Nichts ist fertig. Wir fragen den aktuellen Forschungsstand zu den Klassikern ab. Heute: Wie Richard Strauss das Geschrei hinter sich ließ und warum er einer von uns sein könnte.

Text · Datum 18.4.2018

Seit 2011 ist Hartmut Schick Projektleiter der Kritischen Ausgabe der Werke von Richard Strauss und zugleich Leiter der Forschungsstelle Richard-Strauss-Ausgabe an der Ludwig-Maximilians-Universität München. VAN fragt nach: Gibt es Neuigkeiten über Richard Strauss zu berichten?

VAN: Professor Schick, Von Herausgeber Franz Trenner existiert eine Chronik zu Richard Strauss, die über eine lange Zeit lang jeden Tag im Leben von Strauss dokumentiert. Wir wissen also genau, was er wann gegessen, mit wem er sich wann und wo getroffen hat. Dann die Sinfonia domestica, in der Strauss musikalisch sein Familienleben schildert. Ist Strauss der privat uns am bekanntesten erscheinende Komponist, den es gibt?

Hartmut Schick: Er ist scheinbar sehr zugänglich. Weil er ja auch ein Leben geführt hat, das uns so fremd nicht ist, nämlich ein sehr bürgerliches, unspektakuläres Leben. Als treuer Ehemann fast ohne Affären, jedenfalls nicht während seiner Ehe. Ganz im Gegensatz zu Richard Wagner, der ständig fremdgegangen ist und aus finanziellen Gründen immer wieder auf der Flucht war, inhaftiert wurde und so weiter. Strauss dagegen führte ein so unspektakuläres Leben, dass man sagen möchte: ›Das könnte einer von uns sein!‹ Die Überlieferungslage ist in der Tat nicht schlecht. Strauss lebte ja auch in einer Zeit, in der der Journalismus bereits weit entwickelt war. Und es gab schon früh Biographien über ihn. Mit Willi Schuh hat er sich sogar noch zu Lebzeiten selbst einen Biographen ausgesucht und diesen mit Informationen über seine frühe Zeit versorgt. Gleichzeitig wusste er aber sein Inneres stets sehr gut abzuschirmen. Hinter die Fassade des bürgerlichen, anständigen, solide wirtschaftenden, einer protestantischen Leistungsethik verpflichteten Künstlers gibt er keinen Einblick. Man erfährt sehr wenig über sein eigentliches Denken – und das, obwohl er sich musikalisch ja mehrfach selbst porträtiert hat, nicht nur in der Sinfonia domestica op. 53. Über seine Musik und sein Seelenleben hat er sich fast gar nicht geäußert – anders als etwa ein Gustav Mahler. Von daher sind wir mit ihm nur scheinbar vertraut. Auch für uns Wissenschaftler ist Strauss in mancherlei Hinsicht noch ein Rätsel.

Gibt es denn das eine große Richard-Strauss-Rätsel, über das sich die Wissenschaftler Streiten?

Das kann man so eher nicht sagen. Ziemlich ungeklärt aber ist im Grunde immer noch der Hauptpunkt, an dem sich fast alle gerieben haben, am heftigsten Theodor W. Adorno – warum Strauss denn nach der Elektra (1909) eine Rückwendung zu traditionellerem Komponieren vollzogen hat. Er selbst hat sich dazu kaum konkret geäußert. Nach wie vor ist auch umstritten, wie man diese Entwicklung überhaupt bewerten soll: Ist das eine reaktionäre Wende, wie Adorno behauptete – oder ganz im Gegenteil ein Denken über die damalige Moderne hinaus? Zu Letzterem würde ich tendieren. Erst in jüngerer Zeit konnte man das Strauss’sche Schaffen ab dem Rosenkavalier als etwas verstehen, das bereits Züge eines postmodernen Komponierens avant la lettre hat. Also nicht eine Rückwendung zum 19. Jahrhundert.

Strauss war gewiss kein Spätromantiker wie Hans Pfitzner, sondern jemand, der nach 1909 auf spezielle Weise die Moderne hinter sich gelassen hat, ohne deswegen aber den Schritt zur atonalen ›Neuen Musik‹ zu vollziehen. Es ist jedenfalls eine die Musikgeschichte sehr bewusst reflektierende Kompositionsweise, dem späten Strawinsky nicht ganz unähnlich, die uns seit dreißig, vierzig Jahren vielleicht sogar verständlicher ist als den Zeitgenossen damals: als eine Art von postmodernem Komponieren voller Ironie, Gebrochenheit und auskomponierten Anführungszeichen.

Aber postmodern ist doch beispielsweise das – tatsächlich traditionelle, konservative – zweite Hornkonzert von 1942 nicht…

Ja, das ist ein nostalgischer Rückblick auf die Jugend und den eigenen Vater. Aber denken Sie etwa an Ariadne auf Naxos oder an Capriccio, wie Strauss da über die Musikgeschichte, über vergangene Gattungen und Stile nachdenkt und sie reflektierend, diskutierend auf die Bühne bringt.

