An einem bisher nicht genau bekannten Tag des Jahre 1768 kam Margarethe Maria Marchand während einer Theater-Gastspielreise in Frankfurt am Main zur Welt. Margarethes Vater war, wie in dem Artikel von Monika Kammerlander nachzulesen ist, Leiter einer Theatergruppe. Diese Gruppe formierte sich immer wieder an verschiedenen Orten für entsprechende Theateraufführungen – und so kursieren bisweilen als Geburtsortsangaben auch Mannheim oder München. Infolge der »Theaterfamilien«-Tradition hatte Vater Theobald Hilarius Marchand »standesgemäß« geheiratet, und zwar die Sängerin Magdalena Brochard, die ebenfalls in Sachen Theaterspiel und Tanz unterwegs war.

Einzelne Familienmitglieder der Marchands machten verschiedentlich durch lobhudelnde Meldungen ihrer künstlerischen Leistungen in den von Karl Theodor (Pfalz und Bayern) regierten – damals durchaus weitreichenden – Landstrichen von sich reden. 1775 – Margarethe war sieben Jahre alt – wurde die Familie zunächst in Mannheim sesshaft. 1778 verlegte der Kurfürst seinen Amtssitz nach München – und dementsprechend folgten ihm die Marchands, war Margarethes Vater doch Direktor des Mannheimer Theaters; und auch in München wollte der Kurfürst von seiner ihm vertrauten Theatertruppe unterhalten werden.

Hier in München wurde Margarethe Marchand von Franziska Lebrun unterrichtet (1756–1791). Die zwölf Jahre ältere Lebrun – ebenfalls gebürtige Mannheimerin – galt bei den tonangebenden Adeligen der Zeit als gefragte Opernsängerin, die bald in ganz Europa an allen bedeutenden Opernhäusern reüssierte und als Komponistin vielversprechende Werke hinterließ. Die umfassend gebildete Lebrun vermittelte Marchand wichtige Inhalte in den Fächern Geige, Gesang und Theorie. Beide wurden zu einer eingeschworenen Schülerin-Lehrerin-Gemeinschaft.

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Hinter den Ambitionen, die pädagogisch profund untermalt wurden, stand Margarethes Vater. Die Prominenz von Leopold Mozart als legendärer Multi-Instrumentallehrer war längst von Salzburg nach München herüber geweht – und so veranlasste Theobald Marchand, nachdem er bereits seinen Sohn Heinrich sowie eine Cousine nach Salzburg beordert hatte, dass auch Margarethe Schülerin von Mozart Senior wurde. Monika Kammerlander zitiert, wie Leopold seinem Sohn Wolfgang über die Talente der damals 14-jährigen Margarethe berichtete: »Salzb. D. 29. April 1782 […] Unterdessen habe ich eine Unterhaltung mit 2 Schülern, dem 12 Jährigen Sohn und dem 14 Jährigen Töchterchen des H: Marchand Theaterdirektors in München, die bei mir in Erziehung sind und ich Hoffnung habe, […] aus dem Mädchen eine gute Sängerin und vortreffliche Clavierspielerin zu bilden.«

Leopold Mozart wurde – nach Franziska Lebrun – eine weitere pädagogische Lichtgestalt im Leben Margarethe Marchands. Nach ihrer Rückkehr nach München 1784 feierte man ihre sängerischen Fähigkeiten an der dortigen Oper, wie ebenfalls von Lehrer Mozart überliefert ist. Im August 1784 war aus dem einstigen Schülerin-Lehrerin-Verhältnis zu Franziska Lebrun (geborene Danzi) inzwischen eine veritable – nicht nur künstlerische – Verwandtschaft geworden: 1790 heiratete Margarethe Marchand Lebruns Bruder, den damaligen Vize-Kapellmeister der Münchner Hofoper Franz Danzi (1763–1826), einem bis heute im Konzertrepertoire insbesondere von Holzbläserinnen und Holzbläsern recht präsenten, damals fleißig komponierenden späten Vertreter der Mannheimer Schule, der im Verbund mit seinem Lebensfreund Carl Maria von Weber stilistisch »Übergänge zur musikalischen Romantik« ermöglichte.

Margarethe nahm den Nachnamen ihres Gatten an, der seine Frau nun in Komposition unterrichtete. Statt Flitterwochen zu machen, zogen Margarethe und ihr Ehemann zwei Jahre für Gastspielreisen durch Europa. Trotzdem entstanden zu dieser Zeit Solo- und Kammermusikwerke aus der Feder Margarethe Danzis. Die vielen – erfolgreichen – Operngastspielreisen kosteten jedoch einen hohen Preis. Bald musste sich Margarethe Danzi – unter anderem nach gefeierten Auftritten in Venedig und Florenz – dauerhaft zurück nach München begeben, ein chronisches Lungenleiden hatte ihre Sängerinnenlaufbahn gestoppt. Noch kam es zu Auftritten am Münchner Hoftheater, doch bereits am 10. Juni 1800 starb Margarethe – überdies gesundheitlich gefordert durch die Geburt zweier Kinder – im Alter von nur 32 Jahren. Autorin Eva Neumayr schreibt in Maria Anna Mozart: Facetten einer Künstlerin, Margarethe Danzi sei »zu ihren Lebzeiten weitaus populärer als ihr Mann« gewesen.


 Margarethe Danzi (1768–1800)
Sonate für Violine und Klavier Es-Dur op. 1 No. 1, 1. Satz: Allegro moderato

Ihre frühen sechs Klaviersonaten (1786) sind bis heute verschollen. Erhalten sind überdies nur zwei Klavierwerke, von denen das eine (Andante con variazioni) unter dem Namen ihres Ehemannes Franz Danzi als Satz seiner Klaviersonate F-Dur op. 3 veröffentlicht wurde. Das Werk einer heute nur noch als Primadonna des späten 18. Jahrhunderts bekannten Komponistin: in einer Klaviersonate eines bis heute populären Klassikers! Und tatsächlich präsentiert sich das – offensichtlich bis auf den heutigen Tag nicht im Studio eingespielte – Werk Danzis (man schaue sich die Noten persönlich an) anlässlich des Mittelsatzes als mit Abstand am originellsten. Inzwischen wird zumindest deutlich angegeben, dass es sich dabei um Musik seiner früh verstorbenen Frau handelt. (Franz Danzi überlebte seine Gattin um mehr als ein Vierteljahrhundert).

Glücklicherweise sind die ein Jahr nach dem Tod der Komponistin im Druck erschienenen Sonaten für Violine und Klavier vollständig überliefert, wiewohl das dazugehörige Notenmaterial nur mit Hürden eruierbar ist. Hören wir in die erste Sonate hinein, von der wenigstens Ausschnitte des Notenmaterials zu finden sind.

Das Werk einer heute nur noch als Primadonna des späten 18. Jahrhunderts bekannten Komponistin in einer Klaviersonate eines bis heute populären Mannes: Margarethe Danzi und ihre Sonaten in @vanmusik.  Klick um zu Tweeten

Der Eingangssatz (Allegro moderato) dieser Sonate kommt lustig stampfend daher. Doch schon im dritten Takt spüren wir einen Hauch des empfindsamen Zeitalters hinüberwehen. Plötzliches Piano. Sanftheit, verspieltes Kind. Das zweite Thema präsentiert sich sehr lustig mit vielen scharfen Vorschlägen angeraut – und wird im Folgenden durch die beiden kammermusikalischen Stimmen getragen. Schön, wie neben den traditionell klassisch geprägten »Laufwerkstakten« hymnische Moment das Leben feiern und uns ganz überraschend warme Augenblicke bescheren. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.