Am 23. Februar 1685 wurde Barock-Legende Georg Friedrich Händel geboren. Nach den ersten Jahren in seiner Geburtsstadt Halle (Saale) ging es für Händel zunächst an die damalige Gänsemarkt-Oper in Hamburg, wo er Violine und Cembalo im Orchester spielte und mit der frühen deutschen Barockoper in Kontakt kam. Darauf folgten mehr als drei Jahre auf Tour durch Italien. Hauptsächlich hielt sich Händel in Rom auf, besuchte ein paar andere italienische Musik-Metropolen, trat als Interpret in Erscheinung und komponierte vor allem viele Kantaten. Nach seinem Agrippina–Erfolg am zweiten Weihnachtstag 1709 in Venedig wurde er zum Hofkapellmeister in Hannover ernannt. Seine Blütezeit aber verbrachte er viele Jahre in London, wo er zum absoluten (komponierenden und organisierenden) Weltstar der Oper emporstieg. Nach Aufbau, Höhe- und Tiefpunkten in London starb Händel ebendort am 14. April 1759 mit 74 Jahren – quasi als englisches Nationalheiligtum deutscher Herkunft.Arno Lücker hat mit John Roberts gesprochen – und ihn zu Händel ausgefragt. Roberts ist emeritierter Musikwissenschaftsprofessor an der University of California, Berkeley – und als Entdecker mehrerer unbekannter Barockwerke bekannt, darunter Alessandro Scarlattis Oper L’Aldimiro.
VAN: Gibt es diese eine grosse Händel-Frage, über die sich alle Expert:innen auf einem Händel-Symposium streiten?
John Roberts: Auf Händel-Symposien wird nicht allzu viel gestritten. Im Hintergrund lauern jedoch immer zwei Fragen, über die wir Händel-Forscher:innen uns überhaupt nicht einig sind. Die erste Frage betrifft Händels Gewohnheit, Ideen und manchmal sogar umfangreichere Passagen anderer Komponisten zu ›entlehnen‹ und sie dabei stark zu verändern. Diese Praxis ist zwar seit dem späten 19. Jahrhundert weithin erforscht; trotzdem gab es im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Kontroversen darüber, wie umfangreich dieses ›Borrowing‹ bei Händel war, wie es im historischen Kontext zu sehen ist und wie wir es bewerten sollten. Meine Meinung dazu – als jemand, der sich mit dieser Entlehnungspraxis ausführlich beschäftigt hat – ist, dass die Wiederverwertung von altem musikalischem Material für Händels Komponieren von grundlegender Bedeutung war. Der Vergleich seiner Musik mit den vorliegenden musikalischen Modellen macht erst die Kraft und Vielschichtigkeit seiner kompositorischen Originalität deutlich und gibt einen Einblick in die Denkstrukturen des Komponisten, ähnlich wie wir Beethoven angesichts seiner Notiz- und Skizzenbücher quasi beim Komponieren beobachten können.