Das ist eine Haltung, die meilenweit entfernt ist von der Ästhetik eines Alban Berg oder von Schönbergs Moses und Aron. Da findet sich ein spielerisch-ironischer Zugang zur Musik, der sich dem simplen Fortschrittsdenken entzieht und der trotzdem nicht einfach Vergangenes repetiert. Und es fällt ja schon auf, dass viele aktuelle Komponisten, etwa Jörg Widmann, Manfred Trojahn, Wolfgang Rihm und sogar ein Helmut Lachenmann, mit der Musik von Strauss wieder viel mehr anfangen können als die Avantgardisten der Nachkriegszeit, die Generation von Boulez und Stockhausen. Ich denke, bestimmte Facetten der Strauss’schen Werke kommen erst jetzt so richtig zur Entfaltung und werden auf neue Weise produktiv in der aktuellen Musik.

Bei Trojahn und Widmann liegt die Faszination für Strauss sicher in der Straussschen Verquickung von durchaus modernem Anspruch in Sachen Harmonik mit dem Bekenntnis zum musikalisch-bürgerlichen Konservatismus…

Natürlich spielt für Komponisten großer Orchesterwerke und Opern Strauss‘ stupende Orchestertechnik mit dem hochvirtuosen Einsatz aller Instrumente eine wichtige Rolle. Das fasziniert heutige Komponisten, selbst wenn sie stilistisch dann doch ganz anders komponieren. Aber auch der hochkomplexe Kontrapunkt und die genannte Reflexivität des Zugriffs auf Vergangenes ist für viele heutige Komponisten etwas, von dem sie sich herausfordern und inspirieren lassen.

An welchem Richard-Strauss-Projekt arbeiten Sie gerade?

Momentan bin ich besonders mit der Leitung der Kritischen Ausgabe der Werke von Richard Strauss beschäftigt. Das ist ein Langzeitprojekt, ähnlich einer klassischen Gesamtausgabe. Eine historisch quellenkritisch arbeitende Ausgabe also, allerdings nicht sämtlicher Werke – das würde die anberaumte Laufzeit von 25 Jahren sprengen. Das Projekt existiert seit 2011, und es wurde gerade positiv über die Weiterförderung entschieden, so dass es wohl bis 2035 laufen kann. In über fünfzig großen Bänden werden hier die Werke von Richard Strauss in einer Auswahl erstmals kritisch ediert erscheinen, auch unter Einbezug des Internets: Wesentliche Teile, vor allem Texte und Dokumentensammlungen, sind auf der Online-Plattform richard-strauss-ausgabe.de kostenfrei zugänglich.

Heißt das, dass Sie sich auf die wichtigsten Werke konzentrieren – oder auf die Werke, die auf besondere Weise einer kritischen Edition bedürfen?

Nun ja, die Werke von Richard Strauss gibt es ja bisher noch in gar keiner kritischen Edition. Da ist Basisarbeit zu leisten. Die meisten Briefe sind übrigens auch noch nicht ediert. Nein, wir konzentrieren uns auf die wichtigsten Werkgruppen, die Bühnenwerke, die Orchesterwerke, die Klavier- und Orchesterlieder und die Kammermusik. Diese Werkgruppen werden komplett ediert. Nicht berücksichtigt werden können die Chor- und vokalen Ensemblewerke, die Bearbeitungen und die reinen Klavierwerke.

Nächstes Jahr läuft die Urheberschutzfrist – 70 Jahre nach dem Tod von Richard Strauss – aus. Strauss war ja selber Mit-Initiator der Vorläufergesellschaft der GEMA. Wird sich Ihrer Meinung nach die Zahl der Aufführungen seiner Werke dadurch erhöhen?

Tatsächlich wird das Werk von Strauss am 1. Januar 2020 urheberrechtsfrei. Ich vermute, dass die Opernhäuser, die Orchester und auch die Rundfunkanstalten dann in der Tat mehr von Strauss spielen werden, weil die Tantiemen an die Erben des Komponisten wegfallen. Insbesondere das Aufführen und Übertragen von Bühnenwerken – das ist ja ›Großes Recht‹ – wird dadurch viel weniger teuer. Es bleiben dann nur die Kosten für neues Notenmaterial und dessen Nutzung.

Ist das Werk von Strauss komplett aufgearbeitet? Oder besteht die MÖglichkeit, dass noch völlig neue Werke von ihm auftauchen?

