Titelbild Troy Boucher (CC BY-NC-ND 2.0)

Der italienische Pianist Marco Sanna und sein Duo-Partner entdecken Anfang 2015 online die Anzeige einer Münchener Künstleragentur, Xenia Evangelista Communications. Darin heißt es, dass die Agentur ab sofort neue Künstler aufnehme und dafür eingereichte Bewerbungen sichte. Die beiden schicken ein Anschreiben und eine CD-Aufnahme per Post. Kurz darauf signalisiert Evangelista in einer Mail ihr Interesse, die beiden unter Vertrag zu nehmen. Zwar ist sich das Duo nicht sicher, ob Evangelista sie jemals hat live spielen hören, dennoch fühlen sich Sanna und sein Partner vom Interesse geschmeichelt. Sie stehen, Sanna Mitte 20, sein Partner Mitte 30, am Anfang ihrer Karriere. Die Aussicht, in eine Agentur aufgenommen zu werden, die renommierte Künstler wie den Soloklarinettisten der Berliner Philharmoniker, Wenzel Fuchs, und den italienischen Pianisten Giuseppe Albanese vertritt, euphorisiert sie. Am späten Abend des 21. Mai 2015 schreibt Evangelista, dass ihre Recherche mittlerweile abgeschlossen sei und sie sich ein umfassendes Bild von dem Duo gemacht habe. An ihre E-Mail hängt sie einen Vertragsentwurf an, den das Duo Anfang Juli unterschreibt, »unter viel Druck« von Evangelista, wie Sanna es später beschreibt.

Sanna und sein Partner, der nicht namentlich genannt werden möchte, vereinbaren mit Evangelista eine monatliche Grundgebühr von 300 Euro und eine Provision von 10 Prozent auf die Honorare aller von Evangelista vermittelten Konzerte. Die Mindestlaufzeit der Vereinbarung beträgt ein Jahr. Im Gegenzug legt der Vertrag fest, dass vonseiten der Agentur »eine bestimmte Anzahl von Auftritten pro Jahr, ein bestimmtes Arbeitsvolumen oder ein bestimmter Umsatz nicht geschuldet wird«. Außerdem unterzeichnen Sanna und sein Partner eine Verschwiegenheitsvereinbarung, die nach Beendigung des Vertragsverhältnisses Gültigkeit behält.

Am 7. Juli 2015 lernen sich Evangelista und das Duo bei einem Mittagessen im Münchener Restaurant Amadeo kennen. Sanna empfindet Evangelista als elegant und freundlich, und ist beruhigt. Später erinnert er sich an ein etwas anderes Bauchgefühl, er habe bei ihr »eine gewisse Härte« verspürt.

Monate vergehen mit wenig Kontakt zwischen Evangelista und Sanna. Im Mai 2016 bittet er sie darum, das Video eines Auftritts des Duos auf den Social Media-Seiten der Agentur zu veröffentlichen. (Xenia Evangelista Communications hat fast 10.000 Likes auf Facebook.) Es störe ihn, dass dort die Aktivitäten anderer Musiker präsentiert würden, aber nicht sein Duo. In derselben Mail schreibt er Evangelista: »Wir betrachten Sie als unsere Managerin, worauf wir immer noch stolz sind, und vertrauen Ihnen.« Am Ende des Monats stimmt Evangelista zu, das Video auf Facebook zu teilen. Gleichzeitig teilt sie mit, dass sie monatlich 30 Veranstalter kontaktiere, um Konzerte für Sanna und seinen Partner zu sichern. »Bis dato gibt es rund 330 aktive Kontakte, die wir für Sie weiterverfolgen.«

Am 28. Juni 2016 hat Sanna genug. Zu diesem Zeitpunkt ist das Duo bereits ein Jahr lang bei Xenia Evangelista Communications unter Vertrag, ohne dass über sie ein einziges Konzert vermittelt worden wäre. Er schickt Evangelista eine E-Mail und erklärt darin, den Vertrag mit ihr kündigen zu wollen. Ab diesem Zeitpunkt ändert sich der Ton ihrer Korrespondenz.

Mit Davide Bravo, dem 32-jährigen italienischen Bratschisten des Trio Hegel, kommt Evangelista im Frühjahr 2018 in Kontakt, »entweder auf Facebook oder LinkedIn«, erinnert sich Bravo. Evangelista hat das Trio seines Wissens nach nie zuvor im Konzert gehört. Trotzdem bietet sie ihm in einer E-Mail, im Wortlaut identisch mit der an Marco Sanna, die Aufnahme in ihre Agentur und die Wahl zwischen zwei verschiedenen Vertragsformen an: ein »aktives Management«, das die Vermarktung an Konzertveranstalter umfasst, für monatlich 350 Euro netto plus eine 10-prozentige Provision auf vermittelte Konzerte, oder ein »passives Management«, bei dem nur eine Provision erhoben werde, das aber lediglich die Abwicklung von Anfragen und keine aktive Vermarktung beinhalte. »Dies ist die übliche Arbeits-/Vorgehensweise der Agenturen«, fügt sie hinzu. (Tatsächlich vermarkten die meisten Agenturen ihre Künstler aktiv, obwohl sie ausschließlich auf Provisionsbasis arbeiten.) »Um Ihre Karriere Ihren Wünschen entsprechend zielorientiert weiter voranzubringen«, empfiehlt Evangelista in ihrer Mail, »sehe ich auf der Grundlage eines ›Aktiven Künstlermanagements‹ die beste Garantie für einen größtmöglichen Erfolg und die Voraussetzung für unsere Zusammenarbeit.« Als Bravo antwortet, dass er es vorziehe, Evangelista eine 20-prozentige Provision zu zahlen, statt einer monatlichen Gebühr ohne Garantie, lehnt sie ab und scheint von einem Deal mit dem Trio Abstand zu nehmen.

