Sie war wohl die erste (bekannte) Komponistin »auf der Insel«, die eine Symphonie schrieb: Alice Mary Smith, geboren am 19. Mai 1839 in London. Ihr Vater arbeitete als Spitzenhändler und verfügte so offensichtlich über ausreichende Mittel, um der Tochter kompetenten Musikunterricht zu finanzieren. Einer ihrer Lehrer war der englische Komponist, Dirigent und Pianist William Sterndale Bennett (1816–1875), der – ganz in der »Nachfolge« Beethovens sich wähnend – sehr ernste, frühromantische und doch traditionell sich gebärdende Musik komponierte, die schon Robert Schumann zu Schwärmereien hinriss. Auch der ebenfalls englische Komponist und Musiktheoretiker George Alexander Macfarren (1813–1887), dessen Werke wie freundliche Erzeugnisse Schumanns selbst klingen, erteilte Alice Mary Smith Kompositionsstunden. 1857 veröffentlichte sie ihr erstes Lied.

ANZEIGE

Im Alter von 28 Jahren heiratete Smith 1867 den Juristen Frederick Meadows White. Im selben Jahr berief man Smith als Mitglied in die Royal Philharmonic Society. 1883 erfolgte die Ernennung zum Ehrenmitglied der Royal Academy of Music. Alice Mary Smith wurde zu einer entscheidenden Figur in der Geschichte weiblichen Komponierens in Großbritannien. In einem Kurzporträt des WDR von 2022 wird sie gar als »britische Tabubrecherin« tituliert.

Smith wurde nur 45 Jahre alt. Sie starb am 4. Dezember 1884 in London an einer Typhus-Erkrankung.


Alice Mary Smith (1839–1884)
Symphonie c-Moll (1864)

Smith schrieb Kammermusikwerke, Orchesterstücke, Bühnenarbeiten und Vokalmusik. Ihre 1864 entstandene Symphonie c-Moll wird heute als erste bekannte Symphonie einer britischen Komponistin überhaupt gerühmt.

Die erste britische Symphonie-Komponistin und ein Werk, das fest ins Repertoire heutiger Orchester gehört: Alice Mary Smith und ihre Erste in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Eine legendenhafte Cello-Melodie steht ganz am Anfang dieser Symphonie. Die anderen Streicher knien sich komplementärrhythmisch zwischen die motivischen Gebilde. Jetzt verdichtet sich das Geflecht, eine Oboe lugt klagend hervor. Schnell erfolgt eine Eindunklung; tiefste Romantik. Eine Pauke gemahnt leise grollend an den Ernst des Lebens. Und nach einem Unisono-Oktav-Stemmen tritt ein bewegter Formteil ein, der von der Tiefe her an Robert Schumann und durch die intensiv sich forttragenden Bewegungen an Mendelssohn Bartholdy erinnert. Hörner dürfen später herrlich Feld-, Wald- und Wiesenromantik vermitteln. Ein Werk für das feste Repertoire unserer Orchester! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.