Bexhill-on-Sea liegt ganz im Südosten Englands – und, wie der Name bereits sagt: direkt am Meer. 1902 fand in Bexhill das erste Autorennen Großbritanniens statt. Und in dem 1936 erschienenen Roman The A.B.C. Murders von Agatha Christie geschieht hier der zweite Mord des Buches. Zwischen diesen beiden prominenten Ereignissen wurde in der beschaulichen Stadt in der Grafschaft East Sussex am 20. Februar 1921 Ruth Dorothy Louise Gipps geboren.

Mutter Hélène Johner stammte ursprünglich aus Basel und hatte, wie zu lesen ist, in Frankfurt Klavier studiert. In Frankfurt lernte Johner auch ihren späteren Ehemann Bryan Gipps – einen britischen Geiger – kennen. Das musikalische Talent der Eltern wurde offensichtlich an Tochter Ruth vererbt, die sehr früh außerordentliche musikalische Fähigkeiten bewies, indem sie beispielsweise als Achtjährige ein Klavierstück mit dem Titel The Fairy Shoemaker vorlegte, das sogleich im Druck erschien. Barry Cooper erklärt sie damit in Child Composers and Their Works. A Historical Survey (Plymouth 2009) zur jüngsten Komponistin, von der je ein Stück veröffentlicht wurde. 

ANZEIGE

Mit vier Jahren war Gipps bereits in London öffentlich als Pianistin aufgetreten. Und mit 15 nahm sie ein Studium am Royal College of Music in London auf. Ihre Kompositionsprofessoren – allesamt Engländer – waren hier in London der inzwischen völlig vergessene (allerhöchstens noch durch Weihnachtslied-Arrangements präsente) Reginald Owen Morris (1886–1948), der spätneoklassizistische Traditionalist Gordon Jacob (1895–1984) sowie der uns bis heute gut bekannte Ralph Vaughan Williams (1872–1958). Außerdem belegte Gipps die Fächer Oboe und Klavier. Ihr Studium schloss sie 1941 ab – und schon 1942 brachte ihr fanfarenseliges Orchesterpoem Knight in Armour op. 8 einigen Erfolg ins Haus, wurde das Werk doch von Sir Henry Wood (1869–1944), dem Gründer der »Proms«-Konzertreihe in der Royal Albert Hall in London anlässlich der beliebten »Last Night of the Proms« uraufgeführt.

Zeitgleich machte Gipps als Pianistin und vor allem als Oboistin eine beachtliche Karriere. 1944 erhielt sie die Oboen-Stelle beim Birmingham Symphony Orchestra. Margaret Campbell fasst die Vielseitigkeit der Komponistin mit den Worten zusammen, es sei beinahe einfacher, die Bereiche zu aufzuzählen, die die Komponistin und musikalische Allrounderin Ruth Gipps nicht interessierten, als all die zu nennen, in denen sie brillierte.  Überhaupt, so Campell, sei Gipps »eine geborene Rebellin« gewesen, die sich in der von Männern dominierten Musikwelt Englands selbstbewusst durchzusetzen wusste. Frühe Erlebnisse hatten sie diesbezüglich geprägt, so berichtet Campell. Bei der Uraufführung ihrer ersten Symphonie hätte ein Mitglied des Orchesters – aus Häme gegenüber einer komponierenden Frau – absichtlich falsche Töne eingestreut. (Ein Verhalten, das der Autor dieser Zeilen noch bei einem in dieser Situation von einer Dirigentin geleiteten italienischen Orchester während der Probe im Jahre 2013 exakt so bezeugen kann.)