Am 16. April unterbreitet Bravo Evangelista ein neues Angebot: Sein Trio wäre bereit, eine monatliche Gebühr zahlen, wenn eine Mindestanzahl vermittelter Konzerte festgelegt würde. Gleichzeitig fordert er Garantien für den Fall, dass Evangelista keine Konzerte akquiriere. Innerhalb weniger Stunden folgt Evangelistas Gegenvorschlag: eine einmalige »Aufnahmegebühr« von 4.500 Euro, keine Garantien, aber sie visiere für das Trio ein Mindesthonorar zwischen 4.000 und 5.000 Euro pro Konzert an. Bravo muss das wie ein vertretbares Risiko vorgekommen sein: Bereits bei einer Vermittlung von zwei Konzerten zu dem angekündigten Mindesthonorar hätte sich die Investition für die drei gelohnt. (Der Vergleich mit Honoraren weitaus etablierterer Künstler zeigt, dass ein Mindesthonorar von 4.000 bis 5.000 Euro für ein unbekanntes Ensemble von Beginn an ein kaum realistisches Versprechen war.) Das Trio Hegel unterzeichnet mit Xenia Evangelista Communications am 21. Mai 2018. Eine Woche später überweisen sie die komplette Aufnahmegebühr.

Anfang Juli schickt Evangelista dem Trio einen Link zu einem Online-Dossier auf ihrer Website. In diesem hat sie Fotos, Biografien und Youtube-Links zusammengefügt, die die Gruppe ihr geschickt hat. Ein paar Wochen später haken die drei nach und bitten um einen Zwischenbericht über die Akquisetätigkeiten. Evangelista antwortet, dass die meisten Veranstalter im Sommerurlaub seien (tatsächlich sind Juli und August in der Klassikbranche, abgesehen von den Festivals, »tote« Monate). Dann, im August, teilt sie mit, sie »wisse«, dass die Gruppe »im Rahmen einer Verleumdungs- und Hass-Kampagne« gegen die Agentur kontaktiert worden sei, und bittet um eine Weiterleitung empfangener Social-Media-Nachrichten, um Beweise für diese angebliche Kampagne zu sammeln. Davide Bravo antwortet: »Wir kümmern uns nicht um Tratsch.« Es folgen Monate des Schweigens.

Selbst renommierte Management-Agenturen stehen oft im Konflikt mit ihren Künstlern. In einem VAN-Beitrag von Olivia Giovetti vom März 2018 geben einige Künstlermanager Auskunft über die schwierigen Balanceakte ihres Arbeitsalltags: Auf der einen Seite gilt es, seltsame Wünsche von Künstlern, in einigen Fällen bis hin zu sexuellen Annäherungsversuchen, abzulehnen. Gleichzeitig muss der gute Draht aufrechterhalten werden, um einen Künstler nicht an andere Agenturen zu verlieren.

Die Interessen von Managern und Künstler kollidieren bisweilen auch auf rein organisatorischer Ebene. Da ihr Geschäftsmodell üblicherweise auf Provisionen basiert, haben Agenturen ein Interesse daran, so viele Konzerte ihrer Künstler wie möglich zu verkaufen. Musikern wiederum fehlt bei zu eng getakteten Tourplänen Zeit und Raum zum Üben, Partiturstudium, Auftanken. Das Gleiche gilt für die Programmierung: Manager brauchen weit im Voraus feste Repertoirelisten, um Konzerte zu verkaufen; Musiker hingegen wollen sich die Flexibilität und Spontaneität bei ihren musikalischen Entscheidungen bewahren. Wenn sich die Karriere eines Künstlers nicht wie geplant entwickelt, wer ist dann schuld?

Gleichzeitig ist das Künstlermanagement im Bereich der klassischen Musik selten ein lukratives Geschäft. Beyoncé würde bei den Gagen selbst der bestbezahlten klassischen Musiker nicht mit der Wimper zucken. »Die Honorare bleiben heute über einen langen Zeitraum sehr niedrig«, sagt der Berliner Künstlermanager Karsten Witt, Gründer der international tätigen Agentur karsten witt musik management gmbh, die unter anderem Künstler wie Tabea Zimmermann, das Arditti Quartett oder den Komponisten Toshio Hosokawa vertritt. »Früher wäre es normal gewesen, dass jemand am Anfang für sagen wir 2.500 Mark am Abend auftritt, vielleicht noch weniger, und dann allmählich aufsteigt und bei 6.000 bis 8.000 Mark landet. Heute bleibt man teilweise ewig hängen im Einstiegsbereich. Wir haben die Provision erhöht, aber es gibt natürlich Limits, man sieht sich schon immer in der Situation, es zu rechtfertigen, wenn man 20 Prozent der Honorare nimmt.«

