Am Sonntagmorgen hatte ich im Deutschlandfunk ›Die neue Platte‹ gehört, und die neue Platte war Raphaël Pichons Aufnahme der Johannes-Passion, »pünktlich zum Osterfest«: Der geschätzte Rezensent war sehr angetan, und über Pichons elastisch detailfreudiges und dabei unmittelbar berührendes Musikmachen mit dem sensationellen Chor und Ensemble Pygmalion hatte ich mich auch hier schon gefreut. Am Sonntag nun fiel mir auf, dass ich in dieser Vorosterzeit noch gar keine Passion gehört hatte, vielleicht deshalb die rechte Oster-Erschütterung und -freude sich noch nicht hatte einstellen wollen. Das änderte sich, als ich später im Zug saß, mit den ersten, fast verstörend schnellen Takten von Herr, unser Herrscher auf den Hörstöpseln. Pichons JSB-Groove verband sich da wundersam mit der Sensation einer Fahrt aufnehmenden Lokomotive, zu einer kleinen Euphorie über die Wahrnehmung von Bewegung ohne alle Hektik, ein bisschen wie fliegen. Oder tanzen. Und dass dieser beschleunigte Puls in gar keinem Widerspruch zur Erhabenheit dessen steht, was hier doch Ernstes verhandelt wird. Wie dann, andererseits als Petrus abermal Jesus verleugnet, auf und weinete bitterlich alle Zeit für diesen Moment der Schuld-Erkenntnis stehen bleibt. Dann der Chor, engelrein intonierend und dann wieder im Kreuzigungswahn einer gewaltlüsternen Menge, voller Perfidie: Das nimmt einen mit, eben nicht als musikalisches Hochamt, aber auch nicht als Oper. Aber doch wohl auch nicht, wie die ZEIT titelt, als »Actionthriller«.
Die Aufnahme biete sich als »Einstieg für Bach-Neulinge« an: »Bei so viel Action bleibt man einfach dran.« Namentlich gelobt wird die »irre Leistung« des exzellenten Evangelisten von Julian Prégardien, der den Sicherheitsabstand eines bloß neutralen Beobachters des ungeheuerlichen Passionsgeschehens aufgebe. Seine Mittel sind die schiere lyrische Schönheit seiner Stimme, Wortgenauigkeit, Eloquenz und emotionale Intelligenz; dieser Evangelist ist ein Ereignis. An einer Stelle aber scheint er von den guten Geistern der Musik verlassen, und es ist eben der Moment, den die Kollegin besonders irre findet, wenn Pilatus fragt, wen er begnadigen soll, und die Menge sich für den Barrabas entscheidet, gegen Jesus. Da verliert der Erzähler alle Contenance: Barabbas aber war ein Mörder!
Das ist, bei Julian Prégardien, ein Schrei, für diesen Augenblick (nur für diesen) ist es nicht mehr Gesang, und die Diskussion, ob solche Grenzüberschreitung »erlaubt« sei, sollte sich nicht klammern an einen einzig wahren Notentext. Es ist ja eine bewusste künstlerische Entscheidung; sie ist aber riskant.
Als Mozart an der Entführung arbeitete, schrieb er einen dieser luziden Werkstattbriefe an seinen Vater. Darin geht es unter anderem um die Wut des Osmin: »ein Mensch, der sich in einem so heftigen Zorn befindet, überschreitet ja alle Ordnung, Maß und Ziel, er kennt sich nicht, und so muss sich auch die Musik nicht mehr kennen«, schreibt Mozart, und kommt dann doch zu dem Schluss, dass »die Musik auch in der schaudervollsten Lage … allzeit Musik bleiben muss.« – Ich lese das eben nicht als Bekenntnis gegen einen Ausdruck, der noch das Schauervollste treffen können muss, sondern dafür, dies »allzeit« mit den Mitteln der Musik zu erreichen. In diesem »Mörder!«-Moment geht mir Prégardien zu weit, aber er öffnet eine Diskussion, die zum Kern der Sache führt. Auf den deutet ausgerechnet Pilatus: »Was ist Wahrheit?« – In der von Pichon in dieser grandiosen Johannes-Passion genau gedehnten Generalpause nach dem Fragezeichen steckt eine Menge davon, mehr als in jedem Actionthriller. ¶

