Sie waren aus New York rübergekommen, um eine Woche Opernfestspiele in München zu erleben, vor allem aber »den Jonas«, ihren Lieblingstenor, ein wenig bang, ob er, an diesem Abend als Stargast-Cavaradossi in der neuen Tosca-Inszenierung des Ungarn Kornél Mundruczó denn noch der alte sein würde. Die Nachrichten von einem Schumann-Liederabend ein paar Tage zuvor waren diesbezüglich ein wenig besorgniserregend ausgefallen. Es ging dann aber alles ganz schön gut mit Recondita armonia und Lucevan le stelle. Nur als Regisseur Pasolini, wie vorgesehen von der Regie, als Personifizierung eines linken, schwulen, katholischen Avantgardekünstlers, der ins Visier einer gnadenlos repressiven Staatsgewalt (Scarpias Nachfolger) gerät, konnte man ihn sich kaum vorstellen, so kokett harmlos turtelte er mit seiner Tosca Eleonora Buratto (in Mundruczós Konzept die von Pasolini verehrte und epochale Tosca-Verkörperung M. Callas) herum, so wenig überzeugten seine Leiden unter der Folter. Aber will man das, »überzeugendes« Erleiden von Folterschmerzen in der Oper?
Nun wollte es der Zufall, dass ich gerade einen Klassiker der Theaterwissenschaftsliteratur las, Erika Fischer-Lichtes Ästhetik des Performativen, eine ehrwürdige und nach zwanzig Jahren noch haltbare Theorieschrift. Darin ist Interessantes über das uralte Theaterkonzept der »Verkörperung« (embodiment) einer Rolle durch die darstellende Person zu lesen, über das unauflösbare Spannungsverhältnis zwischen einem Text (dem Werk) und dem darstellenden Körper, der Leiblichkeit, die immer auch mitspielt, es geht ja gar nicht anders. Und das gab mir nun, den Jonas auf der Bühne erlebend, zu denken. Spätestens bei den schon vorfreudig gezupften Einleitungstakten zu seiner Romanze Recondita armonia war deutlich zu sehen, wie der Tenor J. K. den etwas verwegenen Überblendungsversuch des Malers Cavaradossi mit dem Filmregisseur Pasolini quasi körperlich wegwischte, er stieg aus der Inszenierung aus, indem er sich all dem ambitionierten, aufwändig detailverliebten Bühnengeschehen ab- und dem Parkett direkt zuwandte, dem Publikum, das mutmaßlich eben nicht Pasolini, sondern Tenorschmelz erwartete; und bekam. Der Jonas lieferte, farbenreich und höhensicher, kein bisschen Pasolini, allerdings auch nicht Puccinis Figur, nicht Cavaradossi, sondern Vorführung der Betörungskunst eines Sängers durch die Rolle hindurch.
Die New Yorker Fans waren froh. Was aber würde Fischer-Lichte dazu sagen? Dass es, schon gar nicht im Opern-Theater, natürlich nicht um »Entleiblichung« des Darstellenden gehen kann. Vielleicht, dass es spannend wird, wenn der reale »Körper selbst als etwas Geistiges in Erscheinung« tritt, »als verkörperter Geist (embodied mind)«. Wenn Präsenz und Idee ins Oszillieren kommen. Kaufmanns Körper singt sehr schöne Töne, verweist aber am Ende nur auf sich selbst. Man stelle sich vor: Dass es anders sein könnte – welche Wirkungspotenziale da noch in der Oper stecken.
Und da schon vor ihr die Rede war, weil Eleonora Buratto, der Sopran an seiner Seite, sie vorstellen sollte, als Verkörperung ihrer Tosca-Verkörperung: Die Callas war so ein Fall. ¶