Agenturen werden pro Konzert bezahlt, aber der Hauptteil ihrer Arbeit vollzieht sich in der Zeit vor und nach einer Veranstaltung. Wenn es um den Umgang mit organisatorischen Details geht, haben Künstlermanager oft das Gefühl, zu viel »babysitten« zu müssen – während Musiker frustriert sind, wenn ihre Agentur ihnen während der Tourneen nicht permanent den Rücken freihält. Gleichzeitig wird immer knapper kalkuliert, je kleiner die Agentur ist. Eine freiberufliche Künstlermanagerin, mit der wir sprachen, verdient ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch Instrumentalunterricht. Einige Agenturen sind zudem abhängig von ihren Star-Künstlern – ein hohes unternehmerisches Risiko. Es braucht zum Teil Jahre, um sich wirtschaftlich von einem hochkarätigen Überläufer zur Konkurrenz zu erholen.

Für Musiker hingegen kann die Welt des Künstlermanagements verwirrend sein. Im Mittelpunkt steht das Henne-Ei-Problem: Veranstalter nehmen Musiker mit Agentur ernster, aber Agenturen nehmen oft überhaupt nur Musiker auf, die bereits über gute Beziehungen zu Veranstaltern verfügen – deren Konzerte sie kennen und verkaufen können. »Jemand kann als Künstler noch so toll sein, wenn er kein Netzwerk hat, ist es auch für uns sehr schwierig«, sagt Witt. »Umgekehrt gibt es jene, die nicht die Größten ihres Fachs sind, aber hervorragende Netzwerker.« Für junge Künstler sind große Wettbewerbe einer der wenigen Wege, um auf den Radar renommierter Agenturen zu geraten. Gleichzeitig sind Wettbewerbe häufig ungerecht, weil Jurymitglieder ihre eigenen Schüler bevorzugen, Entscheidungen intransparent sind, und eigenständige künstlerische Visionen zugunsten farbloser Virtuosität abgelehnt werden.

Laut einer in der Zeitschrift Music and Practice veröffentlichten Studie von Esther Bishop und Martin Tröndle, die zwischen 2004 und 2014 Absolventen der künstlerischen Ausbildung mit Orchester-Schwerpunkt an deutschen Musikhochschulen befragten, bewerteten fast 70 Prozent der Befragten die Auseinandersetzung mit »zukünftigen Arbeitsperspektiven« während ihres Studiums als »unzureichend oder schlecht«. Die Studie stellt zudem fest, dass 77 Prozent der Musiker hofften, nach dem Abschluss eine Anstellung in einem Orchester zu finden, aber nur 23 Prozent diese auch wirklich bekamen. Diese Zahlen erklären das Überhandnehmen zweifelhafter Karriereförderungsangebote für junge Musiker: Kompositions-Meisterkurse, die so viel kosten wie ein Gebrauchtwagen; Orchestermusiker, die jahrelang in einem Orchester aushelfen, ohne jemals fest eingestellt zu werden; Opernhäuser, die sich darauf verlassen, dass Praktikanten und Assistenten bei einer 60-Stunden-Woche für den Mindestlohn oder weniger arbeiten. Klassische Musiker investieren so viel Zeit und Geld in die Ausbildung, dass bei vielen irgendwann das Gefühl eintritt, dass es sich endlich auszahlen müsse, koste es was es wolle. »Es gibt viele Dinge, die ich neben dem Geigenspiel gerne gemacht hätte«, erzählt die Geigerin Vilde Frang. »Aber ich habe alles, was ich habe, in die Musik gelegt, quasi auf Leben und Tod. Es würde sich fast wie eine Niederlage anfühlen, wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin. Warum hätte ich sonst auf all das andere verzichten sollen?« Wenn es um eine Karriere in der hart umkämpften klassischen Musikwelt geht, kann die Grenze zwischen Hoffnung und Verzweiflung dünn und porös erscheinen.

Am 3. Mai 2016 wird auf Facebook eine Seite mit dem Titel »Xenia Evangelista Communications Opinion« erstellt. Das Profilbild zeigt das Wort »Truth« in großen weißen Buchstaben vor schwarzem Hintergrund. Die Beiträge der Seite raten dazu, »bei der Unterzeichnung eines Vertrages mit XENIA EVANGELISTA vorsichtig zu sein«: »Du bezahlst für etwas, von dem du nicht überprüfen kannst, ob es wirklich passiert«, schreibt der Verwalter der Seite.

