Alicia Urreta wurde am 12. Oktober 1930 in Veracruz, der wichtigsten Atlantik-Hafenstadt Mexikos, geboren. Nach einer offenbar musikalischen Kindheit und Jugend studierte sie ab 1952 am Conservatorio Nacional de Música in Mexiko-Stadt bei Rodolfo Halffter (1900–1987) – Teil der bekannten Musikerfamilie Halffter – Harmonielehre sowie weitere musikalische Fächer bei Hernández Moncada, León Mariscal und Sandor Roth. Einige Jahre später, 1969, schrieb sie sich mit 39 Jahren noch einmal für ein Studium ein, und zwar an der Schola Cantorum in Paris. Als Pianistin muss Urreta zu diesem Zeitpunkt beträchtliche Fähigkeiten an den Tag gelegt haben, schließlich akzeptierten sowohl Alicia de Larrocha als auch Alfred Brendel Urreta als (wohl private) Klavierstudentin. (Wo dieser Unterricht stattgefunden hat, ist nicht klar ersichtlich, Brendel lebt bekanntlich seit vielen Jahren in London.)

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Als Konzertpianistin war Urreta wohl recht gefragt, wie man aus einer Reihe von einzelnen Internetquellen erfährt. Ein rundes Bild geben diese Informationen allerdings keineswegs ab. Urreta habe an der Universität von Mexiko-City unterrichtet und sei außerdem Akustik-Dozentin an einer dortigen polytechnischen Hochschule gewesen. Hinzu kamen außerdem angeblich Lehrtätigkeiten in den Fächern Klavier und Kammermusik in Mexiko-City. Urreta werden alle möglichen Tätigkeiten zugeschrieben, deren Wahrheitsgehalt nur schwer zu verifizieren ist. Sie habe Musikfestivals, Ensembles und Orchester gegründet und geleitet, sich für die mexikanische und spanische Avantgardemusik engagiert und sei außerdem immer wieder prominent als Komponistin in Erscheinung getreten. Sicher ist: Die Musikwissenschaft müsste sich endlich einmal ernsthaft mit Leben und Werk Urretas beschäftigen.

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Nur sehr vereinzelt treffen wir auf Erwähnungen Urretas in der Literatur, so beispielsweise in einer Arbeit über mexikanische Essayistik im 20. Jahrhundert. Dort schreibt Autor Friedhelm Schmidt: »In der musikalischen Landschaft der achtziger Jahre fanden auch Werke von Komponisten früherer Generationen Beachtung, insbesondere die Sinfonía Antares (1983) von Leonardo Velázquez (1935), De profundis (1980) für Chor und Orchester von Joaquín Gutiérrez Heras (geb. 1926) sowie Arcana für Klavier und Orchester von der Komponistin Alicia Urreta (1931–1987). Was die jüngsten musikalischen Entwicklungen betrifft, so müssen in erster Linie diejenigen Werke und Künstler hervorgehoben werden, die eine postmoderne Haltung vertreten, sich also von Techniken und Ansätzen der vorangegangenen Avantgarde, d. h. der stochastischen Technik, dem Indeterminismus, den aleatorischen Verfahren und dem Serialismus lösen. Diese Ablehnung hat in bestimmten Fällen zu einer Rückwendung zur tonalen Sprache und zu den aus der klassischen Tonalität hervorgegangenen Stilrichtungen und Formen geführt. Aus diesem Grunde haben einige Komponisten Konzepte aus früheren Jahrhunderten wiederaufgegriffen und vertreten so die Anliegen der postmodernen Ästhetik.«

Alicia Urreta starb am 20. Dezember 1986 mit nur 56 Jahren in Mexiko-Stadt.


Alicia Urreta (1930–1986)
Dameros I für Klavier (ca. 1980)

Auch die Informationen über die Art und Zahl der musikalischen Werke erweisen sich im Netz als ziemlich widersprüchlich beziehungsweise komplett bruchstückhaft. Angeblich habe Urreta mindestens eine Kammeroper sowie fünf Ballette, Solo-Werke, eine Kantate, eine weitere Bühnenmusik und sogar ein Nō-Theater-Stück komponiert. Urretas Klavier-Solo-Piece Dameros I (Dame) entstand – vermutlich – 1980. Mit sehr leisen Tönen, die von Fingern im Inneren des Klaviers abgedämpft werden, eröffnet das Stück. Kurze Groll-Situationen auf den »normalen« Tasten stehen zwischen diesem Beginn und dem nun kurzzeitig einsetzenden Finger-Glissando-Streichen im Flügel-Inneren. Die Rückkehr auf die ordinäre Klaviatur bringt nun nicht gleich aktionistisches Wüten, sondern weiteres Abwarten. Nach knapp zwei Minuten erfolgt ein Ausbruch, mit dem man so nicht gerechnet hätte. Ein rhythmisiertes, gezacktes – vielleicht an die Klavierwerke Alberto Ginasteras (1916–1983) erinnerndes – Motto verdreht sich chaotisch, verknotet sich, lässt aber nicht nach. Da steckt noch Leben drin! Das Motto zuckt weiter und birgt Potential für kommende Variationen … ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.