Kritische Gedanken zum Selbstbild der Musikvermittlungsszene

Text · Titelbild Gourmandise (CC BY-NC-ND 2.0Datum 23.5.2018

In hübschen, bunten Regenbogenfarben veröffentlichte das Netzwerk Junge Ohren auf Facebook Barbara Volkweins »Zehn Gebote der Musikvermittlung«: Ein Manifest des affirmativen Kuschelkurses in elf Punkten. Denn die Gebote fordern nur eines – Liebe. Zuerst zur Musik, (der klassischen natürlich!), dann zum Orchester, »dann wirst du auch Teil der Gemeinschaft«, den einzelnen Musiker*innen, den Generalmusikdirektoren, den Manager*innen, immer abwärts der Hierarchiekette über das Dispositionsbüro bis zu den Orchesterwarten. Praktische Tipps gibt es gleich oben drauf: »Bring den Orchesterwarten unbedingt Mettbrötchen mit, auch wenn du Vegetarier*in bist!« Nachdem das ganze Konzerthauspersonal geliebt ist, geht es an die Liebe zur Vielfalt der Aufgaben: »Nimm mit, was du kriegen kannst«, heißt es im achten Gebot, »in jahrelanger Berufspraxis erhältst du quasi kostengünstig eine Ausbildung im Eier-legende-Wollmilchsau-Sein – ob Regie, Marketing, Dramaturgie, als Teamleitung, Dispo oder Pressefuzzi. Danach kannst du dich faktisch überall bewerben; Stressresistenz: 120%, versprochen.« Und weiter heißt es, wie es im neunten Gebot geschrieben steht: »Liebe den Mangel!« Denn ein spärliches Ausstattungsbudget kann man mit kreativen Ideen bestens kompensieren. Und schließlich kann man ja – das zehnte Gebot erinnert daran – immer noch auf den Applaus hoffen, der ist schließlich »das Brot des*der Musikvermittlers*in«. Wer will da schon eine angemessene Gage? Das elfte Gebot ruft, in guter christlicher Tradition, zur Nächstenliebe auf: »Liebe deine nächsten Musikvermittler*innen wie dich selbst und unterstütze vollumfänglich deren Arbeit und den Menschen, der mit Herzblut dahintersteht!«

Die Gebote lesen sich als vergnügter Aufruf zur Liebe und Akzeptanz hierarchischer, zuweilen defizitärer Strukturen. Die klassische Musik als Quell’ ewiger Freude an der Spitze, die es immer und unabdingbar zu lieben gilt, – das Publikum, das an der richtigen Stelle mit Applaus seine Zustimmung bekundet, als Fundament. An dieser Rangfolge und Rhetorik hätten auch die Musikologen des 19. Jahrhunderts nichts zu monieren gehabt. Die Rolle der Musikvermittler*in in diesem Gefüge? Liebend und genügsam, kreativ und kompromissbereit, in stiller Emsigkeit auf Anerkennung wartend. Wer seinen Beruf und Gegenstand stark genug liebt, wird erkennen, dass ein Job, der Konzeptions-, Presse-, Marketing-, Bühnenbild- und Finanzaufgaben einer einzigen Person zuschiebt, eigentlich eine kostengünstige Ausbildung in allem ist. Prima! Liebe den Mangel, Not macht erfinderisch. »Eine Ermutigung«, fand das Netzwerk Junge Ohren und entschied, die Gebote aus dem Artikel »Die Kunst liegt in der Beschränkung oder: aus Wenigem Gold machen«, der im hauseigenen Magazin erschienen war, zu extrahieren und einer breiteren Öffentlichkeit online zugänglich zu machen. Zwar weist das Netzwerk auf das schwer zu übersehende »zwinkernde Auge« hin, bekundet aber trotzdem deutlich und wiederholt Zustimmung. Und auch in den Kommentaren wird einzig bei der Einschränkung auf klassische Musik kritisch nachgefragt, sowie scherzhaft diskutiert, ob das dritte Gebot denn auch die Bratscher*innen miteinschließe.

