Auf meinem Schreibtisch, auf dem physischen und dem digitalen, liegen gerade die Spielzeitvorschauen der Opernhäuser, deren Programme ich, mehr oder weniger, verfolge. Am Rande noch Notizen der Rückschau für die Kritikerumfrage der ›Opernwelt‹, und in diesem Zwischenmoment des Blicks zurück/nach vorn weht mich ein Hauch von Müdigkeit an. Landauf landab der bekannte Programmcocktail mit Mozart Verdi Wagner mittendrin, drumherum das Karussell der bekannten Regisseurinnen und Regisseure, dazwischen ein paar vorsichtig gesetzte Raritäten und eine Prise Neues. Es ist nur ein Hauch von ennui, keine Beschwerde: Denn dass wir reisende Betriebsprüfer uns ganz gern zwischen den Sternbildern des Bekannten bewegen, gehört ja auch zur Wahrheit, und dass die Ausflüge in repertoirefernere Galaxien nicht selten in Ernüchterung enden. Dann lieber nochmal Figaro und Falstaff – jedenfalls tolle Stücke, noch in mittelerleuchteten Inszenierungen. Meine Erleuchtung der Saison war zuletzt Gabriel Faurés unglaublicherweise einzige Oper Pénélope, von Andrea Breth und Susanna Mälkki im Münchener Prinzregententheater in ein subtiles Slow-Motion-Denkbild verwandelt, feinste Musik, sensationelles Ensemble, das Andere von Routinen. Ansonsten läuft die Selbstbefragung, was blieb vom vielen Herumfahren und -suchen nach den großen Momenten, schnell auf Grund. Es war Asmik Grigorians bewegendes Norma-Debüt am Musiktheater an der Wien, klug inszeniert von Vasily Barkhatov. Und sonst? Viel professionell Gekonntes, kaum Katastrophen, aber, für die vielen Kilometer, zu wenig Kunst.
Die außergewöhnliche Künstlerin Asmik G. begegnet mir dann gleich wieder auf der anderen Seite des Schreibtischs, bei der es, im Auftrag der Hamburgischen Staatsoper unter ihrem neuen Chef Tobias Kratzer irgendwie auch um die Befragung, nein: das Framing des Repertoires gehen soll. Es soll, anlässlich der Wiederaufnahme von Dimitri Tcherniakovs Salome, etwas über die großen Gestalterinnen dieser heiklen Rolle gesagt werden, und wieder rückt A.G. ins Zentrum, die die Rolle 2018 in Salzburg in Romeo Castelluccis enigmatisch ästhetisierter Inszenierung sensationell kreierte, und dann 2023 in Hamburg in Dimitri Tcherniakovs sehr viel diesseitigerer, auf die realen Spannungen zwischen den (real vorstellbaren) Figuren zielender Deutung, einmal mehr exzellierte. Sie ist bestimmt d i e Salome unserer Tage, eine junge Frau zwischen dem Schrecklichen, das ihr widerfährt und das ihr widerfahren ist, und dem Schrecklichen, das sie tut. Den abgeschlagenen Kopf eines Mannes auf den Mund zu küssen, heiliger Mann hin oder her: Das ist, noch im für Horror abgestumpften 21. Jahrhundert, doch eine Ungeheuerlichkeit. Bei allem Glanz der Musik empfand ein Thomas Mann das Ganze entschieden »unerlaubt und liederlich«.

