Wie geht es den großen (toten) Komponist:innen eigentlich? Tut sich da noch was? Gibt’s Neuigkeiten? Oder ist das Œuvre aller Musikgrößen komplett erforscht? Sind deren Biographien total »auserzählt«? Wir befragen die jeweils wichtigsten Forscher:innen weltweit nach dem, was noch so »geht«…

Text · Datum 3.3.2021

Vor fast genau 336 Jahren – am 23. Februar 1685 – wurde Barock-Legende Georg Friedrich Händel geboren. Nach den ersten Jahren in seiner Geburtsstadt Halle (Saale) ging es für Händel zunächst an die damalige Gänsemarkt-Oper in Hamburg, wo er Violine und Cembalo im Orchester spielte und mit der frühen deutschen Barockoper in Kontakt kam. Darauf folgten mehr als drei Jahre auf Tour durch Italien. Hauptsächlich hielt sich Händel in Rom auf, besuchte ein paar andere italienische Musik-Metropolen, trat als Interpret in Erscheinung und komponierte vor allem viele Kantaten. Nach seinem AgrippinaErfolg am zweiten Weihnachtstag 1709 in Venedig wurde er zum Hofkapellmeister in Hannover ernannt. Seine Blütezeit aber verbrachte er viele Jahre in London, wo er zum absoluten (komponierenden und organisierenden) Weltstar der Oper emporstieg. Nach Aufbau, Höhe- und Tiefpunkten in London starb Händel ebendort am 14. April 1759 mit 74 Jahren – quasi als englisches Nationalheiligtum deutscher Herkunft.Arno Lücker hat mit John Roberts gesprochen – und ihn zu Händel ausgefragt. Roberts ist emeritierter Musikwissenschaftsprofessor an der University of California, Berkeley – und als Entdecker mehrerer unbekannter Barockwerke bekannt, darunter Alessandro Scarlattis Oper L’Aldimiro.

VAN: Gibt es diese eine grosse Händel-Frage, über die sich alle Expert:innen auf einem Händel-Symposium streiten?

John Roberts: Auf Händel-Symposien wird nicht allzu viel gestritten. Im Hintergrund lauern jedoch immer zwei Fragen, über die wir Händel-Forscher:innen uns überhaupt nicht einig sind. Die erste Frage betrifft Händels Gewohnheit, Ideen und manchmal sogar umfangreichere Passagen anderer Komponisten zu ›entlehnen‹ und sie dabei stark zu verändern. Diese Praxis ist zwar seit dem späten 19. Jahrhundert weithin erforscht; trotzdem gab es im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Kontroversen darüber, wie umfangreich dieses ›Borrowing‹ bei Händel war, wie es im historischen Kontext zu sehen ist und wie wir es bewerten sollten. Meine Meinung dazu – als jemand, der sich mit dieser Entlehnungspraxis ausführlich beschäftigt hat – ist, dass die Wiederverwertung von altem musikalischem Material für Händels Komponieren von grundlegender Bedeutung war. Der Vergleich seiner Musik mit den vorliegenden musikalischen Modellen macht erst die Kraft und Vielschichtigkeit seiner kompositorischen Originalität deutlich und gibt einen Einblick in die Denkstrukturen des Komponisten, ähnlich wie wir Beethoven angesichts seiner Notiz- und Skizzenbücher quasi beim Komponieren beobachten können.

Eine zweite Frage, die aktuell diskutiert wurde, ist Händels Sexualität – oder, wie ein Schriftsteller es mal ganz schlicht in den Raum hinein fragte: ›Was Handel gay?‹ Wir wissen, dass Händel nie geheiratet hat, aber die Wahrheit ist, dass wir nur sehr wenige Hinweise in Hinsicht auf mögliche sexuelle oder romantische Geschichten haben. Was wir haben, das sind ein paar Anekdoten zweifelhafter Zuverlässigkeit, die Händels potentielle Beziehungen zu Frauen betreffen. Letztlich kann man wohl recht sicher feststellen, dass dieser Mann, der so unendlich viel sinnliche Musik komponiert hat und berühmt dafür war, sich den Freuden der Kulinarik hinzugeben, irgendeine Art von Liebesleben gehabt haben muss. Vielleicht hat er sich bewusst entschieden, damit sehr diskret umzugehen, gerade, weil es in England viele Konkurrenten gab, die eifersüchtig auf seinen Erfolg waren oder ihn für arrogant hielten und daher großes Interesse hatten, seinen Namen mit Vorwürfen unangemessenen Verhaltens zu beschmutzen, wie es anderen schon zuvor widerfahren war. Dass solche Angriffsversuche damals nie stattfanden, deutet daraufhin, dass alles, was Händel in dieser Hinsicht tat, sehr im Privaten blieb.

Existiert da draussen ein Händel-Werk, das vielleicht gar nicht von Händel ist?

