Ein einzelner Ton im Bass, dann ein halb-schmerzvoller, halb-»schöner« Akkord weiter oben. Dieses Spiel: ein paar Mal hin und her. Fast zu lange! Als »Erlösung«: eine »Als-wäre-sie-immer-dagewesen«-Melodie im Sopran. Nachdenklich herunterpurzelnd – vom Himmel der Egalheit. Erik Saties erste Gymnopedie (1888) untermalte Werbespots für Versicherungen, spülte die Wohlfühl-Filter-Stories von Instagram-Detoxer:innen noch einmal weicher als weich – und diente vermutlich als Hintergrundmusik hunderter Liebesszenen in Filmen und Serien. Satie komponierte damit ein Stück, das einerseits die fast ständige Präsenz eines Klangs in den Fokus nahm, der Jahrzehnte später zu einem der wichtigsten Klänge im Jazz werden sollte: der große Dur-Septakkord (Major Seventh). Andererseits bewies er mit der häufigen Verwendung dieses Akkords, dass ein als »tröstend«, als »schön« empfundenes Stück absolut nicht dissonanzenfrei zu sein hat; im Gegenteil! Ist Erik Satie unterschätzt? Die Antwort: vollkommen egal! (Das hätte ihm sicherlich gefallen.)
Um sein Leben zu finanzieren, verdingte sich der 1866 in der Normandie geborene Satie als Pianist in Pariser Spelunken, Kabaretts und anderen sicher nicht durchweg seriös geführten Unterhaltungsetablissements. (In Paris hatte Satie zeitweise Komposition studiert, das Studium aber bald abgebrochen.) Im Zusammenwirken mit bald gesundheitsschädlicher Feucht-Fröhlichkeit (sprich: Satie trank zu viel) resultierte aus der kompositionsgeschichtlichen Situation Frankreichs nach 1870/71 – zwischen Wagner-Hassliebe, händeringend aufrechterhaltener französisch-katholischer Orgeltradition und den Neuansätzen Debussys und Ravels – für Satie bald eine ganz eigene Haltung: die der musikalischen Anarchie.