Auf Marco Sannas Ankündigung, den Vertrag mit ihr zu kündigen, antwortet Evangelista am 28. Juni binnen weniger Stunden. Obwohl sie bisher ausschließlich auf Englisch kommuniziert haben – Sanna, der in Köln studiert hat, spricht Deutsch, aber sein Partner nicht – wechselt Evangelista in ihrer Mail plötzlich in ein bürokratisches, juristisches Deutsch. Sie weist in ihrem Schreiben auf die einjährige Mindestlaufzeit und die dreimonatige Kündigungsfrist des Vertrags hin. Zwei Tage später, am 30. Juni, schreibt sie: »Sehr geehrte Herren, Sie werden sich an die Vereinbarungen im Vertrag halten.« Falls das Duo sich tatsächlich weigere, die monatliche Gebühr bis zum Ende des Vertrages zu zahlen, werde sie die Vertragserfüllung über ihre »weltweit operierenden Anwälte« durchsetzen. Sanna antwortet, dass es immer schwieriger werde, die monatlichen Zahlungen an die Agentur zu leisten, und beschuldigt Evangelista des »reinsten Zynismus«, weil sie Künstler verpflichte, ohne Konzerte zu vermitteln. Er kündigt zudem an, anderen von seinen Erfahrungen mit der Agentur zu erzählen. Evangelista wirft dem Duo daraufhin die Ankündigung der Straftat Erpressung vor. »Wir werden den Fall nunmehr unverzüglich unseren Anwälten übergeben, um die rechtlichen Mittel gegen Sie vollumfänglich auszuschöpfen. Darüber hinaus lassen wir jedweden Vertragsbruch Ihrerseits durch unsere Anwälte mit Schadensersatzforderungen erwidern.« Sollten Sanna und sein Partner mit ihren Zahlungen in Verzug geraten, werde sie ein gerichtliches Zwangsvollstreckungsverfahren einleiten und »gegebenenfalls im Rahmen Ihrer Auftrittstermine vollstrecken lassen, sollten Sie sich entziehen.« »Vielleicht waren unsere Worte etwas zu leidenschaftlich gewählt, aber sie enthalten kein Verbrechen und keine Erpressung«, antwortet Sanna. »Wir entschuldigen uns, falls der Eindruck erweckt wurde, es war nicht unsere Absicht.« Kurz darauf folgt die nächste E-Mail Evangelistas. Ohne die Angabe von Beweisen beschuldigt sie das Duo, hinter der Facebook-Seite »Xenia Evangelista Communications Opinion« zu stehen. (Sanna leugnet dies und gibt an, erst durch die E-Mail Evangelistas auf die Seite aufmerksam geworden zu sein.) Sie kündigt an, Anzeige gegen das Duo zu erstatten und in 520 Fällen Schadenersatzforderungen geltend zu machen, eine Zahl, die sich anscheinend aus den Likes der Facebook-Seite ableitet. Sanna reagiert prompt und schreibt: »Wir haben diese Seite nie zuvor gesehen.« Eine Strafanzeige wird nie eingereicht, ebensowenig eine Schadenersatzklage. Sanna und sein Partner zahlen die monatliche Gebühr weiter, bis ihr Vertrag mit Xenia Evangelista Communications endet. »Sie hat uns Angst eingejagt«, sagt Sanna heute.

Am 31. Oktober 2016 schreibt er ein letztes Mal an Evangelista und bittet um einen Bericht über ihre Aktivitäten. Er erhält keine Antwort. Er habe es sich als junger Musiker zu Beginn seiner Karriere nicht leisten können, einen Anwalt zu engagieren, der sich gegen die Vorwürfe  Evangelistas wehrt, sagt Sanna heute. In fünfzehn Monaten zahlen er und sein Partner  Evangelista 4.500 Euro – ein Betrag, der die fragilen Finanzen zweier junger Musiker erheblich belastet, der es ihnen aber gleichzeitig nicht wert ist, die unkalkulierbaren Kosten eines Rechtsstreits einzugehen.

Im November 2018 bittet Davide Bravo vom Trio Hegel Evangelista erneut um einen Fortschrittsbericht. Innerhalb einer Stunde antwortet Evangelista und beschuldigt Bravo, »illegal mit einer Person zu kommunizieren«, die sie nur mit dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens nennt. Sie habe Bravo darum bereits auf ihren Social-Media-Kanälen blockiert und werfe ihm Vertragsbruch in mehreren Fällen vor, insbesondere gegen die vertraglich vereinbarte Verschwiegenheitserklärung. Es brauche Zeit, um junge Musiker am Markt zu etablieren, im Übrigen sei sie aufgrund der neuen europäischen Datenschutzverordnung weder befugt, noch vertraglich dazu verpflichtet, eine Liste der kontaktierten Veranstalter weiterzugeben. »Trotz Ihrer Vertragsverletzungen, die uns zur fristlosen Kündigung berechtigen würde, tun wir alles, um für Sie so schnell wie möglich Auftritte zu vermitteln«, schreibt sie am Ende. Bravo antwortet Evangelista, dass er keine Ahnung habe, von welcher Person sie spreche. Sie habe Beweise, antwortet Evangelista, ohne genauere Angaben. Noch im selben Monat versucht Davide Bravo, ein Treffen mit Evangelista in München zu organisieren. Aufgrund von Terminkollisionen findet das Treffen nie statt. Der Vertrag des Trio Hegel mit Xenia Evangelista Communications endet, ohne dass die Gruppe für ein einziges Konzert gebucht wurde. Insgesamt zahlen sie 4.500 Euro an die Agentur.

