In der Jugendstrafanstalt in Berlin-Tegel betreten die Häftlinge nach einem Aufenthalt in der Kälte im Freien ihren Gebäudetrakt. Sie scherzen, knuffen sich, rufen einander hinterher. Der Hall des riesigen Raums, von dem mit Gittern abgetrennte Flure und Zellen abgehen, verstärkt Stimmen und polternde Schritte um ein Vielfaches. Mittendrin stehen Geigerin Sonja Bogner, Cellistin Clara Lindenbaum und Bratschist Avri Levitan mit ihren Instrumenten in den kalten Fingern. Die jungen Männer drängen sich an ihnen vorbei, manche schauen skeptisch, viele interessiert, einer erzählt Avri gleich, dass er gerne singt. Alle Insassen müssen zurück in ihre Flure, die Gittertüren werden zugesperrt. Ein besonders großer und ruhiger junger Mann möchte unbedingt bei den Musiker:innen bleiben: »Ich tu doch niemandem was!« Auch er wird geduldig von Mitarbeitern in seinen Flur geleitet. Manche müssen sogar direkt auf die Zelle gehen, nur die Tür darf offen bleiben. Eine Sicherheitsmaßnahme, zu dem das Gefängnis wegen Überbelegung gezwungen ist. 

»Wir spielen jetzt ein bisschen Wolfgang Amadeus Mozart«, ruft Avri in den Lärm hinein. Dann setzen sich die drei Musiker:innen auf die eilig herbeigeschafften Stühle und beginnen das Divertimento K 563. Es wird schlagartig still. In den beiden unteren Fluren kommen einige junge Männer so dicht an das Trio heran wie möglich, lehnen ihre Stirn an die trennende Gittertür, beobachten aufmerksam. Andere sitzen auf dem Boden und lauschen mit geschlossenen Augen, während des ersten Satzes kommen noch ein paar weitere aus ihren Zellen dazu. Auch aus den Fluren in den oberen Stockwerken dringt kein Laut, obwohl die Zellentüren offenstehen. 

»Das war schön«, sagt ein auf dem Boden sitzender Häftling nach dem ersten Satz sehr leise, wie zu sich selbst. Dann brechen tumultartiger Applaus und Bravo-Rufe aus, die aber aber sofort stoppen, als der zweite Satz beginnt. Es gibt keine Einführung, keine Erläuterung, keine Vermittlung. Die Musik spricht für sich. Nur einmal ruft Avri in den Applaus zwischen zwei Sätzen hinein: »Ihr seid ja leiser als das Publikum in der Philharmonie!« 

Es ist nicht zu übersehen, wie berührt und stellenweise auch beschwingt dieses Publikum vom Mozart-Divertimento ist. Es geht bei diesem Konzert aber um mehr als das Musizieren für Menschen, die nicht in die Philharmonie gehen können. Bei Musethica, der Initiative, die diesen Auftritt organisiert hat, handelt es sich nicht um ein gewöhnliches Outreach-Projekt, sondern um einen Kammermusik-Meisterkurs, bei dem die Teilnehmenden innerhalb von einer Woche 12 bis 14 Konzerte in sozialen oder pädagogischen Einrichtungen spielen, für Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, für Wohnungslose, Geflüchtete oder Senior:innen, in Schulen, Hospizen oder Frauenhäusern, immer begleitet von einer Tutorin oder einem Tutor, in diesem Fall dem Bratschenprofessor Avri Levitan.

Vom Publikum wird bei Musethica-Konzerten kein bestimmtes Verhalten verlangt oder erwartet. Es begegnet der Musik fast immer sehr direkt, frei von Konventionen oder Vorwissen. Musikalische Qualität ist dabei trotzdem extrem wichtig. »Das Publikum bei Musethica reagiert sehr stark auf Intonation, das ist interessant«, erklärt Avri. »Es ist absolut nicht so, dass sich einfach alle freuen, dass du da bist, egal, wie du spielst.« Auch Puls und Phrasierung seien bei den Musethica-Konzerten besonders entscheidend, genau wie die Fähigkeit, als Musiker:in den Klang den immer wechselnden Räumen schnell anzupassen. In der Jugendstrafanstalt funktioniert all das hervorragend.

Das Mozart-Divertimento haben Cellistin Clara und Geigerin Sonja ausgewählt, weil es als schwer gilt: stellenweise sehr virtuos, mit Es-Dur in einer Tonart, die für Streicher nicht besonders bequem ist, dazu mit etwa 50 Minuten noch sehr lang. Und: »Es ist kein Show-Stück«, meint Clara. »Man muss wirklich in die Materie eindringen.« Trotzdem müssen die drei für das Publikum in der Jugendstrafanstalt eine Brücke zu dem Stück bauen, selbst für die, die die Musiker:innen aus ihren Zellen nicht sehen können. »Wenn man zwei oder dreimal am Tag spielt bei Musethica, entwickelt man ein Gespür dafür, was die Menschen vor einem wirklich hören«, meint Avri. »Der Typ vor mir muss ein Crescendo spüren. Oder eine Überraschung beim Subito forte. Nicht ich als Musiker.«

