Ein Online-Treffpunkt, an dem Fans über klassische Musik diskutieren können, ohne dass ein wirtschaftliches Interesse oder der Geschmack Einzelner im Hintergrund die Geschicke und Debatten lenkt: Mit dieser Idee ging das Capriccio Kulturforum 2009 an den Start. Aktuell hat es 896 Mitglieder, die täglich durchschnittlich 120 Beiträge verfassen. Dauerbrenner sind »Leider soeben verstorben – Der Nekrologthread« oder »›Ein Klavier, ein Klavier‹: Jeden Tag eine Klaviersonate / ein Soloklavierwerk«, aber es wird auch diskutiert über Fragen wie »Theodor W. Adorno über Wagner, Mahler, Berg u. a. m.: Inzwischen überholt oder immer noch aktuell?«, Wagners Parsifal oder den »Willen des Komponisten‹ in Konzertaufführungen«.

Geleitet wird das Forum von einem Verein, dessen Vorstand Gunther Maria Nagel lange angehörte. Ich erreiche Nagel via Zoom zuhause in der Prignitz. »Ich bin Ende 2009 auf das Forum gestoßen und habe da auch schon hier gewohnt. Hier trifft man im Real Life nicht viele Leute, die sich so intensiv mit klassischer Musik befassen«, erklärt er mir. »Für mich war das eine wirkliche Entdeckung.« Zwei bis drei Stunden hat er über Jahre täglich im Forum verbracht, heute versucht er bewusst, seine Online-Zeiten etwas zu reduzieren. Nagel hat lange klassische Gitarre gespielt, dann aber gemerkt, dass eine Karriere als klassischer Gitarrist wegen des Leistungs- und Perfektionsdrucks, der mit ihr einhergeht, nichts für ihn ist. »Über sowas kann man sich im Forum natürlich auch austauschen«, erkärt er. Nagel spielt heute diverse (Saiten-)Instrumente in verschiedenen Ensembles und gibt Gitarrenunterricht.

Gunther Maria Nagel • Foto © privat

VAN: Können Sie genauer überblicken, wer im Capriccio Forum schreibt?

Gunther Maria Nagel: Größtenteils sind es Menschen, die Freude an Musik haben, Fans sind, Sammler. Profis sind es nicht so viele. 

Ist Capriccio das größte deutschsprachige Klassik-Fanforum?

Es gibt auf jeden Fall noch das Tamino-Forum in Österreich. Von dem sind wir praktisch eine Art Abspaltung. Das wurde irgendwann 2009 als diktatorisch wahrgenommen und daher kam die Idee: Man macht ein eigenes Forum auf, das nicht von einem Einzelnen betrieben wird, sondern von einem Verein, damit man nicht diese Willkür hat. 

Meinen Sie damit eine Willkür bezüglich der Fragen, über welche Themen gesprochen und welche Meinungen zugelassen werden? 

Genau. Damals ging es um Regietheater.

Wie entscheiden Sie, welche Posts im Capriccio-Forum in Ordnung sind und welche nicht? 

Wir haben Forenregeln, die vom Verein beschlossen werden. Die können sich auch ändern über die Jahre. Eine Kleinigkeit war zum Beispiel die Zeit, die man Beiträge noch bearbeiten darf. Die wurde verlängert, weil es scheinbar besser ist, nach zwei Tagen nochmal zu schauen, was man geschrieben hat, und dann die Möglichkeit zu haben, das noch zu ändern.

Inhaltlich haben wir die Regelung, keine politischen Diskussionen zu führen. Bei Kulturpolitik ist es natürlich eine heikle Frage, wie man das abgrenzt. Aber wenn es wirklich politisch wird, sagen wir den Leuten: ›Macht das woanders‹, weil die Moderatoren es dann einfach auch nicht mehr leisten können, das zu betreuen. 

[Die meisten Nutzer:innen scheinen mit dieser Haltung sehr einverstanden zu sein. Das VAN Magazin, dem ein eigener kleiner Thread gewidmet ist, finden viele Capricciosis »zu politisch«.]

Es gab immer die Thematik, dass es Menschen gibt, die sich sehr professionell mit Musik befassen und auch selbst das Gefühl haben, dass sie sehr kompetent sind, und die dann im Umgang mit Laien oder Liebhabern ein bisschen ruppig rüberkommen. Da achten wir streng darauf, dass das nicht passiert. Das hat dazu geführt, dass einige der Profis nicht mehr da sind. Respektvolle Kommunikation wird offensichtlich in der Ausbildung an Musikhochschulen nicht gelehrt [lacht].

Es ist immer eine Gratwanderung: Wie viel lässt man zu und ab wann wird es zu ruhig, weil die Leute sich nicht ordentlich streiten dürfen? Eigentlich ist unser Grundsatz: Streiten ja, aber keine persönlichen Angriffe. Es reicht ja oft schon, wenn die Leute es schaffen, darauf zu verzichten, noch einmal explizit zu schreiben, wie schwachsinnig man findet, was der Vorredner geschrieben hat. 

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Was passiert, wenn jemand ausfallend wird – wird der Post dann einfach gelöscht?