Die Agentur Xenia Evangelista Communications gibt es seit 2006. Laut Webseite vertritt sie derzeit 37 Künstler aus ganz Europa, darunter Dirigenten, Instrumentalisten, Kammermusikformationen und Sänger. Die tatsächliche Zahl derer, die mit der Agentur einen Vertrag geschlossen haben, ist vermutlich höher: Dem Pianisten Detlev Eisinger, der sich im Juni 2018 bei Evangelista erkundigt, warum er trotz laufenden Vertrags und Zahlung einer monatlichen Gebühr nicht in ihrer Künstlerliste erscheine, teilt sie mit, die Aufnahme erfolge erst bei erfolgreicher Vermittlung des ersten Konzerts. Dieses Vorgehen wird von anderen Quellen bestätigt.

Zudem zahlen nicht alle der Künstler, die auf der Website auftauchen, nach der gleichen Gebührenstruktur. Nach VAN-Informationen vertritt die Agentur insbesondere einige bekanntere Künstler ohne die Zahlung einer Grund- oder Aufnahmegebühr. »Ich war beeindruckt, als ich dort Namen las, die gut etabliert sind. Da hat man schon Vertrauen«, erzählt eine junge Geigerin , die anonym bleiben möchte. Sie zahlte bei Evangelista ein halbes Jahr lang monatlich 350 Euro. »Ich glaube, dass sie diese Namen braucht, um unbekanntere Künstler wie mich zu ködern.«

VAN hat mit 15 Musikern gesprochen, die bei Xenia Evangelista Communications unter Vertrag stehen oder standen. Von einigen liegen uns die vollständige Korrespondenz mit der Agentur sowie die Verträge vor. Die Kontaktanbahnung verläuft zumeist identisch: Die Agentur rekrutiert vor allem über Social-Media-Kanäle wie Instagram und Facebook, LinkedIn oder Xing. Dem Pianisten Eisinger schickte Evangelista eine Kontaktanfrage auf LinkedIn. »Da hätte ich mich vielleicht schon wundern sollen«, sagt er heute. »Meistens nehmen ja Musiker mit Agenturen Kontakt auf, nicht umgekehrt.« Der jungen Geigerin folgte Evangelista auf Instagram. »Ich fühlte mich geschmeichelt und dachte, wenn sie Interesse an mir hat, dann schreibe ich ihr mal.« Auf ihrer Webseite und auf Facebook bewirbt die Agentur zudem Auditions. Fraglich ist, ob diese tatsächlich stattfinden. Musiker wie der Klarinettist Nicolai Pfeffer und die Mezzosopranistin Martina Gmeinder, die sich dafür interessierten, bekamen eine im Wortlaut identische Antwort: Die Auditions seien leider schon komplett vergeben, schreibt Evangelista darin, »ich konnte dennoch einen umfassenden Überblick über Ihr Können erhalten. Meine Erkundigungen und Recherchen sind nunmehr abgeschlossen. Und ich freue mich darauf, Sie erfolgreich zu Ihren weiteren beruflichen Zielen zu führen und werde Sie gern in unsere Agentur aufnehmen. […]« Ihrer Mail an Gmeinder vom April 2018 hängte Evangelista einen Vertrag an, den sie selbst bereits unterschrieben hatte.

Gmeinder bestand jedoch vor der Unterzeichnung auf einem persönlichen Treffen. Wie im Falle Sannas und anderer Musiker fand es im Mai 2018 in einem italienischen Restaurant in München statt. »Wir saßen über fünf Stunden zusammen, ich konnte mich gar nicht losreißen. Sie schien eine toughe Frau, die genau wusste, wovon sie spricht. Ich war völlig überzeugt.« Gmeinder zahlte Evangelista insgesamt 2.800 Euro über einen Zeitraum von acht Monaten. Detlev Eisinger erinnert sich daran, dass ihm beim ersten Treffen Evangelistas fehlende Fachkenntnisse aufgefallen seien, er dies jedoch verdrängt habe. Er zahlte Evangelista von Januar 2018 bis einschließlich Januar 2019 insgesamt 4.550 Euro. Als Nicolai Pfeffer Evangelista am 28. Januar 2019 in den von ihr angemieteten Büroräumen im Palais an der Oper in der Münchener Maximilianstraße traf, hatten er und sein Duopartner bereits 4.500 Euro »Aufnahmegebühr« an die Agentur gezahlt. »Das Gespräch hat mich sehr ernüchtert«, erinnert er sich. »Sie kannte den Geiger Renaud Capuçon nicht, es gab im Raum keine Künstlerbilder oder CDs, wie man es eigentlich von einer Künstleragentur erwarten würde, sie sprach von ihren guten Beziehungen zu US-Orchestern, wobei ich mich fragte, wer dort Interesse an einem Kammer-Duo Klarinette und Klavier hätte. Als ich draußen war, habe ich als erstes meine Duopartner angerufen und ihm gesagt: ›Irgendwas stimmt da nicht.‹«

