Auch wenn hier meist aus dem künstlerischen Hoch-Betrieb der Musik berichtet wird: Zur Society of Music gehören ja vielmehr die vielen, die sich um Musikunterricht in der Schule oder die Klavierstunden zuhause kümmern, die vielen, die in Chören oder Mandolinenorchestern oder im Akkordeon-Ensemble spielen und Spaß haben. Der Deutsche Musikrat, die Dachorganisation der musikalischen Verbände, rechnet regelmäßig aus, dass sich für Musik mehr Menschen organisiert haben als für Fußball, das ist viel. Immer noch, denn es hapert beim Nachwuchs, es fehlen Musiklehrerinnen und Musiklehrer, und es wollen immer weniger werden, die Zahlen gehen zurück, teils dramatisch, trotz guter Anstellungsaussichten. 

Trotzdem ist an diesem Abend, als im Musiksaal einer ungenannten weiterführenden Schule das Angebot an Instrumentalunterricht beschnuppert werden soll, der Andrang an Kindern und Eltern riesig, der Saal platzt aus den Nähten, auch an wohlwollendem Interesse. Überraschend fand ich, wie fahrlässig mit solchem Vertrauensvorschuss umgegangen wurde. Statt vielleicht erst einmal musikalisch Vorfreude zu wecken, gab es organisatorische Hinweise zu Verträgen und Kosten. Was dann später an Kostproben zum versammelten instrumentalen Line-Up zu hören war: eher ernüchternd. Virtuosität würde niemand erwarten, hier aber war der Eindruck eher freudlos, je und je ein wenig gehuddelt oder gestresst oder beides. Das soll man, unter Einsatz von Engagement und Geld, lernen wollen? Mir schien es kein großes Versprechen, doch das freundliche Interesse blieb im Raum. In das hinein dann der Vortrag eines Instrumentalpädagogen, der seinen Beitrag mit der Bemerkung einleitete, er würde das alles schon länger machen, vermutlich »zu lang«. Es klang wie ein Scherz, doch war es dem Mann, wie sich dann herausstellte, bitter ernst. Denn den Gutwilligen im Saal musste jetzt schon mal eines gesagt werden: Er jedenfalls habe keine Lust, das Interesse an Musik oder einem Instrument der kleinen Schülerinnen und Schüler künstlich zu befeuern, das bringe einer oder eine mit oder eben nicht, basta. 

Nun imponierte mir einerseits die Offenheit, mit der hier einer die im weiteren Umfeld von Musikvermittlung ja üblichen rosa Wolken von Wohlgefühl und Leichtigkeit (jede und jeder kann es können, jedes Leben wird besser durch Musikmachen) weggefegt wurden. Auch sein grimmiges Eintreten für das »Klassische« der Musik konnte ich nachvollziehen, nach einem kürzlichen Klassenklaviervorspiel mit einer deutlichen Überdosis Einaudi und Wunderbarer Welt der Amélie. Und doch fand ich den Furor des Mannes, wie bald wohl auch ein paar der Eltern und Kinder, ein wenig verstörend. Einen Subtext von Bitterkeit, der bisweilen bei Musikerinnen und Musikern zu spüren ist, die ihre Liebe zum Beruf gemacht haben und sich, vielleicht desillusioniert, im pädagogischen Alltagseinerlei verloren haben. Gibt’s in anderen Berufen auch, in der Musik aber, weil die Liebe einmal so groß war und die Gefahr einer prekären Existenz so real, schmeckt es besonders bitter. Alles verständlich, und rattenfängermäßige Musikverführer mit Alles-immer-gut-Rhetorik sind auch keine Lösung. Aber die Gutwilligen da im Raum, gekommen, eine Antwort auf die Frage suchend, warum sie Zeit und Geld in Musik stecken sollen, sie können ja nichts dafür. Vielleicht, dachte ich auf dem Nachhauseweg, sind die Glücksversprechen, die wir hierzulande gern mit dem Thema Musik verbinden, gelegentlich zu groß für den normalbegabten Alltag, und die Sonne des historischen deutschen Geniewesens zu gefährlich nah. Und die wunderbare Welt der Amélie für viele schon wunderbar genug. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