Dann wird der eigentlich versplittert. Das heißt: Es gibt einen Splitter-Thread, in den alles reinkommt, was nicht zum Thema gehört oder ein persönlicher Angriff ist. Da konnten registrierte Nutzer diese Posts alle auch nochmal nachlesen. Ganz krasse Sachen werden auch gelöscht. Es gibt auch Verwarnsperren, dann kann man mal ein paar Monate nicht schreiben. Im Splitter-Thread konnten alle sehen: Warum ist jetzt jemand gesperrt, was wurde gelöscht? Das ist für die Transparenz super. Der Splitter ist aber aktuell auch für Angemeldete nicht einsehbar, weil dann auch rechtliche Fragen aufkommen, ob da jetzt etwas strafrechtlich relevant ist …

Welche Themen haben den größten Diskussionsbedarf? 

Natürlich gibt es Themen wie Anna Netrebkoob man die jetzt cancelt –, um die es eine Weile geht. Sehr aktiv sind auch die Oboen, warum auch immer. Die haben einen Dauerbrenner-Thread, in dem sie sich austauschen über Rohrblätter, Material …

Insgesamt ist es eher ruhig geworden, das muss man sagen. Die große Zeit der Internetforen ist vorbei. Viel findet über Facebook statt oder andere soziale Netzwerke. Es ist nicht mehr so ein Burner wie früher.

Was unterscheidet Ihr Forum von sozialen Netzwerken?

Es gibt einen klaren Fokus und eine klare Struktur. Man kann wirklich auch nachschlagen, was Leute mal geschrieben haben zu bestimmten Werken, zu bestimmten Komponisten, Epochen, musiktheoretische Grundlage …

Wie kann man sich anmelden?

Es gibt eine Registration, man meldet sich an mit Klarnamen, der uns bekannt ist, und kann dann einen Nutzernamen wählen. 

Wie sind Sie als Verein hinter dem Forum organisiert?

Im Verein sind wir gerade 49 Mitglieder, wir waren auch schon mal 60. Wir wählen einen Vorstand, der im Prinzip dafür zuständig ist, die Moderation zu bestellen. Dafür muss man Leute finden, eigentlich immer Forenmitglieder. Das ist auch gut, dann weiß man schon mal, dass das Leute sind, die sich zivilisiert verhalten können [lacht]. Die Vereinsmitglieder zahlen einen Beitrag von 25 Euro im Jahr. Auf der technischen Seite gibt es ehrenamtliche Administratoren, die auch der Vorstand bestellt. Ich bin allen sehr dankbar, die sich in ihrer Freizeit über die Jahre mit diesem Forum beschäftigt haben: den ehrenamtlichen Moderatoren und den mehr oder weniger zu umfangreicher Vereinsmeierei geneigten Mitgliedern. Aber eben auch allen Foristen, die sich die Mühe gemacht haben, ihre Eindrücke und ihr Wissen zu teilen. Ein Forum ist immer nur so gut wie seine Schreiber.

Würden Sie nach etwa 13 Jahren sagen, der Versuch, eine demokratische Plattform aufzubauen, ist geglückt?

Es gibt Fragen, die sich immer wieder stellen: Sind die Profis im Forum mehr wert, muss man toleranter sein, wenn die über die Strenge schlagen, weil ihre Beiträge wertvoller sind? Ich bin da für klare Regeln und gegen Willkür.

Ich finde es einfach schön, dass es diesen Ort gibt, und dass der nicht von einem großen Konzern gestellt ist. Na klar, wir haben Affiliate Links, von jpc, Amazon und Thoman. Wenn da was zu einer CD gepostet wird und jemand kauft die dann über den Link, den wir dazu posten, kriegen wir Geld. Das stecken wir in eine Kulturförderung, geben das weiter an Künstler für Projekte wie CD-Produktionen oder Konzerte.

Gibt es auch mal einen Stammtisch oder andere Treffen im Real Life?

Es gibt verschiedene Forenstammtische – das ›Nordtreffen‹ ist recht aktiv, die treffen sich alle halbe Jahr. Da hat sich ein relativ hoher Standard rausgeschält, was derjenige, der das organisiert, anbieten soll [lacht]: Museumsführung, Konzertbesuche, Restaurants …

Ihr Forendesign ist recht ›klassisch‹ – gab es da mal ein Redesign?

Wir hatten mal ein Softwareupdate, aber das Erscheinungsbild behalten wir bei. 

Haben Sie mittlerweile auch einen Überblick darüber, was Klassik-Fans sonst noch interessiert?

Wir haben im Forum den blauen Salon, da geht es eher um Unterhaltung. Da posten die Fußballfans ganz fleißig. Um Essen geht es auch viel, guten Wein, kulinarische Kultur … Ich finde das immer fast ein bisschen pervers, wenn da die Sternerestaurants beschrieben werden. Ich frage mich dann: Ist das wirklich so? Hören nur so elitäre Typen Klassik? Für mich als selbständiger Musiker kommt ein Sternerestaurant überhaupt nicht in Frage. Das ist eine ganz fremde Welt für mich. Im Elfenbeinturm halte ich mich gerne auf, aber dieses Elitäre … Andererseits finde ich es natürlich auch gut, wenn Leute Geld für gute Musik, CDs, Konzerte ausgeben. Und warum soll es bei gutem Essen dann nicht auch so sein? ¶

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Es folgten ein Schulmusik- und Geschichtsstudium in Berlin und Bukarest. Heute lehrt sie Musikwissenschaft an der Universität der Künste Berlin und ist Redakteurin bei VAN. merle@van-verlag.com