In meiner Lieblingsbuchhandlung war gerade das neue Werk des Soziologen Andreas Reckwitz: ausverkauft! Der Mann hat die Gabe, der Gesellschaft den Puls zu nehmen und begrifflich auf den Punkt zu bringen, was gerade der Fall ist. Das war vor ein paar Jahren so, als er den Strukturwandel der (westlichen) Moderne im Hang zu Singularitäten (jeder ein authentisches Original) erfasste, und das ist jetzt wieder so. Verlust, das beschreibt eben nicht nur ein Grundproblem der Moderne, namentlich in ihrer Spätphase, das Wort trifft wie ein Pfeil eine Grundbefindlichkeit dieser Herbsttage des Missvergnügens. Und ein soziologisches Sachbuch wird zum Bestseller. Auf den Nachttischen wie vieler Intendantinnen und Intendanten wird – oder sollte – es gerade liegen, die schlaflos sind und sich an Reckwitz’ Diagnosen zumindest müde lesen können. Denn die Lage ist nicht nur allgemein schwierig, jetzt kommen zu den sowieso schlechten Nachrichten noch die spezifisch katastrophalen für »die Kultur« obendrauf.

Berlin, wo kurzerhand 130 Millionen wegfallen sollen, und Köln im Westen (VAN berichtete) sind nur die Avantgarde von massiven Sparauflagen allüberall. Schnell flogen die bekannten und in den Spardebatten der vergangenen Jahrzehnte immer wieder ausgetauschten Argumente hin und her: Kultur ist Lebensmittel, oder Standortvorteil, umwegrentabel. Ein Theater kann kurzfristig nur am künstlerischen Etat sparen, und der macht den kleinsten Teil des Haushalts aus. Was weg ist, ist weg. Nie war Kunst wichtiger. Man hat ja schon. Und von der anderen Seite: Dass öffentliche Budgets gebunden sind und Sparpotenziale am ehesten da gehoben werden können, wo Leistungen »freiwillig« sind. Und dass die Kultur sich bitte beteiligen solle, weil ja alle gefordert sind. Soweit die Lage im Diskurs.

Der Blick auf die Details der Praxis macht die Sache wie immer komplizierter. Dass das bankrotte Berlin sein kulturelles Tafelsilber (stadtmarketingmäßig gesehen) einem von den Betroffenen teils gar nicht umsetzbaren Sparzwang aussetzt, Anwohnerparken in der Hauptstadt aber weiterhin fast nichts kostet, dass es die großen Tanker weniger trifft als die freien Kleinen, dass jetzt gestoppte Investitionen am Ende viel teuer werden usw.  – für alles gibt es Gründe, die man, mit an Reckwitz geschulter Nüchternheit, würdigen kann. Und doch ist der Gerechtigkeitssinn schwer gefordert. Am doing loss, dem Umgang mit Verlusterfahrungen als soziale Praxis, führt so oder so kein Weg vorbei.

Eine Erinnerung aus grauer Vorzeit: Demo vor dem Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen (dem schönsten Nachkriegs-Theaterbau von allen), Bürger und Beteiligte protestieren laut, Jürgen Flimm spricht, weil dem MiR in der damals schon prekären Kommune eine (gemessen an heute) lächerliche Zuschuss-Summe gestrichen werden sollte, sagen wir eine Million. Das war die Soziale Praxis: Auflage, Protest, dann kommt es nur halb so schlimm, und irgendwie geht’s dann weiter.

Neu finde ich heute: die Umstandslosigkeit, ja den Furor, mit dem die Politik den Kulturbetrieb inzwischen vor vollendete Tatsachen stellt, vermutlich im Glauben, damit einer öffentlichen Meinung zu entsprechen. Dass der offensichtlich unglücklich, jedenfalls schwach agierende Berliner Kultursenator Chialo schon als neuer Kulturstaatsminister einer Regierung Merz gehandelt wird, hat womöglich die Pointe, dass ihn eben seine Schwäche dafür qualifiziert. Aus dem Betrieb ist andererseits zu hören, dass die Einsicht, dass die fetten Jahre vorbei sind, schon verbreitet sei und man die Notwendigkeiten des Strukturwandels begriffen habe. Das wäre, neben den berechtigten Protesten, gut. Ein Rest Skepsis bleibt, denn der Mensch hat nun mal seinen starken Drang zum Weiterwurschteln als Überlebensstrategie. Machen wir halt eine Premiere weniger.

Das kann es aber doch nicht sein. Es wäre Zeit, die Diskussion, warum sich auch ein nicht mehr so reiches Deutschland sein dichtes Angebot an »Kultur« im Sinne von Räumen für Kunst nicht sparen sollte, endlich weniger rhetorisch zu führen, auch weniger interessenvertretungshalber. Warum es da nicht um Luxus, Glamour, schöne Töne für die happy few geht, sondern ums große Ganze – und zwar gerade jetzt: den Umgang mit Verlust. Eben dafür brauchen wir Bilder, Töne, Texte.

Vielleicht nicht schlecht, sich gerade den neuen Reckwitz unters Kopfkissen zu legen. Am Ende wagt er für unsere schwer angeschlagene (westliche) Spätmoderne drei Prognosen. Erstens: Weitermachen mit einem allerdings nicht mehr überzeugenden Fortschritts-Narrativ. Zweitens: Weltuntergang. Drittens: Reparatur der Moderne. Sich um das Brauchbare und Notwendige und Wünschenswerte kümmern.

Nicht durchdrehen, dazu bietet die Reckwitzsche Nüchternheit übrigens kein schlechtes Resilienztraining. Aber ganz am Ende wagt der Autor dann doch eine Metapher, sogar gleich zwei: »Anstatt leichtsinnig auf einen unterstellten, aber niemals vorhandenen Automatismus des Fortschritts zu vertrauen, muss man lernen, auf dem Seil zu tanzen, nachdem man einen Blick in den Abgrund getan hat.« – Da geht’s, wacklig, lang: tanzend. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