Gerade in so vergifteten Zeiten wie jetzt ist der Sänger Klaus Florian Vogt für mich, bitte um Nachsicht, so etwas wie die Angela Merkel des Klassiklebens: Wir kennen ihn; und wo er auftaucht, ist für einen Moment alles wieder gut. So auch, wenn er im Konzerthaus Berlin gemeinsam mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin einen wohltuenden Abend lang das Werk Richard Wagners durcheilt. Im Hopserlauf quasi, durchsprenkelt noch mit einem Stückerl Freischütz sowie ein bisserl Franz Lehár zum Abschluss (inklusive der schon vorher ahnbaren Zugabe Dein ist mein ganzes Herz, die Vogt innig, aber gänzlich rudolfschock-entschmalzt darbringen wird).
Ach! Vom meistersingerlichen Werbegesang über den parsifalschen Wund- und Waffensalbader bis zu Tannhäusers Rom- und Lohengrins Grals-Erzählung geht es da, ohne dass uns mehrstündige Sitzfleischerfordernis und dauerwurstige Regietheateransprüche foppen würden. Es ist schon bemerkenswert, mit welcher punktgenauen Anspannung Klaus Florian Vogt bei so einer doch dramaturgiewidrigen Dauerklimax von Höhepunkt auf Höhepunkt zu hoppsen vermag. Und er streichelt dabei auch noch in aufrichtig herzensfreundlicher Goldigkeit die Seelen des weitenteils schon versilberten Publikums, ganz ehrlich, sowas tut auch mit unter sechzig gut. Der Lohengrin, den Wagner bekanntlich eigens für dieses einzigartige Vogttimbre schrieb (das der FAZ-Kritiker Jan Brachmann einst legendär mit Heintje assoziierte, was freilich längt nicht mehr zutrifft), dieser Lohengrin also sitzt in der Vogtkehle immer noch sicher und ewig wie der heilige Pott da oben auf Montsalvat. Und das RSB unter Ulf Schirmer beweist nicht nur viel Klangkultur in den Vorspielen (wenngleich die instrumentalen Wagner-Exzerpte hier nicht so glorios klingen wie seinerzeit in den kompletten konzertanten Aufführungen unter Marek Janowski; das Meistersinger-Vorspiel stapft steif, die Ouvertüren zu Tannhäuser und Lohengrin geraten geschmeidiger). Vor allem begleitet das Orchester den reinen Heldentenor eminent aufmerksam und sängerfreundlich. Und Vogt spricht gleich zweimal die kulturelle Unersetzbarkeit derartig kompetenter Klangkörper an. Solche Komplimente sind heutzutage mehr als angemessene Höflichkeit. Es steht zu befürchten, dass es in der näheren Zukunft solch unbedingter Beteuerungen noch öfter und lautstärker bedürfen wird.