Foto Aigars Mahinovs (CC BY 2.0)
Foto Aigars Mahinovs (CC BY 2.0)

Bei aller persönlichen Leidenschaft für Mettwitze und potenziell überdurchschnittliche Nächstenliebe, hinterließ mich die Lektüre dieser Gebote doch reichlich ratlos. Denn es finden sich darin in der sprichwörtlichen Nussschale all die Knackpunkte, die das Musikvermittlungsfeld meiner Erfahrung nach immer noch schwächen. Freilich humoristisch gerahmt und dennoch im Kern als ernstgemeinte, zumindest temporäre Lösungsstrategie formuliert. Was sendet das für ein Selbstbild nach außen? In einer Zeit, in der die Ausschreibungen für Projektmittel im Bereich der kulturellen Bildung aus dem Boden sprießen, in der allerorten neue Stellen geschaffen werden, kann es da wirklich sein, dass das Netzwerk Junge Ohren, das seit Jahren wertvolle Arbeit leistet und eine unersetzbare Stütze innerhalb der Szene ist, auf mehreren Kanälen einen solchen Kurs proklamiert oder ihn zumindest stillschweigend toleriert? Wie kann es sein, dass der deutlich reflektiertere Artikel aus der Printversion in dieser Weise zusammengekürzt und auf Facebook geteilt wird? (Die wenigen Bemerkungen mit einem kritischen Impetus, beispielsweise der Ruf nach einer echten öffentlichen Lobby und der Rat, sich in Verhandlungssicherheit zu üben, wurden ersatzlos gestrichen). Einerseits zeichnet das Netzwerk bei seinem jährlichen Wettbewerb – völlig zu Recht – Rainer O. Brinkmann mit seinem klugen und weitsichtigen Blick auf die Szene in der Kategorie »Exzellenz« aus, andererseits hält es öffentlich die stillschweigende, ja liebende Akzeptanz der viel zu oft prekären Strukturen für eine adäquate Reaktion. Es fällt schwer, das Netzwerk vor diesem Hintergrund als die politische Lobby zu begreifen, die es mit Projekten wie der Umfrage zur Arbeitssituation von Musikvermittler/innen zu sein vorgibt.

Denn die Gebote setzen an einem Punkt an, an dem es – das weiß man auch ohne Umfrage – am wenigsten mangelt: der Liebe zum Beruf und zum Gegenstand. Mutige und kreative Einzelpersonen, wie zweifelsohne auch Barbara Volkwein eine ist, gibt es zahlreiche. Sie machen Tag für Tag großartige Arbeit und fürchten weder befristete Arbeitsverträge, noch schlechte Bezahlung oder fehlende Infrastruktur, – Probleme, die in unserem Feld, wie auch in vielen weiteren im Kulturbetrieb und darüber hinaus, an der Tagesordnung sind. All denen nun als ermutigende Strategie affirmative Nächstenliebe vorzuschlagen, scheint mir ein völlig falsches Signal zu sein – nach innen und auch nach außen. Müsste man nicht viel eher rufen: Hört mal eine Sekunde auf zu lieben und schaut euch um! Ist es das, was ihr lieben wollt? Wollt ihr von außen so wahrgenommen werden? Wollt ihr wirklich liebend warten, bis sich die Basisvoraussetzungen der Musik vermittelnden Arbeit ganz von allein ändern?

Es mag deplatziert, vielleicht sogar vermessen wirken, eine solche Kritik als Mitglied einer Szene, die seit jeher um Anerkennung ringt, öffentlich zu äußern, schon gar, wenn man hauptberuflich mit andersgearteten Fragen und Problemen beschäftigt und nur ehrenamtlich Musikvermittlerin ist. Denn natürlich ist es immer noch viel besser, mit Liebe als mit Verbitterung zu reagieren. Und trotzdem weiß ich, dass ich unter diesen Prämissen meine Student*innen nur mit großem Zögern zu einer Karriere in der Musikvermittlung ermutige und auch meine eigene berufliche Zukunft nur bedingt dort sehe. Beziehungsweise nur dann, wenn es uns im Kollektiv gelingt, für eine Branche zu kämpfen, die es wirklich zu lieben lohnt. Dafür aus der Praxis heraus Handlungsanweisungen zu formulieren, ist vielleicht gar keine schlechte Idee und durchaus Aufgabe eines solchen Netzwerks, denn tatsächlich kämpfen viele mit den gleichen Problemen.

