Auf dem Weg zu Die letzten Tagen der Menschheit viermal »Viel Spaß!« gewünscht bekommen. Köln halt. Das Setup dafür einschüchternd oversized, die riesige Messehalle des Staatenhauses, das Gürzenich Orchester in drei Gruppen in Cinemascopebreite gereiht, Peter Rundel im Zentrum, Surroundsound; Elektronik, Live-Video und Film, und einschüchternd natürlich schon das Thema: Menschheit, letzte Tage, Karl Kraus’ am Ersten Weltkrieg entlang und bis 1922 geschriebenes Riesendrama, 800und Seiten, mehr als 200 Szenen, jeden Betriebsrahmen sprengend, deshalb nur für ein »Marstheater« denkbar. Was – K.K. war auch ein gewiefter Stratege – diesen Betrieb nicht ruhen lassen würde, es dann doch auf diesem Planeten irgendwie zu wuppen. (Reminder: Mal eine Kolumne über den Hang des jüngeren Musiktheaters, sich Bedeutung am Höhenkamm der Literatur auszuleihen, immer wieder Kafka, Beckett, Hölderlin, Joyce, immer wieder Mollys Monolog; Fallhöhe garantiert.)

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Heute Abend also Weltuntergang, auf drei Stunden von Patrick Hahn/Libretto, Nicolas Stemann/Regie und Philippe Manoury/Musik jedenfalls geschickt geschrumpft: jene »Tragödie, deren untergehender Held die Menschheit ist«. Das geht überhaupt nur, weil eine Unmenge des Krausschen Figurenarsenals – Österreicher aller Stände, Militär und Zivil, Zeitungsausrufer und Exzellenzen, Fiaker, Soldaten, Geschäftemacher, Paare und Passanten, die ungeheure Palette der menschlichen Nichtswürdigkeit, die frappierende Fülle all der Tonfälle von »Normalität«, delegiert wird an zwei Schauspieler, Patrycia Ziolkowska und Sebastian Blomberg, die das auch ziemlich virtuos hinbekommen. Glücklicherweise wienern sie nur ganz wenig, bei unglücklicherweise einigem Betroffenheitspathos zwischen soviel Hurrah und Horror, Bigotterie und Ignoranz, es geht vielleicht gar nicht ohne. Dazu ein sich in Multifunktionalität bewährendes Ensemble von Sängerinnen und Sängern, ein exzellenter Riesenchor und, über allem, der große Tragödinnenton der großen Anne Sofie von Otter. Solche Überhöhe ist bei Kraus nicht vorgesehen, sie tritt auf, als wäre es der Imposanz nicht schon genug, als Walter Benjamins Angelus Novus, der Engel der Geschichte, der der Zukunft den Rücken zukehrt, im Blick zurück auf den wachsenden Trümmerhaufen der geschehenden Katastrophen, auch eine Art Erda-Urmutter, am Ende sprachlos wie deren Nornen, denen der Schicksalsfaden reißt.

An Ambition also kein Mangel, und dabei schnurrt der Kölner Weltuntergang mit eindrucksvoller bühnentechnischer Gekonntheit ab. Was aber wird geboten? – Für Manoury soll es keine Oper sein, sondern »Thinkspiel«. Weil es ihm um Vielstimmigkeit geht, ein Nebeneinander von Gesang und Schauspiel, sollen wir dabei an die mit Entführung und Freischütz einschlägige Form »Singspiel« denken, nun gut. Und lassen wir die kleine Eitelkeit beiseite, dass hier im experimentell-kreativen Sinn über die großen Fragen der Menschheit gedacht werden soll. Insofern überrascht, wo es sich auch musikalisch einem hochfliegenden Allusionismus (Mahler, Bartók, Debussy, Wagner u.a.m.) verschreibt, woran hier offenbar nicht gedacht wurde und wovon auch das Programmheft schweigt: der ungute Anklang an das jungvölkisch aufgeladene, Anfang der 1930er Jahre gepflegte Freiluft-»Thingspiel«; Wikipedia listet das Genre als »nationalsozialistische Massenveranstaltung«, ups. In diese Ecke gehört hier keiner, es liegt ihnen so fern wie möglich, aber ein Wort dazu hätte nicht geschadet; es gar nicht gesehen zu haben, wäre aber, angesichts des so gewaltig instrumentierten Anspruchs auf Übersicht, ein seltsam blinder Flick.

Zum Text verhält sich Manourys Musik weitgehend illustrativ. Meint es Schlacht, brummt Blech, klagt es, weint ein Englischhorn. Streicherflächen, gleich zu Beginn, verheißen Gefahr, aber auch Schönheit im Untergang. Zu wenig wagt sie sich vor, weitgehend bleibt sie, kleinteilig intervenierend, in den selbstgetürmten Materialbergen stecken, stilistisch kostümiert wie szenisch das Ringstraßenwien anno 1914. Es gewinnt im zweiten, kürzeren Teil, wenn mehr Elektronik zum Einsatz kommt, am Ende übernehmen ja die Marsianer den kaputten Planeten, vorher war eine E-Gitarre zum Vietnamkrieg zu hören, es geht ja nicht allein um WK1. Musikalisch bleibt es Passagenwerk, und auch auf dieser wichtigsten Ebene: handwerklich gekonnt, was aber wird erhellt? Dass Kraus mit seiner Analyse des militärisch-medialen Zerstörungswerks, der Niedertracht der normalen Leute richtig lag und liegt, dass im Krieg der Menschheit das Menschliche abhandenkommt: So ist es. K.K. hatte mit vielem recht und darf im aktuellen Vorkriegsdiskurs mit Gewinn gelesen werden. Was aber wäre der ästhetische Mehrwert so eines musikalischen All-Theaters? – Er wolle mit den eigenen Mitteln »einen Stein auf seinen [Kraus’] Bau setzen«, schreibt der Komponist. Es schienen mir aber nur Steinchen, und ob, wer sich nur beherzt auf die Schultern eines Riesen schwingt, auch weiter sehen kann, ist nicht gewiss. Statisten, die tote Soldaten auf einem Schlachtfeld mimen, trivialisieren das Grauen als Theater. Das Realismus-Problem der Darstellung des Undarstellbaren ist kaum lösbar, aber man könnte damit weniger sorglos umgehen. Ein aktualisierendes Intermezzo, das dialogisierte Dilemma, den Krieg nicht zu wollen und ihn mit den Mitteln des Krieges verhindern zu sollen, erweist vor allem den Abstand zur Schärfe der Sprache des original K.K. Wenn am Ende, nach gleich mehreren Apokalypsen, der Text des Prologs noch einmal kommt und die »Akkorde des Endes der Menschheit« (Manoury) noch einmal dräuend tremolieren und Gott durch eine Kinderstimme verkündet, sie „habe das nicht gewollt“, da war der Abend mehr Handwerk als Kunst, ein weiterer Beitrag zur kurrenten Apokalyptik. Gewollt war bestimmt mehr. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