Im Dezember 1865 hatte man in den USA den 13. Verfassungszusatz eingeführt, der Sklaverei verbot. Gleichzeitig folgte ein Zustand faktischer Rechtlosigkeit von People of Colour, der in eine »Zweite Sklaverei« mündete. Und unter den Augen der deutschen Kolonialbeamten wurde Sklaverei und Sklavenhandel bis ins 20. Jahrhundert weiter praktiziert. Lediglich Verordnungen (keine Reichsgesetze) der Kolonialadministration konnten regulierend eingreifen. Erst mit dem 31. Dezember 1904 waren neu geborene Sklavenkinder automatisch frei, was zu einem stetigen Rückgang der Sklaverei führte. Auch stellte die deutsche Kolonialbürokratie zunehmend »Freibriefe« aus, die entflohenen Sklavinnen und Sklaven die Freiheit gab.

In eben jenem Jahr 1904 wurde am 25. August Undine Eliza Anna Smith geboren. In Jarratt im US-Bundesstaat Virginia. Noch ihre Großmutter war Opfer von Versklavung geworden. Vier Jahre nach Smith’ Geburt zog die Familie – neben Mutter Hardie Turnbull Smith und Vater James William Smith gab es noch zwei weitere ältere Geschwister – nach Petersburg (ebenfalls in Virginia gelegen). Ab dem Alter von sieben Jahren bekam Smith regelmäßigen Klavierunterricht und besuchte später die Fisk University in Nashville, Tennessee, die 1866 als private Universität mit dem Vorsatz gegründet worden war, der Schwarzen Bevölkerung der Region Bildung zukommen zu lassen. 1924 konnte sie an der Juilliard School in New York ihr Studium in Klavier, Orgel und Theorie fortführen. Zwei Jahre später schloss Smith eben dort in New York mit Bestnote ab. Viel später, in den 1950er Jahren, studierte sie dann auch noch ganz regulär Komposition bei Howard Murphy an der Manhattan School of Music.

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Nach ihrem Abschluss an der Juilliard School arbeitete Smith erst als Musiklehrerin in einer Regelschule in North Carolina. 1927 wurde sie dann als Klavier- und Orgellehrerin an die heutige Virginia State University berufen. Hier unterrichte Smith auch Kontrapunkt und Musiktheorie. 1938 heiratete sie James Arthur Moore und nahm dessen Nachnamen an. James Arthur Moore war (wohl unter anderem) Sänger – und so kam es in den Folgejahren vermehrt zu gemeinsamen Auftritten. Der Gatte sang, die Frau begleitete. Am 1941 wurde Tochter Marie Hardie geboren.

1969 wurde Moore zur Mitgründerin des Black Music Center am Virginia State College. In den Folgenjahren gab sie als Komponistin zahlreiche Workshops in den USA und erhielt Gastprofessuren. Bis 1976 arbeitete sie noch an der Virginia Union University. Drei Jahre zuvor war sie mit dem Humanitarian Award der Fisk University ausgezeichnet worden. Viele, sehr viele Würdigungen, Preise und Ehrendoktortitel folgten.

Am 6. Februar 1989 starb Moore nach einem schweren Schlaganfall im Alter von 84 Jahren. Man nennt sie bis heute »The Dean of Black Women Composers«. Als Lehrerin ermutigte sie viele junge Schwarze Musikerinnen und Musiker, ihre entsprechenden künstlerischen Ziele realisierend in Angriff zu nehmen. Bis heute ist sie am Virginia State College, wo sie über 45 Jahre lang Komposition und Chorgesang lehrte, unvergessen.


Undine Smith Moore (1904–1989)
Before I’d be a Slave für Klavier (1953)

Neben Chorwerken und Liedern komponierte Undine Smith Moore auch ein paar Klavier-Solo-Werke, von denen Before I’d be a Slave aus dem Jahr 1953 besonders bekannt wurde. Das Werk beruht auf einer Textzeile des People-of-Colour-Freiheitssongs Oh, Freedom, der erstmals 1931 auf Platte aufgenommen wurde. Es beginnt mit hämmernden, rhythmisierten Clustern. Dann folgen auseinanderstrebende Läufe, einzelne Rhythmusmomente und große Augenblicke voller Akkordmacht. Es geht hier um alles!

»The Dean of Black Women Composers«: Die Komponistin Undine Moore Smith in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Anschließend entwickelt Moore Smith kompositorisch eine Annäherung; improvisatorisch, modern, sensitiv – mit dem gewaltvollen, schrecklichen Thema der Sklaverei im gedachten Hintergrund. Nach zwei Minuten und sieben Sekunden hören wir endlich das Spiritual eintreffen. Die Melodie erklingt nicht affirmativ, sondern »liegengelassen«. Die Töne frieren sogleich fest; und außerdem trägt das vorgeschriebene Pedal zum Eindruck des Verschwimmens bei. Ein Blick auf die Vergangenheit; aus dem Schmerz heraus. Ein großartiges Stück Klaviermusik; man denkt vielleicht an Ustwolskaja, sogar an Prokofjew – in jedem Fall aber wohl an Ives und Rzewski. Nicht die schlechteste Reihe von Komponistinnen und Komponisten, mit der man assoziiert sein möchte … ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.