»Mein weiß von ihr fast gar nichts.« Ein Satz, den man in Biographien von E-Musik-Komponistinnen zu häufig lesen (und schreiben) muss. Das gilt auch für eine Komponistin mit einem wohlklingenden, vokalreichen Namen: Esmeralda Athanasiu-Gardeev.

Geboren wurde Athanasiu 1834 im moldawischen Galați, im (heutigen) Osten Rumäniens gelegen. Die extrem spärlichen Informationen geben nicht viel her: Wir erfahren in äußerst knapper Form beispielsweise, dass Athanasiu-Gardeev in Bukarest Klavier und Komposition studierte. Von dort aus ging es für sie nach Paris, wo der österreichische Klaviervirtuose und (entsprechende tastenlöwige Stücke schaffende) Komponist Julius Schulhoff (1825–1898) – Großonkel von Erwin Schulhoff (1894–1942) – ihr Lehrer wurde. Vielleicht war Schulhoff dann doch nicht der erhofft förderliche Professor (äußerst bekannte Schülerinnen und Schüler hatte er nämlich eher nicht); jedenfalls zog die junge Pianistin und Komponistin Athanasiu weiter – und zwar ins weit entfernte Sankt Petersburg.

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Hier studierte Athanasiu beim Pianisten, Komponisten und Dirigenten Anton Rubinstein (1829–1894), dessen berühmtes, warmherziges »Daumenstück«, die Melodie F-Dur op. 3 No. 1 (1852), sich als einzige Komposition aus dessen Hand mehr oder weniger im (gehobenen Salon-)Repertoire hielt. Neben Komponieren und Klavierspielen war Athanasiu außerdem als Sängerin und Gitarristin gefragt – und zog 1878 wieder nach Bukarest. Dort heiratete sie einen russischen General namens Gardeev. Die Heirat ebnete Athanasiu-Gardeev den Weg in gewisse Adelskreise, wirtschaftliche Sorgen gab es ab diesem Zeitpunkt wohl keine mehr.

Esmeralda Athanasiu-Gardeev starb 1917 mit 83 Jahren in Bukarest.


Esmeralda Athanasiu-Gardeev (1834–1917)
Souvenir de Odessa op. 34 für Klavier

Von Athanasiu-Gardeev sind wenige Lieder sowie vor allem ein paar Klavier-Solowerke erhalten geblieben. Stücke also für ihr eigenes Instrument, wie das Souvenir de Odessa op. 34. Nach einer schnoddrigen – zunächst marschartigen, dann sich »quasi improvisando« gebenden – Einleitung erklingt ein cavatinenartiges, melancholische Klavierstück. Koloraturen schlängeln sich hinauf in die Höhe. Chopin tönt durch. Fernweh. Als lägen die Masuren nah am Schwarzen Meer … ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.