Am 27. Juli starb der Pianist Pawel Kuschnir im Alter von 39 Jahren in einem Gefängnis im russischen Birobidschan, wohl an den Folgen eines mehrtägigen trockenen Hungerstreiks. Ende Mai 2024 war er von FSB-Offizieren wegen »Aufrufs zum Terrorismus« festgenommen worden. Kuschnir hatte auf seinem Youtube-Kanal mit dem Namen »Inoagent Mulder« (verkürzt für »ausländischer Agent« – Kuschnir war Fan der US-amerikanischen Fernsehserie »The X-Files«) vier poetische Videomonologe mit Kritik an der russischen Regierung und am Krieg in der Ukraine veröffentlicht. Im letzten Video bezeichnet er die Massaker von Butscha als »Schande unseres Mutterlandes«, forderte Widerstand gegen das Regime und den Krieg sowie die Freilassung aller politischen Gefangenen. Nach Angaben von Freunden hatte der Kanal bei Kuschnirs Verhaftung fünf Follower. Viele Freunde erfuhren erst nach seinem Tod von seiner Inhaftierung und dem Hungerstreik.
Kuschnir arbeitete nach einem Studium in Moskau und Jekaterinburg 12 Jahre lang als Pianist in verschiedenen russischen Provinzstädten. Sein Werk und Wirken blieb zu Lebzeiten einer größeren Öffentlichkeit sowohl innerhalb als auch außerhalb Russlands weitgehend verborgen. Nun begeben sich viele Menschen auf die Suche nach Spuren, die dieser eigenwillige Künstler hinterlassen hat. Dabei kommt ein schillernder musikalischer und literarischer Kosmos zum Vorschein: Kuschnirs Antikriegsroman Russian Cut erschien zwar bereits 2014 beim Zaza Verlag in Düsseldorf, blieb aber gänzlich unrezipiert. Einen zweiten Roman mit dem Titel Noel soll Kuschnir im Sommer 2022 fertiggestellt haben, wohl mit der Gewissheit, dass er nie veröffentlicht werden würde. Das Manuskript ist derzeit noch verschollen. In einem Interview mit einem Birobidschaner Radiosender erzählt er, dass er an dem Roman acht Jahre gearbeitet habe und dessen Form »genau Keplers Harmonik der Welt« aufgreife. In Sozialen Netzwerken kursieren jetzt unter anderem Interviews und Lesungen mit Kuschnir, ein Aufsatz über den deutschen Maler Uwe Lausen und Mitschnitte der über 51-teiligen Radioreihe »Mazurka am Mittwoch«, in der der Pianist von Januar 2023 bis Ende März 2024 alle Mazurken von Chopin analysierte.
Wer war Pawel Kuschnir? »Ich bin damit aufgewachsen, dass er ein außergewöhnlicher Mensch ist, für mich war das immer selbstverständlich«, erzählt mir die Pianistin Olga Shkrygunova, mit der Kuschnir seit der Kindheit eng befreundet war und der er regelmäßig Manuskripte und Texte zuschickte. Seit 2012 lebt sie in Deutschland, wo sie 2014 ihr Masterstudium an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock abschloss. Im selben Jahr wurde sie Mitglied im Kammermusikquartett Salut Salon, dem sie bis Ende 2023 angehörte. Ich erreiche Shkrygunova an einem Montagmorgen per Videocall in ihrer Berliner Wohnung. »Die ersten Tagen waren gefüllt mit der Organisation von Pawels Einäscherung und Telefonaten«, erzählt sie mir. »Gestern war der erste Tag, an dem ich ganz allein war. Das Schlimmste kommt jetzt erst.«
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