Viele betroffene Musiker gebrauchen im Zusammenhang mit Xenia Evangelista Communications den Begriff »Betrug«. Aber die rechtliche Lage ist komplizierter. VAN legte mehreren Anwälten die Verträge zwischen Agentur und Musikern vor. Die Vereinbarung erscheine zwar unfair, so die Einschätzung, aber nicht unbedingt illegal. Schließlich unterschrieben die Musiker aus freien Stücken. »Ich bin bewusst dieses Risiko eingegangen, teilweise, weil ich das Gefühl hatte, dass das ein bisschen ein ›Fake-Vertrag‹ ist«, erzählt eine Mezzosopranistin, die anonym bleiben möchte. »Wenn von der anderen Seite keine Gegenleistung kommt, ist das ja kein gültiger Deal.« »Ich kann es den Musikern nicht verübeln, dass sie in vollem Vertrauen Verträge unterschreiben«, sagt der Düsseldorfer Anwalt Jeremias Mameghani, der derzeit Aussagen von Musikern für eine mögliche Zivilklage gegen Xenia Evangelista Communications sammelt. (Evangelista hat auch ihm bereits gedroht, rechtliche Schritte einzuleiten.) »Es ist schwierig für einen Laien, die problematischen Implikationen solcher Vertragstexte zu erkennen.« Mameghani bestätigt, dass Evangelista seinen Mandanten mit Schadensersatz- und Zahlungsklagen drohe, sie hiervon aber bislang abgesehen habe, da sie »vermutlich eine juristische Auseinandersetzung scheut«.

Am 21. November 2018 stellt ein Anwalt im Namen eines italienischen Musikers bei der Staatsanwaltschaft München Strafanzeige gegen Evangelista wegen Eingehungsbetrug. Der Staatsanwalt lehnt es ab, zu ermitteln. In der Begründung, die VAN vorliegt, heißt es, »Voraussetzung für die Verwirklichung des Betrugstatbestands ist, dass über die Leistungsfähigkeit oder Leistungswilligkeit getäuscht wird.« Der Vertragsgegenstand umfasse aber explizit keine Leistungsverpflichtung von Seiten Evangelistas und weise zudem auf die Abhängigkeit von den »jeweiligen Marktbedingungen« hin. Zwar schickt Evangelista Künstlern einen »Leistungskatalog«, der unter »Aktivem Management« 15 Leistungen listet, von der Akquisition von Auftritten und Interviews, über die Beratung des öffentlichen Auftritts bis hin zu regelmäßigen Mailings und dem Erstellen einer Kommunikationsstrategie. Dieser ist jedoch nicht Bestandteil des Vertrags.

Der von vielen Musikern geäußerte Vorwurf, dass Xenia Evangelista Communications, »nichts tue«, lässt sich zudem nur schwer beweisen. Einige Veranstalter und Musiker teilen VAN mit, dass Evangelista Informationen wie Künstlerbiografien und Repertoirelisten an Verteiler verschickt habe. Sie stellt Künstler-Portfolios auf ihre Webseite und postet Aktivitäten von Künstlern auf ihren Social-Media-Seiten. Es soll Künstler geben, denen sie Konzerte vermittelt hat, auch wenn dies bei keiner der Quellen, mit denen VAN sprach, der Fall ist. Und es scheint unmöglich, dass eine Ein-Frau-Agentur wie Xenia Evangelista Communications Dutzenden jungen Künstlern aller Genres gleichzeitig die Art von intensiver Beratung bieten kann, die deren erfolgreiche Platzierung am Markt erfordern würde.

»Einige Künstler fragen mich, ›wieso habt ihr hier 20 Leute?‹«, erzählt der Künstlermanager Karsten Witt. »Ich hatte das nie vor. Aber man bewegt sich in vielen unterschiedlichen Netzwerken, Alte Musik, Neue Musik, Opernhäuser, Orchester, Kammermusik, diese Leute reden vor allem untereinander, das heißt man muss in diesen Netzwerken unterwegs sein, und auch kompetent sein. Wenn man General Management macht, braucht man zudem Leute mit unterschiedlichen Netzwerken in unterschiedlichen Ländern, deswegen kommt man irgendwann bei der Größe an. Diese Firmen, in denen das ein Mensch macht – wie man das überhaupt verantwortlich machen kann, ist mir nicht ganz klar.«

In ihrer Kommunikation nährt Xenia Evangelista Erwartungen, die sie kaum erfüllen kann. »Wir sind in ganz Europa und USA sehr gut vernetzt«, schrieb Evangelista der Mezzosopranistin Gmeinder. »Wir verfügen über einen Datenpool von über 12.000 Kontakten, den ich an dieser Stelle nicht aufschlüsseln kann. Es reicht in jedem Fall, um daraus ›Früchte‹ zu ernten.« »Speziell zu den wichtigen Konzerthäusern, Orchestern, Festivals, Kirchen, aber auch zu Opernhäusern in ganz Europa und USA haben wir sehr gute und langjährige Verbindungen«, lautet eine Standardformulierung in den Mails Evangelistas an Musiker.