Und deshalb versuche ich mich nun an zehn anderen Geboten. Vielleicht können sie Anstoß zu einer offenen und kritischen Diskussion für eine tragfähige Zukunft unseres Feldes sein:

  • 1.) Musik in einen künstlerisch exzellenten, zielgruppenspezifischen Kontext zu betten ist der Zweck der Musikvermittlung. Dies zu gewährleisten ist deine Profession und Herausforderung.
  • 2.) Dafür gilt es zu kämpfen, auch und vor allem, wenn dieses Ziel in Konflikt mit sekundären Zielen gerät: Audience Development, Marketing und Imageaufbesserungen der Institutionen sind gut und wichtig, aber der Zweck von Musikvermittlung liegt nicht primär darin, gutes Bildmaterial für Hochglanzbroschüren zu liefern.
  • 3.) Kämpfe deshalb dafür, dass Musikvermittlung ein festes Strukturelement und kein Feiertagstörtchen ist.
  • 4.) Kämpfe für den Kontakt aller Akteur*innen auf Augenhöhe. Du hast Kompetenzen, die Dirigentinnen und Harfenisten nicht haben, sie wiederum welche, auf die du angewiesen bist. Das Publikum hat eine ernstzunehmende Meinung. Die jeweilige Kompetenz entscheidet über die Hierarchien in deinen Produktionen, nicht die Ideologien des 19. Jahrhunderts.
  • 5.) Mache auf künstlerischer Ebene nur gerade so viele Zugeständnisse, wie es der Produktion zuträglich ist. Selbstgebastelte Kostüme und kleinere Besetzungen können ihren Reiz haben, oft braucht es aber etwas Anderes, um das Optimum aus einer Produktion herauszuholen.
  • 6.) Mache auf organisatorischer und infrastruktureller Ebene nur gerade so viele Zugeständnisse, wie es dein Respekt vor dir selbst und die Anforderungen der Produktion zulassen. Es gibt keinen Sachgrund für die gängige Praxis, dass im Educationbereich alle PR-Arbeit, Marketingfragen usw. von derselben Person erledigt werden – meist ungelernt oder mit Schmalspurausbildung.
  • 7.) Entwickle eigene künstlerische Visionen, anstatt die übriggebliebenen Orchesterschichten und musikalischen Werke zweitzuverwerten. Auch junges Publikum hat das Recht auf außergewöhnliche und ambitionierte Produktionen.
  • 8.) Schaffe dir in deinem Arbeitsalltag Strukturen, die die Entwicklung solcher Visionen ermöglichen. Vernetze dich dafür mit künstlerisch ähnlich denkenden Kolleg/innen, um gemeinsam für die notwendige Infrastruktur, Probezeit und Vergütung der konzeptionellen Arbeit zu kämpfen.
  • 9.) Bleibe mit dem Blick auf dich selber, aber auch auf andere, im besten Sinne anspruchsvoll. Applaus und glänzende Kinderaugen – wer einmal mit Kindern gearbeitet hat weiß, dass auch Gabelstapler und Schlumpf-Eis in der Lage sind, diese hervorzurufen – sollten nicht das einzige Qualitätskriterium sein. Diskutiere kontrovers über pädagogische Ansätze, künstlerische Strategien und ästhetische Mittel.
  • 10.) Und ja, liebe die Musik, deine Arbeit, deine Kolleg*innen und das große Privileg unserer Gesellschaft, sich über solche Dinge Gedanken machen zu dürfen. ¶