Die häufig »Marie« genannte Maria Frederica Stedingk hatte einen Vater, der hochgeehrt beim schwedischen Militär diente: Graf Kurt von Stedingk. Dieser hatte die Haushälterin Ulrika Fredrika Ekström geheiratet, allerdings erst fünf Jahre nach Maries Geburt. Trotz seiner Zugehörigkeit zum Militär vertrat Vater Kurt fortschrittliche Werte in Sachen Erziehung und Bildung von Mädchen und jungen Frauen. Alle seine Kinder erhielten – völlig unabhängig von ihrem Geschlecht – eine vollumfängliche Ausbildung in diversen Fächern. Privatunterricht, freilich. Man konnte es sich leisten.

Viel erfährt man über Maria Frederica Stedingk nicht. Aber sie wird sicher mehrere Instrumente und Sprachen hervorragend beherrscht haben. Ihr kompositorisches Talent machte sie im Rahmen ihrer musikalischen Gesamtbegabung – im Sinne der Anstellungen vielfach kompetenter Musikerinnen und Musiker an den Höfen Europas in den vorigen Jahrhunderten – prädestiniert für königliche Dienste; galt es doch für Fürstinnen und Fürsten stets, mit der Indienstnahme von Musikerinnen und Musikern möglichst viele Facetten des Musiklebens der jeweiligen Zeit »mitzunehmen«.

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Und tatsächlich wurde Stedingk zu einem Mitglied eines bedeutenden Hofstaats: In der (langen) Zeit von 1823 bis 1860 diente sie am Hofe Desiderias, der Königin von Schweden und Norwegen; allerdings »nur« als »hovfröken«, also als »Hofjunger«; ein durchaus hoher Bediensteten-Rang. Ob Stedingk allerdings wegen ihrer musikalischen Meriten diesen Posten erhalten hatte und entsprechend bei Hofe wirken konnte, würde einer eingehenderen Recherche bedürfen. (Heiraten unterließ Stedingk zumindest. Bei Komponistinnen meist ein gutes Zeichen.)

In jedem Fall sind ein paar Klavierkompositionen der am 15. Juni 1868 im Alter von 68 Jahren gestorbenen Maria Frederica Stedingk überliefert.


Maria Frederica Stedingk (1799–1868)
Nocturno für Klavier

Eines davon ist das Nocturno für Klavier. Sehnsuchtsgesättigt hören wir schönste Vorhaltsmelodien, auf einem romantischen Klavierbass. Hier will jemand etwas erzählen; etwas von einem gehaltvollen Leben – und von gewissen Schwärmereien. Erinnerungen an den leidenschaftlichen Chopin der frühen Jahre stellen sich ein. Musik einer irgendwie singulären Persönlichkeit. Hätten wir doch noch viel mehr Werke von ihr überliefert bekommen! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.