Beim Abschlusskonzert des letztjährigen Berliner Jazzfests im Haus der Berliner Festspiele trat auch die kalifornische Singer-Songwriterin Julia Holter auf. Schon während ihres ersten Songs verließ ein Zuhörer in der ersten Reihe schimpfend den Saal. Das Wort »Glastonbury« war aus seiner Tirade herauszuhören. Vielleicht lautete der ganze Satz: »Kann ich gleich nach Glastonbury fahren«, oder »Sind wir hier jetzt in Glastonbury?«. Das gleichnamige Musikfestival findet seit 1970 alljährlich im südenglischen Somerset statt. Die 150.000 Karten für drei Tage sind zumeist innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Wer hingeht, erwartet neben einem nostalgischen Reenactment von Woodstock – der selbsterfüllenden Prophezeiung von freier Liebe, Drogen und Schlammorgien – die tighte Bühnenperformance und das rockige Spektakel. Die Musikkritik hat für dieses Ideal in den 1980er Jahren den Begriff »Rockismus« erfunden: die verbreitete Annahme, eine vom Blues abstammende, »authentische« Rockmusik – zumeist von Gitarre spielenden, heterosexuellen, weißen Männern – sei anderen Musikstilen überlegen. Der Headlinerplatz auf der »Pyramid Stage« des Glastonbury Festivals war über Jahrzehnte ein letztes, traditionalistisches Refugium des Rock, das dem Siegeszug von Pop, R&B und Hip-Hop trotzte.


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... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com