Avri hat Musethica vor 10 Jahren zusammen mit der der Sozialwissenschaftsprofessorin Carmen Marcuello entwickelt, weil ihm selbst im Bratschenstudium das regelmäßige Auftreten gefehlt hat, vor einem Publikum, dessen Blick nicht professionell verstellt ist wie in der Hochschule. »Das Fachpublikum weiß ja, wie schwer das Stück ist«, meint Geigerin Sonja, die aktuell an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin bei Stephan Picard ihr Bachelorstudium absolviert. »Mein Lehrer weiß auch: ›Jetzt kommt gleich die schwere Stelle.‹ Bei Musethica ist das gar nicht der Fall. Dem Publikum ist egal, wie mein Lagenwechsel ist. Die wollen einfach, dass es insgesamt einen Sinn ergibt. Ich bin darum bei Musethica-Konzerten viel kritischer, als wenn ich in der Hochschule spiele.« Elvira van Groningen, die mittlerweile beim Mahler Chamber Orchestra spielt, hat schon viele Musethica-Konzerte miterlebt, erst als Teilnehmerin, dann als Mitarbeiterin. Sie beschreibt den Unterschied so: »In der Hochschule hören eh alle zu. Die sitzen da und sind leise. Bei Musethica ist das unsicher: Werden sie zuhören? Ist es interessant genug?« Weil das Feedback so direkt ist, kann man als Musikerin schnell, zum Teil unterbewusst, darauf reagieren. Oder beim nächsten der vielen Konzerte innerhalb einer Musethica-Woche die konkrete Stelle bewusst anders gestalten. »Es gibt eine starke Korrelation zwischen dem, was wir Qualität der Interpretation nennen, und der Aufmerksamkeit des Publikums«, erzählt Avri. »Das hat mit Puls zu tun, mit Klang, mit Intonation. Normalerweise entwickeln das die Musiker:innen dann von selbst in den Einrichtungen.« 

Avri Levitan ist in Israel geboren und aufgewachsen. Dort studierte er auch Bratsche, an der Rubin Academy of Music in Tel Aviv, später dann am Conservatoire de Paris. Mittlerweile ist er gefragter Solobratschist und Bratschen- und Kammermusikprofessor an der Musikhochschule im spanischen Saragossa, außerdem Gastdozent am Royal College of Music in London, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und vielen weiteren Instituten in Europa und Asien. Vor zehn Jahren lud er bei einem Kammermusik-Meisterkurs in La Rioja zwei junge Männer, die auf der Straße Haschisch verkauften, ein, sich Kodálys Cellosonate anzuhören. Und so entstand das erste Musethica-Konzert: »Manches, was ich versucht habe zu erarbeiten im Unterricht, hat plötzlich super funktioniert vor diesen Leuten: Klangqualität, Rhythmus«, erinnert sich Avri. Die Idee zu diesem Format hatte er schon als Student, weil er das regelmäßige Auftreten außerhalb des Musikhochschulkosmos vermisste. 

Mittlerweile gibt es die Musethica-Meisterkurse in 12 Ländern: Deutschland, Spanien, Frankreich, Israel, Polen, China, Österreich, Finnland, Holland, Schweden, Norwegen und Litauen. Als Tutor:innen wirken Musiker:innen wie Alena Baeva, Béatrice Muthelet und Eckart Runge. Die Teilnehmenden – bereits bestehende Ensembles genau wie einzelne Musiker:innen – müssen sich per Video bewerben und werden von einer Jury ausgewählt, in der unter anderem Jonathan Brown vom Cuarteto Casals und Sonia Simmenauer sitzen. Entschieden wird allein mit Blick auf das künstlerische Können. Avri meint, das sei ein großer Unterschied zu anderen Outreach-Konzerten. Bei denen sei es oft so, dass eher die Musiker:innen in die Einrichtungen geschickt würden, die es nicht in die Konzertsäle schafften. Bei Musethica ist das genau anders herum. »Die Besten dürfen im Gefängnis spielen. Nicht die, die nicht gut genug sind für’s Konzerthaus«, so Avri. »Musik hat viel Power. Power kann positiv sein, aber auch negativ. Das Publikum von uns kann zum Teil nicht kommunizieren oder weggehen. Wenn man dort mit schlechtem Klang spielt oder schlechter Intonation, kann das auch ein bisschen eine Folter sein. Das ist eine große Verantwortung.« Entsprechend ernst nehmen die Musiker:innen die Konzerte und die Vorbereitung. Avri erinnert sich an ein Konzert in einem spanischen Schutzzentrum für Frauen, die zur Prostitution gezwungen worden waren. »Die sitzen dann einen halben Meter vor dir und du denkst: Ich will für sie den schönsten Mozart spielen. Nicht um jemanden zu beeindrucken oder um zum nächsten Konzert eingeladen zu werden. Von Herzen.« Die Rückmeldungen seien oft sehr bewegend, meint Sonja, »zum Beispiel in Altenheimen, wo man weiß, dass die Menschen wirklich nicht mehr lange leben und die sich dann bedanken, dass sie das noch einmal hören durften.« 

