Nicht lange nachdem die Spanische Grippe, die rund 50 Millionen Menschen das Leben kostete, ihren Griff gelockert hatte, machte sich ein tiefgreifender sozialer Wandel in den heimischen Wohnzimmern breit. Das Radio und später der Fernseher lösten das Klavier als familiären Treffpunkt ab. Jetzt, ein Jahrhundert später und angesichts einer neuen globalen Pandemie, fühlt sich die Welt der klassischen Musik stärker bedroht denn je. »Es ist für unsere Industrie wie ein Erdbeben«, sagt Andrew Ousley, ein Agent und Konzertveranstalter mit Sitz in New York. Wenn sich nach den Aufführungsverboten der Vorhang wieder hebt, werden wir eine neue Welt vorfinden. Wie diese aussehen wird, ist unmöglich vorherzusagen. Wir versuchen es trotzdem, mit der Hilfe von mehr als einem Dutzend Menschen, die weltweit in der Klassikindustrie beschäftigt sind. Herausgekommen sind diese 19 Thesen.

Hausmusik

1. Die Amateur:innen kommen zurück.

Viele sehen die Zeit der Isolation als Gelegenheit, Leidenschaften wiederzuentdecken, für die sonst keine Zeit bleibt. Musik-Lern-Apps und Webseiten wie nKoda, auf denen man Noten herunterladen kann, erleben aktuell einen Boom. Entgegen dem Trend im übrigen Einzelhandel haben auch die Verkäufe von Instrumenten zugenommen. Sam Rusling, General Manager von Coach House Pianos in Swansea, Wales, einem der führenden Klavierhändler Großbritanniens, berichtet, dass kurz vor der Kontaktsperre die Nachfrage deutlich gestiegen sei, weil Klavier-Neu- oder Wiedereinsteiger:innen noch schnell ein Instrument bestellt hätten. Claire Dash, Inhaberin von The Piano Gallery in Oxfordshire, England, verzeichnet ebenfalls Rekordverkäufe: »Das hat mich überrascht. Tatsächlich beobachten wir sowas wie spontane Klavier-Hamsterkäufe.« Laut dem deutschen Dirigenten André de Ridder macht dies durchaus Sinn. »Musik scheint wirklich wichtig zu sein. Die Menschen wollen um jeden Preis spielen und ihre Musik über soziale Netzwerke verbreiten. Das wirkt sich sehr positiv auf die Kreativität aus.« Wenn die derzeitigen Bewegungseinschränkungen aufgehoben werden, könnten Instrumente auf den Dachboden verbannt, Apps gelöscht und Notenblätter zu Einkaufszetteln umfunktioniert werden. Aber wenn mehr Menschen sich auch nach Corona entscheiden, von zu Hause aus zu arbeiten und so die früher durch das Pendeln in Anspruch genommene Zeit zurückgewinnen, kann es eben auch sein, dass das massenhafte Amateur:innen-Musizieren in der Zukunft lebendig bleibt. (Timmy Fisher)


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