Lexington in Kentucky ist im Bereich der Pferdezucht weltweit von großer Bedeutung und wird gar als »Pferdehauptstadt der Welt« bezeichnet. In dieser Ende des 18. Jahrhunderts gegründeten, zu des Beginn des 19. Jahrhunderts als eine der reichsten Orte der USA geltenden und heute etwa 320.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Stadt wurde am 25. März 1924 Julia Amanda Perry geboren. Bald zog die Familie – bestehend aus Mutter America Lois Heath Perry, Vater Dr. Abe Perry und vier weiteren Töchtern – allerdings nach Akron in Ohio um.

Perry muss eine musikalische Kindheit und Jugend verlebt haben. Denn aus Zufall oder Verlegenheit schickt man die Tochter nicht auf ein fast exakt 700 Kilometer weiter östlich gelegenes Musik-College. Julia Perry studierte zwischen 1943 und 1948 Gesang, Klavier und Komposition am presbyterianischen Westminster Choir College in Lawrenceville, New Jersey. Hier war offenbar auch Perry als Schwarze Musikerin willkommen. Die große Chorkultur des Colleges brachte möglicherweise mit sich, dass der Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA noch extrem ausgeprägte – fast alle Bildungseinrichtungen betreffende – Rassismus gegenüber Schwarzen (die schon immer die US-Chorszene in wesentlichen Zügen mitprägten) hier in den Hintergrund rückte. (Im Zuge einer Erklärung gegen Hass, Gewalt und Rassismus nach der Tötung von George Floyd im Mai 2020 erklärte sich das bis heute bestehende Westminster Choir College dahingehend, dass dort hinsichtlich der Herkünfte der Studierenden schon früh Diversität gelebt wurde.)

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Nach der Collegezeit studierte Perry am Berkshire Music Center in Tanglewood, wo unter anderem Luigi Dallapiccola (1904–1975) ihr Lehrer war. Später ging es für sie an die Juilliard School of Music in New York. 1952 begann Perry ein Studium bei der legendären Lehrerin und Komponistin Nadia Boulanger in Paris. Hier, in Paris, erhielt Perry für ihre Kompositionen weitere Auszeichnungen. Insgesamt wurden Perry zwei Guggenheim Fellowships sowie der American Academy of Arts and Letters Prize zuerkannt. Anschließend kehrte sie zu Dallapiccola zurück, der seit 1934 als Kompositionsprofessor auch am Conservatorio di Musica Luigi Cherubini in Florenz unterrichtete. Mitte der 1950er Jahre nahm Perry im Rahmen eines Studiums an der Accademia Chigiana im nahegelegenen Siena auch eine Laufbahn als Dirigentin in den Blick. Nach fast sechs Jahren in Europa kehrte sie in die USA zurück, wo sie vornehmlich unterrichtete – und zwar am Hampton Institute (heute: Hampton University) in Virginia, an der Florida Agricultural and Mechanical University in Tallahassee sowie gelegentlich am Atlanta University Center.

Im Alter von 46 Jahren erlitt Perry einen ersten Schlaganfall. Möglicherweise starb sie am 25. April 1979 im Alter von nur 55 Jahren an den Folgen eines weiteren Gehirnschlags, aber das bleibt Spekulation. Ihr Grabstein (mit falschem Geburtsjahr 1927!) befindet sich auf dem Glendale Cemetery in Akron, Ohio, dem Ort ihrer Jugend.


Julia Perry (1924–1979)
Short Piece für Orchester (1952)

Perry komponierte vier Bühnenwerke (unter anderem zwei Einakter sowie ein aus drei Akten bestehendes Opernballett – The Selfish Giant, 1964, ausgezeichnet mit besagtem American Academy of Arts and Letters Prize), mehrere Orchesterwerke, ein Klavier- sowie ein Violinkonzert, Vokalmusik, Kammermusik und Solo-Kompositionen.

Stücke wie das frühe Prelude for Piano (1946/1962) scheinen auf warmherzigste und doch avantgardistisch-ambitionierte Weise das Erbe von Charles Ives weiterzuführen: diese Mischung von Anarchie und Wärme. Perry erlabt sich an Akkorden jazziger Provenienz, große Dur-Septakkorde, kleine Moll-Septakkorde. Expressive Choräle, demütig, dissonant.

Perrys Short Piece für Orchester entstand 1952 – also ganz zu Beginn ihres Studiums bei Nadia Boulanger. Der heftige »Anwurf« des Stücks in den Holzbläsern und den mitteltiefen Streichern erinnert im Zusammenwirken mit den anschließenden Akkord-Synkopen-Brütungen von Blech und Geigen an Strawinsky. Dramatisch, gleißend, stampfend. Kein Vorspiel, kein Hinein-Gleiten-Lassen, nein: Ausdruck pur, von Anfang an. Sogleich folgt ein Motto, das man so von Aram Chatschaturjan hätte erwarten können. Auch Schostakowitsch lugt fies um die Ecke. Sehr lustig klöppelt ein Xylophon mit hinein – und ein Drumset-Joke (fast schon im Sinne des »Ba-Dum-Tss!«-Witzes unserer Tage) beendet den ersten Block. Sehr lustig. Aber kein harmloser Humor!

Sehr lustig, aber kein harmloser Humor: die Komponistin Julia Perry in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Ein Horn bewegt sich bald auf klagenden Pfaden. Nach der ersten Heiterkeit ist hier scheinbar so etwas wie schnelle Verkaterung eingetreten. Eine Solo-Geige erzählt verunsichert von ihren Innerlichkeiten. Die Joke-Erzähler der anderen Instrumentenfraktionen knallen allerdings erneut zur Tür herein. Was für ein aufregendes Stück Musik! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.