Mit 27 Jahren (1948) reichte Gipps ihre Promotion an der Durham Universität ein, bekleidete im selben Jahr den Posten als Dirigentin des City of Birmingham Choir und feierte ein Jahr später mit der Uraufführung ihres Klavierkonzerts op. 34 einen weiteren großen Erfolg. Mitte der 50er Jahre allerdings machten sich bei der gefragten Musikerin die Spätfolgen eines Fahrradunfalls bemerkbar. Offenbar war Gipps als 12-Jährige nach einem Sturz medizinisch nicht kompetent genug behandelt worden. Jedenfalls zeigten sich bei der Mittdreißigerin jetzt chronische Schmerzen in der rechten Hand sowie am Rücken und im Nackenbereich. Gipps verabschiedete sich vom Oboen- und Klavierspiel und trat nunmehr »nur« noch als Komponistin und Dirigentin auf.

Weil sie als skeptisch beäugte Frau in England – den meisten männlichen Kollegen künstlerisch weit überlegen – keine große Dirigentinnenstelle bekam, gründete sie 1955 mit dem London Repertoire Orchestra ihr eigenes Ensemble. Hinzu kam 1961 die Gründung des Chanticleer Orchestra, bei dem unter anderem die Dirigentin Iona Brown (1941–2004) ihre ersten Dirigiererfahrungen sammeln konnte.

Von 1959 bis 1966 unterrichtete Gipps zusätzlich als Professorin am Trinity College of Music und von 1967 bis 1977 am Royal College of Music. Bereits mit 19 Jahren hatte sie den Klarinettisten Robert Baker geheiratet, der – wie Gipps selbst – zur selben Zeit im City of Birmingham Symphony Orchestra tätig gewesen war. Ruth Gipps starb zwei Tage nach ihrem 78. Geburtstag am 23. Februar 1999 in Eastbourne, nahe ihres Geburtstortes.


Ruth Gipps (1921–1999)
Symphonie No. 2 op. 30 (1945)

Ruth Gipps galt als emphatische Anti-Modernistin, lehnte die Dodekaphonie, den Serialismus und andere avantgardistische Schulen und Strömungen apodiktisch ab, wovon sogar ein ganzes Buch erzählt (Jill Halstead: Ruth Gipps: Anti-Modernism, Nationalism and Difference in English Music, Burlington 2006).

In ihrem Werkkatalog finden sich einige Orchesterwerke, Solo-Konzerte, Chormusik, Lieder und Solo-Stücke, die regelmäßig stilistisch an die Seite von englischen Kollegen wie Holst, Elgar oder Bax gestellt werden. Der oben erwähnte Sir Henry Wood setzte sich nachhaltig für die Musik von Ruth Gipps ein und dirigierte beispielsweise auch die Uraufführung ihrer zweiten Symphonie. (Insgesamt komponierte Gipps fünf Symphonien.)

Gipps’ Opus 30 wurde 1945 uraufgeführt und lässt einen eintreten in dunkel-romantische Gefilde, gleich zu Beginn. Schwere Schritte – und leicht dissonant angeschärftes, heroisches Blech. Der posaunige Eindruck verschärft, verstärkt sich – schönes Insistieren, stolzer Gang. Ein von leichtem Klopfen begleiteter Melodie-Faden spinnt sich hinfort zu einer Cello-Eindunklung. Die Harmonien changieren »englisch«, gleiten von kadenzartigen Abschnitten zu frei nebeneinanderstehenden Feldern.

Es ist einfacher, die Bereiche zu aufzuzählen, die die Komponistin und musikalische Allrounderin Ruth Gipps nicht interessierten, als all die zu nennen, in denen sie brillierte. Ein Porträt in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Nach knapp drei Minuten bekommen wir die Sporen auf die Ohren, Pferde werden kriegerisch angetrieben. Filmmusikalische Analogien allüberall. Herrlich drehen sich die Cowboy-Runden in ein Spinnrad einer Art von Orchester-Toccata ein.

Doch das melancholische Englisch Horn wartet schon, um Einhalt zu gebieten. Eine Musik der Abwechslung. Klare Bekenntnisse zu den Schönheiten von Harmonie und kompakter Orchestergestaltung, meisterinnenhaft gehandhabt. Bleibend und gut. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.