Ursprünglich lag der Osten Ohios auf dem Gebiet irokesischer Stämme. Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Landstrich verkauft und kolonialisiert. Im 19. Jahrhundert gründete ein – wahrscheinlich aus Liverpool stammender – englischer Töpfer eine Stadt, direkt an Ohios Ost-Grenze zu Pennsylvania (Osten) und West Virginia (Süden). Der Töpfer benannte die Stadt – wie viele aus Europa stammende Kolonialisten – nach seinem einstigen Heimatort. Da nicht allzu weit entfernt schon ein Liverpool existierte, entschied er sich für »East Liverpool«. Heute wohnen in East Liverpool über 10.000 Einwohner:innen, die auf eine große Geschichte des traditionellen Töpfer-Handwerks zurückschauen.

Am 3. Juli 1901 – also fast auf den Tag genau vor 120 Jahren – erblickte Ruth Crawford in East Liverpool das Licht der Welt. Ihr Vater arbeitete als methodistischer Pfarrer und förderte offenbar die musikalischen Ambitionen seiner Tochter. Nach dem Besuch der School of Musical Art in Jacksonville (Florida) studierte Crawford am Konservatorium von Chicago, wo unter anderem der gebürtige Hamburger und Rheinberger-Schüler Adolf Weidig (1867–1931) ihr Musiktheorie- und Kompositionslehrer war. 1929 zog Crawford nach New York. Dort lernte sie drei bedeutende Musiker kennen, die sich zu diesem Zeitpunkt größtenteils aufgrund eines Guggenheim-Stipendiums ebenfalls in New York aufhielten: den sehr experimentierfreudigen Henry Cowell (1897–1965, Guggenheim-Fellow 1931), den Mexikaner Carlos Chávez Ramírez (1899–1978, ebenfalls Guggenheim-Stipendiat) und die lebende Amériques-Legende Edgar Varèse (1883–1965).

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Durch den Austausch mit diesen drei Avantgarde-Protagonisten geriet Crawford noch weiter in die New Yorker Neue-Musik-Szene hinein – und schloss sich dem Composer Collective an. Hier in New York City lernte Crawford zu dieser Zeit auch den Komponisten und Musikwissenschaftler Charles Seeger (1886–1979) kennen. Kurze Zeit war Ruth Crawford Schülerin von Seeger. Beide verliebten sich und heirateten. (Der bekannte politische Singer-Songwriter Pete Seeger, 1919–2014, war der Sohn Charles Seegers aus früherer Ehe.)

Das Guggenheim-Stipendium für Ruth Crawford Seeger ermöglichte ihr einen Studienaufenthalt in Europa, wo sie Persönlichkeiten wie Maurice Ravel, Béla Bartók und Alban Berg kennenlernte. In Europa entstand mit ihrem Streichquartett aus dem Jahr 1931 auch eines von Crawford Seegers wichtigsten Werken überhaupt. 1934 hörte Crawford Seeger einen Vortrag über Die Krise der Neuen Musik von Hanns Eisler, der sie tief beeindruckte: Ausgangspunkt für mehrere politische, sozialkritische Kompositionen Crawford Seegers.

Das Ehepaar Seeger siedelte bald nach Washington D. C. über und beschäftigte sich nun mit der Übertragung von amerikanischen Volksliedaufzeichnungen und der entsprechenden Publikation. Diese Beschäftigung wurde zum finanziellen Standbein für beide Eheleute, die schließlich vier Kinder zu ernähren hatten. Die Repressionen der – überall, sicherlich auch im Hause Crawford Seeger – »Kommunismus« witternden McCarthy-Ära verhinderten eine weitere kreative Entfesselung der äußerst vielversprechenden Werke von Ruth Crawford Seeger. »Kritisches Komponieren« war in den USA – und auch anderswo – nicht mehr nur »nicht gefragt«, sondern geradezu gefährlich geworden.

Kammermusikalisch ihrer Zeit voraus und von McCarthy zwei Jahrzehnte lang zum Schweigen verdammt: die Komponistin Ruth Crawford Seeger in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Für genau zwei Jahrzehnte »verstummte« die Komponistin Crawford Seeger. Erst 1952 meldete sie sich mit einer Suite für Bläserquintett zurück. Im Sommer 1953 wurde bei Crawford Seeger Darmkrebs diagnostiziert. Ruth Crawford Seeger starb nach kurzer Krankheit am 18. November 1953 in Chevy Chase (Maryland) im Alter von nur 52 Jahren.

Im 2016 erschienenen Lexikon Neue Musik beschreibt Wolfgang Rathert den »amerikanischen Sonderweg« innerhalb der Neuen Musik, erwähnt dort Ruth Crawford Seeger und stellt folgenden, ausdifferenzierenden Zusammenhang her: »Ruth Crawford Seeger […], zweifellos die bedeutendste Komponistin der ersten Jahrhunderthälfte, erfuhr aufgrund ihres tragisch frühen Todes und im Schatten ihres charismatischen Ehemanns Charles Seeger […] sowie ihrer nicht minder berühmten (Stief-)Kinder Pete, Mike und Peggy Seeger erst eine späte posthume Anerkennung […]. Es wäre spekulativ, solche ›Lücken‹ als Beleg dafür zu nehmen, dass es recht genaue Vorstellungen in den Auswahlkomitees darüber gibt, was als genuin ›amerikanisch‹ in der Musik zu gelten habe; die Popularität eines Komponisten [Anm.: oder einer Komponistin] scheint dabei eine gewisse, aber sicherlich nicht allein ausschlaggebende Rolle zu spielen. In den Entscheidungen für und gegen einen Namen schlägt sich vielmehr der stete Wandel ästhetischer Kriterien in der amerikanischen Musikgeschichte nieder, der seinerseits von der sozialen Spannung zwischen Establishment und Renegatentum gespeist wird.« (Wolfgang Rathert: Ein Sonderweg? Aspekte der amerikanischen Musikgeschichte im 20. und 21. Jahrhundert, in: Jörn Peter Hiekel / Christian Utz: Lexikon Neue Musik, Stuttgart 2016, S. 22).

Ruth Crawford Seeger (1901–1953) 
Four Preludes für Klavier (1928)

Ruth Crawford Seegers Werkkatalog ist leider sehr klein und besteht fast ausschließlich aus Arbeiten für kleinere Kammermusikbesetzungen. Ihre Vier Präludien für Klavier entstanden 1928. Prelude No. 6 und insbesondere zunächst die Spielanweisung Andante mystico verweisen auf die Nähe zur Musik Alexander Skrjabins. Crawford Seeger hatte in Chicago bei der Skjrabin-Schülerin Djane Lavoie Herz (1889–1982) Unterricht gehabt und wurde von ihrer Lehrerin sicherlich an dessen Werke herangeführt. Mystisch steigen Zweiklänge im dreifachen »Piano« empor. Dissonant-schillernde Arpeggio-Akkordmomente kommen hinzu, dazu einzelne melodische Passagen in der Mitte des Klaviers. Tonale Akkorde werden jeweils mit tonleiterfremden Tönen gemischt, zwielichtig angereichert. Moderne Farben auf dem Klavier. Notiert in drei Systemen. Gute Musik, nein, mehr: Avantgarde ihrer Zeit. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.