Viele berühmte Namen von Komponist:innen stehen über Werken, die sie gar nicht selbst komponiert haben – und Händel ist da keine Ausnahme. Hans Joachim Marx und Steffen Voss haben einen ganzen Katalog mit in ihrem vermeintlich Händelschen Ursprung zweifelhaften Werken publiziert. Besonders bekannt ist der Fall von vier Violinsonaten (HWV 368, 370, 372 und 373). Alle meine Kolleg:innen sind der Überzeugung, dass diese Stücke nicht von Händel komponiert wurden; trotzdem werden diese Sonaten regelmäßig von bekannten Geiger:innen gespielt. Die Popularität dieser und anderer Werke stützt sich auch auf ihren Platz in den beiden Händel-Gesamtausgaben, wo sie nämlich zusammen mit einer Johannes-Passion abgedruckt sind, die lange Händel zugeschrieben wurde. Trotz der hohen Qualität dieser Passion ist die Musik aber ganz sicher nicht von ihm. Das jüngste Beispiel in der Reihe falscher Zuschreibungen ist die Serenata Germanico, die 2007 mit viel Bohei der Öffentlichkeit präsentiert und auf CD aufgenommen wurde. Auch dieses Werk hat mit Händel nichts zu tun. Und leider ist es häufig kompliziert festzustellen, wer die jeweils eigentlichen Urheber:innen sind. Die Johannes-Passion wurde vier anderen Komponisten zugeschrieben – und meine eigenen Bemühungen, als Urheber des Werkes Reinhard Keiser auszumachen, stießen zumindest in Deutschland auf Widerstand.

Ist es möglich, dass in Zukunft ein grösseres Werk von Händel auftaucht, das wir bis dato gar nicht kannten?

Die Überlieferungssituation von Händels Musik ist bemerkenswert gut, weil die meisten seiner Handschriften im Besitz der britischen Königsfamilie waren und sich jetzt in der British Library in London befinden; zudem sammelten und archivierten schon zu Händels Lebzeiten Bewunderer:innen in England seine Werke. Eine große Lücke in der Überlieferung klafft jedoch, was die Zeit vor 1706 angeht; damals verließ Händel Deutschland in Richtung Italien. Wir haben keine einzige Nummer aus seiner zweiten Oper für Hamburg (Nero, 1706) und nur verstreute Fragmente aus zwei Opern dieser Zeit (Florindo und Daphne), die erst 1708 uraufgeführt wurden. Zudem soll Händel in seiner Jugend bereits zahlreiche Kirchenkantaten geschrieben haben. Würde eines dieser verlorenen Werke heute auftauchen, dann wäre das eine Sensation. Aber das ist eher unwahrscheinlich; dazu wurde bereits viel zu viel Recherchearbeit geleistet. Wir müssen uns also eher mit der gelegentlichen Entdeckung einer noch irgendwo fehlenden Arie oder dem Fund einer alternativen Version eines kleineren Werkes begnügen. Ich selbst hatte das Glück, 2015 in dem persönlichen Archiv von Ton Koopman eine frühere Version der Kantate Tu fedel? tu costante? HWV 171 zu finden, in der drei uns bislang unbekannte Arien enthalten sind. Diese Kantaten-Version (HWV 171a) wurde dann von Ton Koopman selbst auf CD aufgenommen.

Welche Musik Händels ist aus Ihrer Sicht völlig unterschätzt?

Es ist noch gar nicht so lange her, dass man im Grunde alle großen Vokalwerke Händels qualitativ seinem Messiah-Oratorium unterstellte – und dementsprechend andere Arbeiten unterschätzte. Inzwischen gibt es mindestens eine Aufnahme von jeder Oper und von jedem Oratorium, von einigen Werken sogar mehrere. Was seine Opern betrifft gab es jedoch anhaltende Vorurteile gegenüber bestimmten Werken, deren Libretti als dramaturgisch schwach eingeschätzt wurden. Die Musik auf CD aufzunehmen war kein Problem, nur ging man entsprechenden Produktionen für die Bühne eher aus dem Weg. Ein typisches Beispiel ist die Oper Faramondo (1738). Die Oper war zwischen 1976 und 2014 weder in Deutschland noch zwischen 1981 und 2017 in Großbritannien zu sehen, dabei ist sie musikalisch genauso reichhaltig wie Händels Oper Serse, die aus der gleichen Zeit stammt und weltweit häufig aufgeführt wird. (Faramondo wurde dafür bereits 2014 und 2017 von Laurence Cummings dirigiert).

Welches ist Ihre Händel-Lieblingsaufnahme?

Es fällt mir schwer, eine Lieblingsaufnahme zu nennen. Wir haben so viele tolle Händel-Dirigenten: John Butt, William Christie, Laurence Cummings, Paul McCreesh, Nic McGegan, Peter Neumann, George Petrou und Alan Curtis, um nur Einige zu nennen – und wir haben so viele versierten Händel-Sänger:innen. Ich muss zugeben, dass es bei jeder Aufnahme oft eine einzelne Nummer gibt, die ich von der Interpretation her in Tempo, Ornamentik oder Balance problematisch finde; dafür überzeugt mich aber vielleicht eine andere Nummer derselben Einspielung total. Trotz allem aber ist für mich das denkwürdigste Händel-Erlebnis der letzten Zeit die Aufführung des Oratoriums Saul von Nic McGegan und dem Philharmonia Baroque Orchestra aus dem Jahr 2019. Dieses Oratorium kann man sich bei YouTube anhören (leider nicht auf CD).

Händel komponierte Saul für die Saison 1738, in der er nicht auf das übliche Ensemble italienischen Sänger:innen zurückgreifen konnte. Stattdessen begeisterte er sein Publikum mit einer außerordentlich reichhaltigen Orchesterbesetzung, darunter Posaunen und extragroße Pauken, die er sich von der Royal Artillery ausleihen musste. Nic McGegan hat für die Aufführung eine wundervolle Gruppe von Sänger:innen engagiert und sich glücklicherweise auch nicht gescheut, an den richtigen Stellen diese fast geräuschhafte Kulisse des Orchesters im Sinne Händels zu entfalten. Das ist absolut aufregend! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte. Lücker ist Erfinder des Sinfon-O-Maten und des Oper-O-Maten.