Sensationen sind eher nicht zu erwarten. Wir haben keine neue Tondichtung und keine neue Oper gefunden. Verschollen geglaubte Lieder tauchten durchaus bereits auf, aber ohne, dass das ›sensationell‹ genannt werden könnte. Dennoch gab es und gibt es weiterhin große Aufgaben für uns. Etwa die Frühfassung der Tondichtung Macbeth, die ja sowieso viel zu wenig gespielt wird. Die haben wir gerade erstmals ediert. An den Unterschieden der Fassungen kann man nun wunderschön ablesen, wie der junge Strauss von einem guten zu einem genialen Orchestrierer wurde. Wir haben das synoptisch ediert, auf der linken Seite sieht man jeweils die Frühfassung und rechts die endgültige Fassung. Außerdem edieren wir erstmals eine 1930 entstandene Fassung der Salome. Dort hat Strauss die Titelrolle so eingerichtet, dass sie für eine lyrische Sopranistin singbar ist. Also nicht für eine hochdramatische Sängerin à la Brünnhilde und Isolde, sondern für eine jugendlich-schlanke und lyrische Stimme, wie sie mittlerweile, 25 Jahre nach der Salome-Uraufführung, zu seinem Stimmideal geworden war. Strauss hat dazu das Orchester immer dort, wo Salome singt, drastisch zurückgefahren: Streichung von Instrumenten, manchmal sogar des ganzen Bläserapparats, Dämpfung der Gesamtlautstärke und Ähnliches. Strauss hat diese Version ab 1930 entschieden favorisiert, wenn auch nicht drucken lassen – das holen wir jetzt in einem zweiten Salome-Band nach, und die Praxis reagiert bereits darauf. Ein anderer Fall ist die Frühfassung der Cellosonate F-Dur op. 6, die ebenfalls noch nicht ediert ist; sie enthält zwei bislang ganz unbekannte Sätze und wird von uns auch erstmals für Forschung und Praxis erschlossen.

Man kann die Opern von Richard Strauss auf eine Weise ja als ›Upgrade‹ von Richard Wagners Werken verstehen. Wagner hatte aber bald seinen überdachten Orchestergraben in Bayreuth, für den er komponierte und der den Orchesterklang wesentlich sanfter machte. Inzwischen schrieen aber sowieso alle Sänger nur noch, weil man sich dran gewöhnt hatte, dass man ›über das Orchester‹ kommen muss. Hat Strauss sozusagen den ›bayreuthlosen Wagner‹ rezipiert und deshalb meist dann doch so komponiert, dass alLe Sängerinnen und Sänger bei ihm schreien müssen?

Man muss den frühen und mittleren Strauss von dem späteren Strauss unterscheiden, was seine Opern angeht. Die früheren Werke sind tatsächlich noch dem Erbe Wagners verpflichtet, von Guntram bis Elektra und auch Manches danach. Da schreien die Sänger nicht selten, da haben Sie recht. Aber, wie gesagt, spätestens 1930 hatte sich selbst bei Salome die Ästhetik von Strauss gewandelt, und entsprechend nimmt er das Orchester zurück. Schon in Ariadne auf Naxos ist das Orchester übrigens deutlich kleiner besetzt. Und immer mehr begegnen einem beim späteren Strauss auch in den Opern kammermusikalische Stellen. Das ist dann konsequent durchgeführt in der allerletzten Oper Capriccio aus dem Jahr 1942. Die ist so kammermusikalisch und im Konversationston gehalten, dass die Sängerinnen und Sänger kaum noch Gelegenheit bekommen, sich richtig auszusingen, und das Orchester hält sich extrem zurück.


What’s up with … Richard Strauss? Wie der Komponist das Geschrei hinter sich ließ und warum er einer von uns sein könnte in @vanmusik.

WElcher INterpret hat IHrer Meinung nach einen ganz besonderen Zugang zu Richard Strauss?

Da würde ich an allererster Stelle Kirill Petrenko nennen. Nicht nur, weil ich in München lebe und wir ihn ja hier als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper erleben können. Ich finde, dass er der eindrucksvollste Strauss-Dirigent der Gegenwart ist. Auch weil er wie kein anderer versteht, den riesengroßen Strauss-Orchesterapparat so durchsichtig spielen zu lassen, dass alles hörbar wird und auch die Sängerinnen und Sänger eben nicht schreien müssen. Er nimmt übrigens gerne recht flotte Tempi, wie Strauss das als Dirigent und Liedbegleiter auch immer gemacht hat. Was die Sänger angeht: Da bedauere ich sehr, dass Christian Gerhaher bislang einen Bogen um Strauss macht. Ich fände es toll, wenn er neben Mahler und anderen Zeitgenossen eben auch Lieder und Opernpartien von Strauss singen würde.

Welches Werk von Richard Strauss würden Sie einem Klassik-Neueinsteiger empfehlen?

Die Tondichtung Till Eulenspiegels lustige Streiche.

Da passiert in einer knappen Viertelstunde irrsinnig viel. Und trotzdem ist das Werk auch für Ungeübte sehr zugänglich dadurch, dass man eine Art von ›Geschichte‹ hat, die man dann in der Musik auskomponiert wiederfinden kann. Es ist Musik, die einen mit ihrem Humor, ihrer Frische, ihrem quicklebendigen Einfallsreichtum einfach spontan anspricht und überwältigt, selbst wenn man mit dem Namen ›Strauss‹ bisher nur den Wiener Walzerkönig assoziiert hat. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte. Lücker ist Erfinder des Sinfon-O-Maten und des Oper-O-Maten.