Ich treffe Tora Augestad an einem späten Septemberabend im Café Dujardin an der Panke im Berliner Wedding. Es könnte tatsächlich der letzte warme Abend dieses endlosen Comeback-Sommers sein. Augestad kommt gerade aus Oslo zurück, von der Verleihung des Ibsen-Preises an Christoph Marthaler. Teil der Feierlichkeiten war eine Aufführung von Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter, Marthalers-Abschiedsabend von der Berliner Volksbühne. »Am Montag war die ganze Volksbühnen-Truppe dann bei meinem Vater zu Hause zu einem echt norwegischen Mittagessen, das war episch.« Wege entstehen beim Gehen, heißt es. Oft verengt sich bei zunehmender Spezialisierung aber auch der Horizont dessen, was möglich erscheint. Bei Tora Augestad gehen laufend neue Wege ab. Ein kleiner Auszug aus ihrem diesjährigen Kalender: Marthalers Mir nämeds uf öis in Zürich, seine umjubelte Ives-Hommage Universe, Incomplete bei der Ruhrtriennale, King Size in Kopenhagen, ein Händel-Abend bei den Händel-Festspielen, ein Late-Night-Konzert mit ihrer Band »Music for a while« beim Kissinger Sommer, ein Opernkabarett beim Osloer Operafestival; beim Finale des Grieg-Wettbewerbs in Bergen führt sie als Host durch den Abend, aktuell singt sie Mahlers Lied von der Erde in der neuen Produktion des Musiktheaterkollektivs Novoflot, nächstes Jahr unter anderem die Uraufführung von Philippe Manourys Lab.Oratorium mit dem Gürzenich-Orchester Köln in der Kölner Philharmonie, der Elbphilharmonie und der Philharmonie de Paris, und Anfang November erscheint ihre erste Porträt-CD (Weill, Paus, Ives) mit dem Oslo Philharmonic Orchestra. Es gibt wenige Sängerinnen, die so viele verschiedene Sachen so gut machen wie sie, und bei denen es so wenig angestrengt nach »ich will mich nicht schubladisieren lassen« rüberkommt. »Ich finde in der Abwechslung teilweise Ruhe«, erzählt sie mir. »Ich glaube, ich bin besser bei Christoph Marthaler, weil ich all die anderen Sachen mache, und besser bei den anderen Sachen, weil ich bei Christoph arbeite.«
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