Die Frage, ob Musik die Menschen besser mache, ist leider längst und ziemlich zweifelsfrei beantwortet: Nein. Punkt. Das ZEITmagazin brachte vor Monaten eine unterhaltsame, aber jedenfalls mir nicht ganz verständliche Geschichte über einen Streit zwischen den Hip-Hop-Stars Drake und Kendrick Lamar. Beide Männer des Wortes, letzterer sogar Pulitzerpreisträger, beide mit vielen Grammys im Regal, Geld auf dem Konto, verwöhnt von reichlich Erfolg und fame. Nicht klar wurde mir der Ausgangspunkt der Auseinandersetzung, der Autor mutmaßte, die Streithanseln wüssten es selbst nicht mehr, ging es zuerst um zu kleine Füße oder eine Nasen-OP, um doofe Klamotten oder miese Musik. Bald wurde es richtig schmutzig mit justiziablen Schlammwürfen über häusliche Gewalt, Missbrauch, whatever. Ausgetragen wird der beef immerhin über Schmäh-Songs, mindestens neunmal soll es bislang hin und hergegangen sein, und der zweite unklare Punkt ist die Frage nach der Rolle von KI in all dem, teilweise scheint die Autorschaft da gar nicht klar zu sein.

Ganz klar und bestimmt ohne KI-Einsatz liegt der Fall der Männerfeindschaft zwischen dem Axel und dem Markus, dem Journalisten und dem Intendanten. Man hatte es als Leser:in von Brüggemanns Newsletter schon kommen sehen, aber die Tonlage dieses offenen Briefs beziehungsweise dieser Postkarte nach Salzburg hat doch nochmal eine neue Eskalationsstufe gezündet. Am besten gar nicht psychologisieren. Aber dass diese Männerfeindschaft auf enttäuschter Liebe gründet, steht ja schon da. An dieser Stelle und zur Warnung eine Geschichte aus alter Zeit, wie so ein Streit sogar unter Musikgelehrten außer Kontrolle geraten kann.

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Musikwissenschaftler: Männer an Schreibtischen, immer im Schatten der sozusagen richtigen Musiker, sie stehen nicht eben im Ruf von Draufgängern, und irgendwie müssen sie ja immer der Welt erklären, warum etwas so Evidentes wie Musik überhaupt eine Wissenschaft braucht. THE SOCIETY erinnert heute an den Romanisten und Musikwissenschaftler Johann »Jean« Baptist Beck, geboren 1881 im Elsass. Und danach denken Sie vielleicht ein bisschen anders von Musikwissenschaftlern. Beck studierte in Paris und Straßburg und wurde 1907 promoviert mit einer Arbeit über Die Melodien der Troubadours, also die provenzalischen Dichterkomponisten des 11.- 13. Jahrhunderts, denen wir eine frühe weltliche Musik verdanken, Liebeslieder, Canzonen für die angebeteten hohen Frauen, Minne-Musik. Unser Mann Beck machte sich nun also nützlich, indem er darüber nachdachte, wie das, was ja unpraktischerweise nicht in moderner Notenschrift überliefert ist, denn musikalisch gemeint gewesen sein konnte. Er hatte die Idee, als Schlüssel für das Verständnis der Troubadour-Manuskripte auf die sogenannte Modaltheorie zurückzugreifen. Die hatte zuvor schon den Motettenforschern geholfen, zu verstehen, wie die gereihten Kästchen dieser Vorläufernotenschrift vor allem rhythmisch zu deuten seien. Modaltheorie meint, dass man von etwa sechs festen Grundrhythmen ausging – was die Sache ja schon übersichtlicher macht. Jean Beck also übertrug das System auf die Troubadour-Gesänge, voilà, man hatte eine Vorstellung. Und das ist doch zweifellos gut und sinnvoll, wenn man etwas besser weiß, wie wohl die höfischen Sängerstars von vor achthundert Jahren geklungen haben.

Gut und schön, aber nachdem Becks Dissertation veröffentlicht war, kam es zum Streit. Denn schon zehn Jahre zuvor hatte ein Kollege namens Pierre Aubry etwas Ähnliches versucht. Und merkwürdigerweise behauptete nun Beck, dieser chronologisch ja doch frühere Ansatz sei von Aubry ihm, also Beck, gestohlen worden. Jetzt kann man sehen, wie gnadenlos Musikwissenschaftler sein können, jedenfalls wenn es um Kollegen geht. Erbittert wurde um die Priorität gezankt, also wer der Frühere war. Die Sache kochte so hoch, dass ein Ehrengericht einberufen wurde, das überraschend dem Beck Recht gab. Aubry erkannte es nicht an. Er soll den modaltheoretischen Feind danach zum Duell gefordert haben. Dazu kam es dann aber nicht, denn Aubry starb bei einem Fechtunfall, mutmaßlich beim Training für die Begegnung. Unter den Kollegen kam der Verdacht auf, der in Depression verfallene Aubry habe sich in suizidaler Absicht in die Klinge des Gegners gestürzt.

Beck wurde daraufhin geschnitten, siedelte in die USA über und lehrte unter anderem an den Universitäten von Illinois und Philadelphia, wo er 1943 starb. Die Flucht hat ihm nichts genutzt. Die erste Auflage der Enzyklopädie Musik in Geschichte und Gegenwart, der ich diese Story verdanke, konstatiert subtil kritisch, »dass Becks Publikationen seit seiner Übersiedelung über das ›große Wasser‹ in Bezug auf Konsequenz des Denkens und Sauberkeit der Arbeit mehr zu wünschen übrig lassen als früher.«

Lieber Kendrick, lieber Drake und lieber Axel, vielleicht ist die kleine Geschichte aus der Geschichte ja eine nützliche Erinnerung daran, was bleibt, dereinst, wenn die Renditen des schnellen clickbaiting längst vergessen sind. Und die Musik in Geschichte und Gegenwart 2. Aufl. gibt’s ja auch schon online. Auch wenn der Artikel Hinterhäuser, Markus den Salzburger Intendanten noch gar nicht, und das Lexikon einen Brüggemann, Axel überhaupt nicht kennt: Kommt noch! ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