Die Drohung mit Klagen und das damit verbundene Juristen-Deutsch scheinen ein fester Bestandteil der Geschäftsstrategie von Evangelista zu sein. Ein Musiker, der Kollegen auf Facebook vor Agenturen abgeraten hatte, die monatliche Gebühren erheben – er nannte Xenia Evangelista Communications nicht namentlich – bekam von einer Anwaltskanzlei namens Curos im Namen von Evangelista eine Unterlassungsaufforderung. Über Anwälte hat Evangelista mehreren Musikern mit Bußgeldern von bis zu 50.000 Euro gedroht, falls sie kritische Kommentare nicht binnen weniger Stunden löschen. In aktuellen Vertragsentwürfen der Agentur, die VAN vorliegen, müssen sich Künstler verpflichten, »auch über die Zusammenarbeit hinaus, keine negativen Äußerungen« zu tätigen. Diese Drohkulisse funktioniert. In den meisten Fällen stellen Musiker die öffentliche Diskussion über Evangelista ein.

»Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie mit Anwälten zu tun«, sagt der Pianist Eisinger. »Da hat man schon gewisse Bedenken.«

Am 28. Februar 2019 kontaktiert VAN den serbischen Dirigenten Srba Dinić, Generalmusikdirektor am Staatstheater Braunschweig. Er scheint das Beispiel eines Musikers zu sein, für den Evangelista erfolgreich Konzerte vermittelt, zumindest posted die Agentur viele Aktivitäten von Dinić auf ihrer Facebook-Seite. Dinić bestätigt, dass Evangelista ihn vertritt, schreibt aber, dass er sie noch nie persönlich getroffen habe. Gleichzeitig informiert er Evangelista von unserer Kontaktaufnahme. Am selben Tag hinterlässt sie eine Facebook-Sprachnachricht. »Ich habe Anrufe von Künstlern bekommen, dass Sie sich nach Verträgen meiner Agentur erkundigen«, sagt sie. »Zuerst möchte ich wissen, wie sie dazu kommen und was es damit auf sich hat. Außerdem möchte ich Sie in Kenntnis setzen, dass ich mit meinem Anwalt darüber reden muss. Ich verstehe nicht, warum privatwirtschaftliche Verträge in die Presse gelangen. Ich kann mir vorstellen, was dahinter steckt und möchte mit Ihnen darüber sprechen.«

Am Nachmittag rufen wir Evangelista zurück. Sie lehnt es ab, sich persönlich zu einem Interview in München zu treffen. In dem halbstündigen Telefonat spricht sie von einer »Hasskampagne« gegen sie und dem Versuch zweier Menschen, sie »zu zerstören«. Ein Teil der Kampagne bestehe in der Unterstellung, sie habe kein echtes Büro. Bis vor kurzem gab Xenia Evangelista Communications die Adresse »Maximilianstraße 2« in München, schräg gegenüber vom Nationaltheater, als Firmenanschrift an. Dort befindet sich das so genannte »Palais an der Oper«, das virtuelle Büros vermietet. »Selbst wenn ich von einem Keller aus arbeiten würde, wäre es nicht illegal«, sagt Evangelista. Auf die Rückfrage, wer hinter der Kampagne stehe, weigert sie sich zu antworten, ebenso auf die Frage, ob sie für die Aufnahme von Künstlern eine Gebühr erhebe. »Selbst wenn ich es täte, wäre es nicht illegal. Ich bin ein ehrlicher Mensch, und ich muss mich nicht erklären.« Wir fragen, wie sie die Karriereaussichten der Künstler einschätzt, die sie in ihre Agentur aufnimmt. Sie lehne die meisten Bewerber ab, entgegnet sie. »Mein einziger Fehler war es, innerhalb kürzester Zeit keine Konzerte für Künstler zu finden, die nicht vermittelbar sind«, sagt sie. Während sie anfangs souverän und abgeklärt spricht, wird sie im Laufe des Gesprächs emotionaler. Die Kampagne setze ihr so sehr zu, dass ihr bereits Betablocker verschrieben worden seien. »Ich flehe Sie an, diese Geschichte zu unterlassen«, sagt sie am Ende, und beginnt zu weinen.

Am 18. März 2019 schickt VAN eine E-Mail an Evangelista und bittet erneut um eine Gelegenheit, sie persönlich in München zu treffen. Ein paar Stunden später ruft sie von einer anonymen Telefonnummer aus zurück. In einem 40-minütigen Gespräch lehnt sie ein Treffen erneut ab, und wiederholt ihren Vorwurf, Opfer einer gezielten Verleumdungskampagne zu sein, die von persönlichem Hass motiviert sei. Als wir sie bitten, Beweise für diese Kampagne oder die Namen ihrer Belästiger vorzulegen, lehnt sie ab. »Ich weiß, dass Sie nicht auf meiner Seite sind«, sagt sie. »Ich habe Angst vor Ihnen.« Sie berichtet davon, mitten in der Nacht mysteriöse Anrufe zu erhalten, und dass ein Künstler ihr gedroht habe: »Du wirst nie wieder in Ruhe schlafen können.« Auf die Frage, ob sie angesichts all dessen darüber nachgedacht habe, ihre Agentur aufzugeben, antwortet sie: »Ich bin nicht bereit, aufzugeben, nur damit meine Gegner auf meinem Grab tanzen können.«

