Im April veröffentlichte Ian Bostridge sein neuestes Buch über Feinheiten in der Interpretation in der Musik von Monteverdi, Ravel und Britten: Song and Self. A Singer’s Reflections on Music and Performance. Im Mai gab er zusammen mit dem Pianisten Julius Drake im Boulez-Saal in Berlin ein Recital mit Werken von Robert und Clara Schumann, Schubert, Mahler und Hans Werner Henze. Bostridge, der in Geschichte über Hexerei promoviert hat, bevor er seine Gesangskarriere startete, verschränkt seine wissenschaftlich fundierten Erkundungen des Repertoires mit einer unmittelbaren, spontanen Herangehensweise beim Singen selbst – eine Kombination, die oft zu verblüffenden Ergebnissen führt. Ich traf ihn am Nachmittag vor seinem Berliner Auftritt in der Lobby seines Hotels. Wir sprachen über den Sinn von Trigger-Warnungen vor Konzerten, über Programmvielfalt, die schwer zu fassende Definition von Qualität und darüber, was er vom Sänger Tony Bennett gelernt hat.
VAN: Chanda VanderHart schrieb kürzlich auf Bachtrack über Ihre Zusammenarbeit mit dem Pianisten und Komponisten Brad Mehldau, The Folly of Desire, dass ein Stück, das auf einem Gedicht von e.e. cummings basiert, eigentlich eine Trigger-Warnung bräuchte. Wie sehen Sie das?
Ian Bostridge: Wir haben den Liederzyklus schon oft aufgeführt, und ich hatte das Gefühl, dass die Kritik sich mehr mit dem hätte auseinandersetzen können, worum es in dem Zyklus geht. Ich glaube, dass sich niemand viel mit dem beschäftigt hat, was Brad geschrieben hat. Und ich finde, dass die Bachtrack-Besprechung einen grundsätzlichen Fehler macht, was die Herangehensweise an Kunst betrifft. Außerdem wurden aus dem Zusammenhang gerissene kleine Ausschnitte aus Brads Programmhefttext zitiert, der eigentlich sehr gut durchdacht und interessant war.

