Anfang August setzte die slowakische Kulturministerin Martina Šimkovičová die Leiter der beiden größten Kultureinrichtungen des Landes mit sofortiger Wirkung ab: zunächst den Generaldirektor des Nationaltheaters, Matej Drlička, einen Tag später die Direktorin der Nationalgalerie, Alexandra Kusá. Weitere Entlassungen, wie die dreier Sachverständiger aus dem Beirat der Kulturförderung, folgten. Bereits im März mussten die Leiterin des Internationalen Kinderkunst-Zentrums »Bibiana« und die Direktorin der Slowakischen Nationalbibliothek ihre Posten räumen. Parallel zu dieser Entlassungswelle ist ein Gesetzesvorhaben in Planung, das vorsieht, die Leiter staatlicher Kulturinstitutionen ohne Angaben von Gründen entlassen und Nachfolger ohne Expertenkommission direkt durch das Ministerium ernennen zu können.

Šimkovičová ist Mitglied der ultrarechten slowakischen Nationalpartei (SNS), die im Kabinett von Premierminister Robert Fico kleinster Juniorpartner ist. Vor ihrer politischen Karriere war sie Moderatorin des Privatsenders Markíza, bis sie wegen Hassposts über Migranten entlassen wurde. Zusammen mit ihren Gefolgsleuten wie dem SNS-Abgeordneten Peter Kotlár und dem Generalsekretär im Kulturministerium, Lukáš Machala, verbreitet Šimkovičová unter anderem über ihren eigenen Internet-Desinformationssender ›TV Slovan‹ allerlei wirre Theorien über das Coronavirus, Chemtrails, Minderheiten und Wladimir Putin, der als Retter des christlichen Europas gefeiert wird. Als Kulturministerin macht Šimkovičová keinen Hehl daraus, dass sie sich in einer Art Kulturkampf empfindet. Für »Wokeness« und »Gender-Wahn« solle es in Zukunft keine staatliche Förderung mehr geben. »Die LGBTI-Organisationen werden nicht länger vom Geld der Kulturabteilung parasitieren«, schrieb sie im Januar in einem offiziellen Post auf Facebook. Stattdessen fordert sie eine Rückkehr zu einer »nationalen slowakischen Kultur«. 

Nach der neuerlichen Entlassungswelle protestierten in der slowakischen Hauptstadt Bratislava – zum wiederholten Male – Tausende gegen staatliche Eingriffe in die Kultur. Eine Petition, die die Ablösung der Kulturministerin forderte, fand innerhalb weniger Tage über 180.000 Unterzeichner. Unter den Kulturschaffenden, die die Demonstrationen von Beginn an unterstützten, ist Robert Jindra, bis vor Kurzem noch Chefidirigent der Staatlichen Philharmonie Košice (ŠFK), einem der beiden staatlichen Sinfonieorchester in der Slowakei. Nachdem seine öffentlichen Äußerungen vom Kulturministerium verunglimpft wurden, trat er am 14. August zurück. »Mir wurde klar, dass ich nicht in einem Land arbeiten möchte, in dem man keine Privatsphäre mehr hat und unter staatlicher Überwachung steht«, erklärt Jindra im VAN Interview. 


Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.

Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv

VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.


Sie haben schon ein Abo?

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com