Als Chorleiter geht Mathieu Romano mit großer Neugier und Vielseitigkeit über alle Genre-, Stil- und Epochengrenzen hinweg seiner Leidenschaft für Stimmen und den menschlichen Klang nach. Das von ihm gegründete Ensemble Aedes ist nicht auf ein bestimmtes Repertoire spezialisiert, sondern auf einen besonderen Klang, die Werkzeuge und Reflexe eines A Cappella-Ensembles.

Als Sängerin im norwegischen Det Norske Solistkor konnte ich Mathieu Romano und seine unkonventionelle Art zu unterrichten während einer Meisterklasse für Chordigieren in Oslo beobachten. Zugewandt, konzentriert und gallisch-temperamentvoll forderte er die teilnehmenden Chorleiterinnen und Chorleiter heraus, Expressivität zu wagen und jenseits vom »richtigen« Schlag ihr Ausdrucksspektrum zu erweitern. Ein paar Wochen später erreicht ihn mein Video Call.

VAN: ›Ich mag Stimmen sehr und ich möchte, dass die Sänger wirklich singen‹, hast du mal in einem Interview gesagt. Was meinst du damit?

Mathieu Romano: Manchmal höre ich Vokalensembles, in denen die Sopranistinnen einen sehr guten Klang haben, aber gezwungen sind, mit halber Stimme zu singen, ohne Vibrato, ohne Stütze, ohne Körperklang. Das interessiert mich nicht. Ich möchte Körperlichkeit und stimmliche Entfaltung hören. Das stellt sich im Brahms-Requiem natürlich anders dar als zum Beispiel im Stabat Mater von Poulenc. Es geht immer darum, eine Balance zu finden, die dem Stil angepasst ist, also auch mal non-vibrato oder gedeckt oder ohne Timbre singen zu können, als Farbe. Grundsätzlich bevorzuge ich es, dass alle wirklich singen und dass man sich nach und nach durch Zuhören in einem Klang zusammenfindet, anstatt von Anfang an zu sagen: ›Singt nicht, nur halb oder singt so.‹ Das braucht Zeit und ein stabiles Ensemble, den Willen, sich wirklich zuzuhören. Mit Geduld und Hingabe, das Gleichgewicht zwischen Klang geben und sich gemeinsam im Klang finden immer wieder auszutarieren. Expressivität ist mir sehr wichtig. Ich möchte, dass Sänger wie Chorleiter etwas riskieren.


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… (*1972) ist eine in Deutschland geborene Sängerin und Autorin. In ihren Texten verwebt sie die verschiedenen Stränge ihrer Liebe zu Klang, Musik, Poesie und Philosophie. Seit 2021 schreibt sie für VAN. Auf Substack (https://substack.com/@dominikahirschler) veröffentlicht sie vor allem Lyrik und Essays, immer mit ihren eigenen Fotos.