»Hast du zufällig von diesem Buch mitbekommen? Ich fand’s crazy gut, wie authentisch es das Leben im Übezimmer und Konservatorium erzählt«, schrieb mir vor ein paar Wochen ein befreundeter Pianist. Gemeint war ›Wer möchte nicht im Leben bleiben‹, der dritte Roman von Helene Bukowski über das wahre Leben der jungen Pianistin Christina, die sich 1985 in Neubrandenburg das Leben nahm.
Aufmerksam gemacht auf diese Geschichte wird Bukowski durch eine Freundin ihrer Großmutter, die beim Sichten des Nachlasses von Christinas Mutter zu dem Schluss gekommen war, dass dieses Leben »erzählt werden müsse«. Zunächst ist die 1993 in Berlin geborene Schriftstellerin skeptisch, was dieses Leben mit ihr zu tun habe, aber schon beim ersten Durchsehen nimmt sie der Nachlass gefangen: »Zurück in Berlin, begann ich zu lesen, zu blättern, zu hören. Schon nach kurzer Zeit sah ich dich quer über die Freifläche laufen. Seitdem versuche ich zu dir aufzuschließen, dich einzuholen, dich zu greifen.« Bukowski nähert sich Christina im Roman als Ich-Erzählerin, spricht die Pianistin als Gegenüber direkt an. Vom ersten Klavierunterricht in jungen Jahren beim Vater begleitet die Erzählerin Christina, über die »Spezi«, die Spezialschule für Musik in Berlin, wo Christina ihre Jugend im Internat verbrachte, bis zum Studium nach Moskau und schließlich wieder zurück in die DDR. Dabei füllt Bukowski die Leerstellen, die trotz intensiver Recherche bleiben, und zeigt Widersprüche, zum Beispiel in Berichten des Vaters und der Stasi. Als Leserin erlebe ich mit, wie die Erzählerin mehr und mehr über Christina erfährt und viele Fragezeichen bleiben.
Die Musik bedeutete für Christina von Anfang an sowohl Druck und Drill als auch Freiheit. Als die junge Christina einmal nicht üben will, so heißt es im Buch, wird ihr vom Vater angedroht: »Dann gibt es wohl heute auch nichts zu essen.« Als Christina als Sechsjährige von zu Hause abhauen will, hält sie gerade das Klavier zurück: »Du willst gerade die Wohnung verlassen, da fällt dein Blick auf das Klavier. Es kann dir nicht folgen, steht stumm. Seufzend löst du das Bündel wieder auf, kletterst zurück in dein Bett, unter die noch warme Decke.« Autorin Helene Bukowski berichtet mir von einem Treffen mit einem Mitschüler Christinas: »Jemand, der auch auf der Spezi zwei Jahrgänge unter ihr war, hat erzählt: Er sitzt dort und kennt sie als diese zurückhaltende, eher unscheinbare Person. Sobald sie dann aber am Klavier sitzt, ist da ganz viel, ganz viel Ausdruck und ganz viele Emotionen.«
Für unser Gespräch schlägt Bukowski ein »unaufgeregtes« Café in Berlin-Friedrichshain vor, vor dem wir in der Sonne sitzen können. Sie kommt mit dem Rad, in hellblau glänzender Bomberjacke über einer kuschelig aussehenden Kapuzenjacke.
Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.
Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv
VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.
