Volker Hagedorn erzählt in seiner Kolumne, wie ihn die Klavierimprovisation eines Viertklässlers ins spätmittelalterliche Florenz katapultiert hat: sein beglückendstes Live-Erlebnis seit langem.  

»Glockenschall, Glockenschwall supra urbem, über der ganzen Stadt, in ihren von Klang überfüllten Lüften…« Ich war keineswegs in einer Stadt, und es war nicht die Zeit für ein Glockenläuten, viertel vor acht morgens, mitten in der Woche. Ich stand im endlich mal sonnenhellen Bad, in meinem 800-Einwohner-Dorf, und hobelte mir die Affenreste aus dem Gesicht. Der Klospülkasten gluckste. Und ich vernahm Glocken, wie von fernher und doch präsent, vielstimmig, nicht das einsame Läuten der Dorfkirche. Es kam auch nicht aus dem Glucksen.

Es kam um ein paar Ecken, während ich gerade an Florenz dachte. »Glocken, Glocken, sie schwingen und schaukeln, wogen und wiegen ausholend an ihren Balken, in ihren Stühlen, hundertstimmig, in babylonischem Durcheinander. Schwer und geschwind, brummend und bimmelnd…« Ich lauschte in den Korridor. Paul! Er saß vorn am Klavier und improvisierte. Er hatte ein bisschen Zeit, ehe er zur »Notbetreuung« radelte. Zuvor in der Küche, näher am Klavier, hatte ich gehört, wie er vom Klimpern in eine Struktur gekommen war – dieser Moment, in dem einem beim Kreativsein eine neue Ebene entgegenkommt.

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Das kann beim Klimpern und Stochern wie beim bewussten Arbeiten passieren. Vorgänge verbinden sich, und plötzlich entsteht etwas, nimmt Klarheit an, man folgt dem, so wie Paul irgendwann einem Metrum gefolgt war, zu dem er Tontrauben oben und unten aufstapelte. Inzwischen war er in einem neuen Chaos angelangt, einem noch latent strukturierten.  »…da ist nicht Zeitmass noch Einklang, sie reden auf einmal und alle einander ins Wort auch sich selber; an dröhnen die Klöppel und lassen nicht Zeit dem erregten Metall, dass es ausdröhne, da dröhnen sie pendelnd an am anderen Rande…«

Etwa so kamen Pauls Klaviertöne auf dem Umweg über Küche, Waschküche und Korridor bei mir an, aber auch von viel weiter her. Florenz! Vielleicht kann so etwas nur in der Halbtrance der morgendlichen Nassrasur passieren, in diesem seltsamen statischen Zustand, in dem man so markante Fortschritte erzielt wie sonst selten – in fünfzehn Minuten alles fertig! –, von denen klar ist, dass die Natur sie über Nacht wieder ungeschehen macht. Ergeben steht man in ewiger Rotation und zwischen den Zeiten. Also Florenz, 25. März 1436. Gerade hatte ich darüber gelesen, das Heft lag auf dem Badewannenrand.

Der Dom mit Brunelleschis irrer Kuppel wird eingeweiht, man singt Nuper Rosarum Flores von Guillaume Dufay, zum ersten Mal…Ich sehe die Stadt vor mir, Papst und Würdenträger auf Laufstegen, unfassbares Gepränge und (wie herrlich!) Gedränge, Läuten von allen Kirchen – plötzlich ist es identisch mit Pauls irregulär rhythmisierten Tontrauben. Keine Vergangenheit mehr in diesem Moment. Die Sonne über Florenz 1436 und jetzt über dem Dorf, was sind schon 585 Jahre Unterschied? Dufays vier Stimmen überspringen sie erst recht, jede ihrem eigenen Rhythmus folgend, bei wechselnder Melodik. Man kann sich in dieser Musik weit umsehen, erinnere ich mich, unbedingt wieder hören!

Und natürlich die Five Imaginary Spaces von Oliver Schneller, 2001 für Klavier und Liveelektronik komponiert, wo etwa ab 5’40 ein Klang entsteht, wie wenn man vom Klavier im Vordergrund, wie von einer Brüstung, auf eine Stadt blickt und ein Meer von Glocken hört, ein bronzenes Wogen, aus dem Kuppeln wie Blasen auftauchen – Ergebnis der millisekundenfeinen Zeitversetzung vier digital generierter Stimmen, die ihr Material vom Klavier beziehen… Aus dem glucksenden Klospülkasten kommt jetzt ein leises Stöhnen wie von einem gähnenden Monster, aber selbst das passt irgendwie in die Epiphanie.

Es gibt solche Momente, in denen so vieles zusammenfliegt, dass man den Kopf wegen Überfüllung schließen müsste, wenn nicht alles so wunderbar zufällig und absichtslos geschähe und nur Weite entsteht. So ähnlich lauscht Marcel Proust, im Bett liegend, den Rufen der Straßenhändler draußen, den cris de Paris, und erkennt im melodiösen Ruf des Schneckenhändlers, »sie kosten das Dutzend sechs Sous«, eine Passage aus Debussys Pelléas et Mélisande wieder und in der Litanei der Gemüsehändlerin die Artikulation gregorianischer Gesänge, weit ins Mittelalter gerät er, und in die Gegenwart ebenso, denn auch das Brummen eines Autos vor dem Fenster passt in seine »Symphonie«.

Schön, und nun wird es Zeit für ein paar Quellen. Die Proust-Passage findet sich in der Recherche, Band 11, Die Gefangene (1923). Five Imaginary Spaces von Oliver Schneller sind mit Heather O´Donnell zu hören auf der Porträt-CD bei Wergo, 2010 erschienen. Meine Favoritaufnahme von Dufays Nuper Rosarum Flores ist die mit The Song Company, leider vergriffen. Die Infos zur Uraufführung fand ich in Niedersächsische Intermezzi Nr.9, einem auffallend gut geschriebenen Magazin des Verbands Deutscher Schulmusiker. Und den »Glockenschwall« beschwört – da allerdings mit Blick auf Rom – Thomas Mann am Anfang seines Papstromans Der Erwählte von 1951.

Pauls Impro aber ist verflogen wie eine zarte Wolke, die gab´s nur einmal. Mit einem kreativen Abstand zwischen Spieler und Hörer, den einfach nur die Umstände eines Frühlingsmorgens bewirkten. Wurde auch mal Zeit. ¶

Volker Hagedorn

…lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur in Hannover und Leipzig und ist seit 1996 selbstständig als Autor u.a. für ZEIT und Deutschlandfunk. Im Rowohlt Verlag erschienen von ihm »Bachs Welt« (2016) und »Der Klang von Paris« (2019), ein weiteres Buch ist in progress.