Über die Mode von oft etwas krampfig zusammengestoppelten Konzept-Alben in der klassischen Musik sollte The Society bald einmal nachdenken. Heute erst einmal ein Beispiel, wie es auch gehen kann. Der niederländische Countertenor Oscar Verhaar hat mit La Sfera Armoniosa unter Leitung von Mike Fentross ein Händel-Oratorienprogramm zusammengestellt unter dem auf den ersten Blick wenig originellen Titel Freedom. Auf den zweiten Blick, nämlich dem ins Booklet, gewinnt das Thema allerdings schlagartig Brisanz. Denn erstens schlägt Verhaar ohne Umwege einen Bogen zu den drängenden Fragen bedrohter Freiheit heute, von COVID über den Ukraine-Krieg bis zur Lage im Gaza-Streifen. Das macht er auf so unprätentiös direkte Art, dass man das Programm (ein Mix-up aus Deborah, Samson, Jephtha, Belshazzar und anderen) gleich mit einer guten Frage im Kopf anhört: Ob und inwiefern nämlich das Krisenszenario unserer Gegenwart die Ohren für diese fernen Klänge schärft.
Zweitens, und das spitzt die Sache noch zu, fragt Verhaar nach den Verbindungen von Händels prächtiger Kunstentfaltung und den gleichfalls prächtigen Profiten aus dem britischen Sklavenhandel. Die sind direkter, als man denken würde. Nicht weniger als ein Drittel von Händels Sponsoren (als der finanziellen Träger seiner Royal Academy) waren Investoren und Nutznießer der Royal African Company und der South Sea Company. Deren Erträge flossen teils direkt in Händels Tasche. Am Geld, das seine sublime Opern- und Oratorienkunst möglich machte, haftet insofern das Blut kolonialer Gewaltgeschichte. In einem Beitrag des amerikanischen Musikhistorikers David Hunter wird sogar ein direktes Investment Händels in die Sklavenwirtschaft belegt.
Das ist, für die Freunde der Alten Musik, ein unangenehmer Befund. Wir sehen, was lange übersehen wurde: Wie verwoben die Geschichte der westlichen Kunst mit der Kolonialgeschichte war, und dass die gar nicht so unschuldige Musik da eben keine Ausnahme bildete. Der Blick auf die ökonomischen Voraussetzungen zum Beispiel von Händels Arbeit wirft fraglos einen Schatten auf Glanz und Genie. Doch vermittelt sich solcher Erkenntnisgewinn durch das Booklet einer Händel-CD, die die Musik ja gerade nicht cancelt, sondern spielt. Der schwächere Teil ist dabei der Versuch, dem großen Mann Händel eine Art frühwokes Bewusstsein zuzuschreiben: Er habe ja das Thema Freiheit versus Sklaverei immerhin und immer wieder komponiert.
Die Playlist von Verhaars Freedom im Ohr, wird die Musik produktiv durchsichtig für die dunkle andere Seite der Schönheit. Es geht um Sensibilisierung und eine Menge neuer und unbequemer Fragen. Doch im Schattenwurf werden die Verhältnisse auch plastischer, man kann mithören, wie sehr diese bewegende, verfeinerte Händelmusik einer gar nicht schönen Welt abgerungen war. Das Schöne neben dem Schrecklichen, wir müssen es wohl zusammen sehen lernen. ¶