Am 22. März 2019 erhält VAN von der Münchener Anwaltskanzlei Brehm & v. Moers im Namen von Xenia Evangelista Communications eine Abmahnung. Bezugnehmend auf die Kontaktaufnahme zum Dirigenten Srba Dinić heißt es darin, die VAN-Recherchen verstößen gegen das Wettbewerbsrecht, da der angebliche Anruf bei Dinić (tatsächlich war es eine schriftliche Nachricht) »den werblichen Charakter verschleiert habe«. Der VAN-Autor habe sich als »neutraler Journalist« ausgegeben, allerdings sei »überwiegend wahrscheinlich, dass er nicht allein aus journalistischem Interesse gehandelt hat«. (Die wettbewerbsrechtlichen Argumentation bezieht sich auf kommerzielle Dienstleistungen wie Webdesign oder Textprodukion, die der VAN Verlag, wie viele andere Zeitungen und Zeitschriften, über seine Agentur VAN VON anbietet. VAN vertritt oder vermittelt jedoch keine Künstler.) Die Kanzlei fordert VAN auf, innerhalb von fünf Tagen eine Unterlassungserklärung zu unterzeichnen und sich zu verpflichten, in Zukunft weder an Künstler Evangelistas heranzutreten, noch »wörtlich oder sinngemäß die Behauptung aufzustellen, dass Evangelista eine unangemessen hohe Vergütung fordere oder nicht korrekt arbeite«. Im Übrigen stehe Evangelista wegen der Kontaktaufnahme zu ihren Künstlern Anspruch auf Schadensersatz zu, für deren Berechnung VAN Auskunft über den Umfang der Recherchen geben müsse. VAN weist über einen Anwalt die Vorwürfe zurück und teilt mit, die Geschichte weiter zu verfolgen.

Xenia Evangelista Communications setzt bei vielen Künstlern Hoffnungen frei, die jeden Zweifel an ihrem Geschäftsmodell verdrängen. Sie fungiert als Projektionsfläche, auf der sich junge Musiker ihre Erwartungen und Träume von einer Karriere in der Musik ausmalen können, ohne die Plackerei und Demütigungen, die sie so oft mit sich bringt. Dass Musiker es vorziehen, ihre Zeit damit zu verbringen, tatsächlich Musik zu machen, anstatt E-Mails zu schreiben und Konzerte zu akquirieren, liegt auf der Hand. In der Kommunikation mit Evangelista zeigten manche Musiker eine fast berührende Verletzlichkeit. Das Bewusstsein der eigenen Naivität bremst im Nachhinein bei vielen Musikern den Impuls, ihre Erfahrungen mit der Agentur öffentlich zu teilen. Genauso wie die Scham. Woher weiß ein Musiker, dass er nicht der einzige war, der in einem Jahr nicht ein Konzert vermittelt bekommen hat, ohne mit anderen betroffenen Kollegen zu sprechen? »Auf einer sehr grundlegenden Ebene muss man sich fragen, wie verzweifelt einige der Musiker waren, einen Vertrag zu unterzeichnen, der eine Anzahlung von Vertrauen, Glauben und Geld erfordert«, erzählt uns ein Musiker. »Es ist ein Zeichen dafür, dass sich junge Musiker, die hochspezialisiert und gebildet sind, oft in unsicheren wirtschaftlichen Lagen befinden und sich dann auf vieles einlassen.«

Die Kombination aus notwendiger professioneller Arroganz, großen Hoffnungen und noch größerer Enttäuschung hat bei mehreren Musikern, die sich von Evangelista betrogen fühlen, allerlei Verschwörungstheorien geweckt. Überzeugende Beweise für ihre Theorien liefern sie dabei nicht. Davide Bravo erzählt, dass einer seiner Kollegen »ein wenig besessen« scheine. Er habe es sich zur Aufgabe gemacht, von Evangelista unter Vertrag genommene Musiker zu kontaktieren und sie zu warnen. Als sich die Recherchen für diesen Beitrag länger hinziehen, verbreiten zwei Musiker das Gerücht, VAN habe von Evangelista Geld erhalten, um die Veröffentlichung zu verhindern. »Ich hatte gehofft, dass Ihre Recherchen schneller vorankommen, aber das ist nicht der Fall«, schreibt uns ein Musiker im März. »Es gab 10 Tage Leerlauf, in denen Xenia Evangelista kontaktiert wurde und die Möglichkeit hatte, Alibis und falsche Beweise zu finden.« Aber Verschwörungstheorien sind vielleicht eine verständliche Reaktion auf zwei unangenehme, wenn auch wesentliche Wahrheiten – und das Gefühl der Ohnmacht, das sie mit sich bringen: dass das, was unfair nicht unbedingt illegal ist; und dass die meisten Karrieren in der Klassikwelt zum Scheitern verurteilt sind.

»Ich flehe Sie an, diese Geschichte zu unterlassen.« Wie eine Künstleragentur Hoffnung zu Geld macht in @vanmusik.

Evangelista hat offenbar ihre eigenen Verschwörungstheorien. Ihre Agentur sei zum Ziel des »reinen Hasses« von Künstlern geworden, die vom Markt »abgeschossen« worden seien. Während sie in einer bitteren Gegenwart stecken geblieben scheint, sind einige der Künstler, die sie einst vertrat, weitergezogen. »Damals waren wir naiv und dumm«, sagt Marco Sanna. »Ich bin darüber weg, es ist drei Jahre her«. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.