Nach dem Konzert in der Jugendstrafanstalt in Berlin dankt Avri für’s Zuhören und lädt das Publikum ein, Fragen zu stellen oder das Gehörte zu kommentieren, aber von den jungen Männern meldet sich keiner zu Wort. Selbst, wenn man so aufgeschlossen ist wie Avri, scheinen die Leute hier über Musik sehr viel besser zu erreichen zu sein als im Gespräch. Ein Wärter, der uns nach dem Konzert hinaus begleitet, meint: »Viele sitzen auch in ihren Zellen und weinen. Das weiß ich, weil es beim letzten Mal so war.«

Für die Musiker:innen geht es jetzt gleich weiter zum nächsten Auftritt. So eine Musethica-Session ist anstrengend: Die Tage sind randvoll mit Konzerten, Proben und Anfahrten. Meist bleibt in den Einrichtungen noch nicht mal Zeit, sich einzuspielen. »Man lernt auch davon ganz viel, wird flexibel«, erklärt Elvira. »Auch, dass man nicht immer erst eine Stunde Tonleitern spielen muss, bevor man Musik machen kann.« Clara nimmt sich die Zeit für die Session darum gerne, auch wenn sie mittlerweile Akademistin an der Komischen Oper Berlin ist. 

Sonja, Clara und Avri spielen Mozarts Divertimento K 563 bei Leben Lernen • Foto © Leben Lernen

In der Einrichtung Leben Lernen, einem Beschäftigungs- und Förderangebot für Klient:innen mit komplexen Beeinträchtigungen, werden Clara, Sonja und Avri vor dem Konzert von einer Mitarbeiterin darauf hingewiesen, dass das Publikum hier nicht still zuhören und möglicherweise auch nicht sitzenbleiben wird. Vor Konzertbeginn ist es auch hier sehr laut, sobald Sonja die Geige hebt, wird es auch hier deutlich ruhiger. Nur ein Klient äußert sehr regelmäßig – und treffend: »Auweia, das ist schwer!« Ansonsten herrscht gebannte Stille, nur im Hintergrund klappert in der offenen Küche jemand mit Besteck. Die Musiker:innen spielen trotzdem sehr konzentriert. Zwischen den Stücken – neben Mozarts Divertimento das Prelude aus Bachs Suite Nr. 3 für Violoncello solo, Henning Wölks Himmelsleiter (2022) für Violine solo und Bei Kerzenschein (2012), das der Vater der Cellistin komponiert hat – wird geklatscht und gejubelt. 

Neue Musik scheint beim Leben Lernen-Publikum genauso gut anzukommen wie Mozart oder Bach. Das deckt sich mit den Erfahrungen aus anderen Musethica-Sessions, meint Avri später. »Es kommt nicht auf die Stücke an, sondern wie sie gespielt werden. Wir haben Beethovens Große Fuge für eine 4. Klasse gespielt. Komplett, als Konzert, keine Witze, keine Clowns.« Das habe großartig funktioniert, weil das Quartett großartig musiziert habe. Das Publikum bei Leben Lernen spürt auch bei der Neuen Musik genau, wann der richtige Zeitpunkt zum Applaudieren ist – sogar besser als eine Mitarbeiterin, die eine klatschende Klientin zuerst bremsen will. Nach dem eigentlichen Konzert spielt Clara noch einmal das Prelude, ein gehörloser Klient kann währenddessen seine Hand auf das Cello legen und so noch stärker die Vibration spüren. Auch alle weiteren Zuhörer:innen bleiben sitzen und lauschen gespannt.

Foto © Leben Lernen

Musethica hat sich zum Ziel gesetzt, als Kurs ein fester Bestandteil der Ausbildung an den Musikhochschulen in Deutschland und anderen Ländern zu werden. In Wien ist Musethica bereits als Wahlfach studierbar. Außerdem gibt es hier ein Post-Graduate-Programm für Streichquartette, bei dem das jeweilige Ensemble etwa 50 Musethica-Konzerte pro Jahr spielt, immer mit Tutor:in. Mit anderen Musikhochschulen in Europa, Großbritannien und den USA ist der Verein im Austausch. An Hochschulen lenkt im Alltag viel vom Musikmachen ab, meint Avri: »Die Note, der Ruf. Was denkt der Professor? Wie gut bin ich im Vergleich zu den anderen? Solche Gedanken blockieren die intuitive Art zu musizieren. In den Einrichtungen hört man wirklich zu, will wirklich etwas teilen.« So erhält er als Rückmeldung von Musethica-Teilnehmenden oft: »Ich habe jetzt verstanden, dass es beim Musikmachen nicht um mich geht.« ¶


Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN. merle@van-verlag.com