt, an der man sich abarbeiten kann.
Man könnte auch sagen: Es gibt heute eher zu viel Ent- und zu wenig Begrenzung – die Auflösung der Ich-Grenzen im Digitalen, zum Beispiel.
Jan Dvořák: Wenn man Entgrenzung negativ fasst, ist heute jeder allein und entgrenzt und es gibt keine Möglichkeit mehr, vor Ort eine lokale Gemeinsamkeit herzustellen, weil die zehn Leute, mit denen man sich versteht, in Australien sind, in Neuseeland oder sonst irgendwo und man kommuniziert nur über Internet. Da entsteht nicht die Energie, die es braucht, um mit einem positiven und anpackenden Gestus in den Alltag zurückzukehren. Das ist natürlich idealistisch gesagt, aber das ist der Anspruch, der uns antreibt, dass man sagt: Wenn dann diese elf Tage vorbei sind, sind natürlich alle erschöpft, aber man muss danach eigentlich mit einem ganz anderen Gefühl in sein Leben zurückkehren. Darum geht es. Sonst braucht man auch kein Festival zu machen. Dann könnte man einfach sagen: Das integrieren wir in den normalen Spielbetrieb.
Und mit welchem Gefühl soll das Nationaltheater Mannheim in den Alltag zurückkehren?
Jakob Kotzerke: Was wir immer merken, ist, dass die Festivals – ob Schillertage oder Mannheimer Sommer – für die Institution wie kleine Versuchslabore sind. Das Nationaltheater nimmt eigentlich immer etwas mit in den regulären Betrieb, so eine ›ach so, das geht ja doch‹-Erfahrung. Zum Beispiel neue Kooperationen, auf denen man aufbaut, oder auch Experimente im Veranstaltungsbereich.
Jan Dvořák: Die Bezüge stellen sich auch ganz konkret her – die Pflanzen und Sitzelemente, die den ›Garten der Künste‹ bilden, bleiben bis zum Auszug aus dem OPAL erhalten. Die Bäume – die in speziellen Säcken gepflanzt werden, wie eine Baumschule sozusagen – ziehen nach abgeschlossener Sanierung des Nationaltheaters an den Goetheplatz um.
Sie sind in diesem Jahr viele Kooperationen eingegangen – mit dem Planetarium, dem Technoseum, der Alten Feuerwache, dem VfR Mannheim … In einem Interview haben Sie, Herr Dvořák, gesagt, die Kooperationen seien ›durchaus kulturpolitisch gemeint‹. Was meinen Sie damit?
Jan Dvořák: Ich glaube, es geht gerade in diesen Jahren massiv darum, die Anschlussfähigkeit und die Kooperationsfähigkeit von Theater unter Beweis zu stellen und zu zeigen, dass wir das können. Das Theater hat natürlich, wie wahrscheinlich jede Organisation, die Tendenz, sich abzuschließen. Ich habe mal eine kulturwissenschaftliche Arbeit gelesen, in der die Theatermitarbeitenden angeben sollten, welche anderen Personen für ihre Arbeit relevant sind. Es stellte sich heraus, dass bis auf das Abendpersonal das Publikum bei keinem eine Rolle spielte. Ich fand das sehr lustig, wenn man bedenkt, dass man für das Publikum den ganzen Aufwand betreibt. Aber klar, im Alltag kann einem das verloren gehen, weil man viel mehr mit den anderen Abteilungen und deren Anliegen zu tun hat. Sprich: Kooperation ist eigentlich die Möglichkeit, Sinnesorgane auszubilden. So ein Museum tickt ganz anders als ein Theater. Man könnte sehr schnell aufgeben und sagen: ›Das klappt nicht. Bei denen geht es nur um Erhalt, nur um Konservierung, und wir gelten als die Barbaren, die alles kaputt machen.‹ Aber gerade da ist es total benachbart. Es ist fast lachhaft, dass man nicht zusammenkommt. Deswegen ist es für uns so wichtig, unter Beweis zu stellen, dass diese verschiedenen Kulturen produktiv miteinander umgehen können. ¶

