Das Ende des alten Europa datiere ich auf den 16. Januar 1938. Es ist der Abend, an dem Bruno Walter im Wiener Musikverein Mahlers Neunte Symphonie dirigierte. Es war eines der letzten Konzerte, in dem Walter mit den Wiener Philharmonikern Musik machte, bevor er wegen seiner jüdischen Wurzeln aus jenem Österreich floh, das sich ein paar Wochen später Nazi-Deutschland »anschließen« würde. Jenes Österreich, in das er 1933 nach Hitlers Machtübernahme geflohen war. Bald nach diesem Abend wurden die jüdischen Philharmoniker aus dem Orchester aussortiert. Das Konzert, nichtendenwollend in einem langen langen Pianissimo (trotz des überraschend hohen Tempos), bedeutete einen zweifachen Abschied: den Gustav Mahlers von der Welt, und den Bruno Walters, seines Assistenten, Vertrauten, Freundes, Promoters, aus Wien, aus dem alten Europa. Es war ein Musizieren unter besonderen Umständen.
Dass es davon einen Live-Mitschnitt gibt, ist ein historischer Glücksfall. Der Produzent Fred Gaisberg hatte die »Grammophone Company« zu dem außerordentlichen Projekt überredet, das großdimensionierte Werk live aufzunehmen und er hatte die Wachsmatritzen noch vor dem »Anschluss« an Hitler-Deutschland im März 1938 nach England in Sicherheit gebracht. Bücher haben ihre Geschichte, Platten auch. Diese hält fest, eindringlich und unsentimental, dass da etwas zu Ende ging. Walter hat die Neunte im Jahr nach Mahlers Tod 1912 in Wien uraufgeführt, und er hat sie, 1961 in Kalifornien, mit seinem Columbia Symphony Orchestra noch einmal in Stereo aufgenommen. Hier ist sogar die Probenarbeit festgehalten. »My friends«, nennt er die Musiker des Columbia Symphony, unermüdlich höflich korrigierend im Detail und doch mit dem Blick auf den ganz großen Bogen. »Er beherrschte uns durch Gewaltlosigkeit«, brachte ein Orchestermusiker die Arbeit mit dem Dirigenten Walter auf den Punkt. In den diesen Probenmitschnitten ist es immer wieder zu hören, sein freundlich vorgetragener Wunsch häufig nach noch mehr Piano, nach Gesang, nach einem klanglichen »Dolce«, das nie verzuckert klang. Walters Schönheitssinn verstand sich als Wahrheitssuche. Die Wiener Aufnahme vom Januar 1938 ist überhaupt nicht perfekt, aber sie hat eine Wärme, Dringlichkeit, ja Verzweiflung, die zu dem historischen Moment gehört, in dem sie entstanden ist. Eine Unwiederbringlichkeit.
Daran musste ich letzten Samstag denken, als das Mahler Academy Orchestra und Philipp von Steinaecker mit der Neunten in der Kölner Philharmonie zu hören waren. Über die faszinierend verrückte Akribie, mit der sie da in der Nähe von Mahlers Toblacher Komponierhäusl versuchen, sich historisch genauestens zu informieren über Spielweisen, Glissando-Gepflogenheiten, sogar Mahlers Originalinstrumentarium zu beschaffen, hatte ich mich hier in VAN schon gefreut. Und dass Steinaecker da qualifizierten Nachwuchs mit den besten alten Häsinnen und Hasen im Sternbild Mahler zusammenbringt, ist ja sowieso toll. Meine Erwartung war hoch. Vielleicht zu hoch, um nicht enttäuscht zu werden, denn mitten in den allgemeinen Begeisterungsstürmen am Ende blieb ich doch ein wenig unerreicht, bei aller gebotenen Exzellenz. Den jungen Musikerinnen und Musikern, auch den älteren Hasen war die Freude am Gelingen anzusehen, der Dirigent schien auf Klangwogen zu surfen, Afanasy Chupin als entfesselter Konzertmeister immer auf dem Sprung, – mir war es zu viel, zuviel »Pedal«. Zweifellos eine gute Aufführung. Zugleich die Erkenntnis, dass ein noch so detailbesessen historisches Informiertsein nicht an diese Dimension des Musikmachens anno ’38 reichen kann. Wie auch!
Am 150. Geburtstag des Dirigenten Bruno Walter ist aber auch daran zu erinnern, dass und wie sehr dieser große Musiker eine Autorität eigener Art verkörperte, ein wenig fremd in der schnellen Welt der Pultstars, ein seltenes, darum kostbares präheroisches Künstlertum. ¶

