Was in der Antike Tempel, Theater und Agora waren, im Mittelalter die Kathedralen und unter absolutistischer Herrschaft die Schlösser, das stellten in den bürgerlichen Monarchien des 19. Jahrhunderts die Rathäuser, Justizpaläste und Opernhäuser dar: ikonische Bauwerke, die als Wahrzeichen von Kultur und Macht galten. In den von Fliehkräften geschüttelten Gesellschaften unserer Tage scheint ihre Kohärenz stiftende Wirkung verflogen. Gleichwohl entzündet sich die künstlerische Fantasie vor allem an Kulturbauten. Doch was können sie leisten, wie zu lebendigen Foren des Austauschs werden?
Erinnert sich noch jemand? An die Zeiten, als Francis Fukuyama unter dem Eindruck des politisch-wirtschaftlichen Bankrotts der Sowjetunion und ihrer »Bruderländer« vom Ende der Geschichte sprach? Als er die endgültige Vorherrschaft freiheitlich liberaler Demokratien prophezeite? Erinnert sich noch jemand, was die Protagonisten des nun vollends entfesselten Casino-Kapitalismus unter der neuen Freiheit verstanden, nämlich an den durch die digitale Revolution und den Kollaps des Ostblocks aberwitzig beschleunigten Börsen um Rekordprofite zu zocken, ohne Rücksicht auf Verluste? Und an die pandemische Verbreitung des Mantras, dass sich nur im freien Spiel der Märkte alles zum Wohlgefallen aller richten werde? Hat noch jemand die Nebelkerzen-Devisen »Deregulierung« und »Private-Public-Partnership« auf dem Schirm, mit denen Politik und Verwaltung die Abgabe öffentlicher Verantwortung an global agierende Investoren und Konzerne kaschierten? Oder die stetig fortschreitende Erosion diskursiv vereinbarter, demokratisch legitimierter Normen und Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben im dauererhitzten Blubbern virtueller Community-Blasen?

