Wir treffen uns in der Weingalerie Nö! in Berlin-Mitte. Weithaas steht schon draußen und raucht noch eine Zigarette. Sie ist mit ihrer Geige geradewegs vom Unterricht an der Hochschule Hanns Eisler rübergekommen. Ein Termin zwei Wochen zuvor musste ausfallen, nachdem der Autor und sein Fahrrad eine frontale Bekanntschaft mit einem Straßenpfeiler gemacht hatten. Wir reden also erstmal über den alltäglichen Überlebenskampf im Berliner Straßenverkehr. Ich war mir nicht sicher, wie diese Antje Weithaas so tickt. Klar, eine absolut seriöse Musikerin, der viel Wertschätzung von Kollegen und Schülerinnen entgegengebracht wird, eine, von deren Konzerten etwas zurückbleibt. Aber es gibt kein Social Media, keine großen Porträts von ihr, wenige Interviews, die Vermutungen zulassen, wie der Abend so werden würde. Auf Youtube findet man ein Video des Henle Verlags, auf dem sie sich zu Fragen wie »Thema Bogensetzung bei Schubert: Sollen Phrasierungs- und Akzentbögen tatsächlich wie notiert ausgeführt werden?« merklich unwohl durch die Partitur von Schuberts C-Dur Fantasie windet. Die Erleichterung ist also groß, als man feststellt, dass es sein Gutes hat, wenn man sich nicht erst durch Rollen durchkämpfen muss, ein Image bedient oder widerlegt werden muss, um beim Kontakt anzukommen. Man merkt, dass sie jetzt auch einfach Lust hat, Wein zu trinken und zu ratschen. Das wird ein guter Abend.


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... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com