Paavo Järvi zählt zu den umtriebigsten und interessantesten Dirigenten seiner Generation. Musikalisch bestimmen eine stete Neugier und gleichzeitig umsichtige Durchleuchtung der Werke seine Arbeit, wodurch seinen Interpretationen eine wohltuende Kombination aus Intellektualität und – wie im Falle Gustav Mahlers – berstender Spontaneität innewohnt. Öffentlich ist er neben seinen Dirigaten auch mit seiner klaren politischen Haltung gegen den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine anzutreffen, die er etwa bei Instagram täglich kundtut.

Geboren und aufgewachsen in Tallinn, musste er mit seiner Familie, zu der als Vater auch der Dirigent Neeme Järvi gehört, 1980 die Sowjetunion aus politischen Gründen verlassen. Gemeinsam emigrierten sie in die USA, wo Paavo Järvi seine Ausbildung bei Leonard Bernstein fortsetzen konnte. Nach Chefposten beim Cincinnati Symphony Orchestra und in Frankfurt beim hr-Sinfonieorchester gelang ihm 2009 mit seiner staubaufwirbelnden Gesamteinspielung aller Beethoven-Sinfonien mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen ein Meilenstein der Beethoven-Deutung. 2011 gründete er in seinem Heimatland das Estonian Festival Orchestra, mit dem er auch das jährlich stattfindende Musikfestival in der estnischen Hafenstadt Pärnu bestreitet, das zu einem Geheimtipp für die Musik des Baltikums geworden ist. Seit 2019 ist Järvi zudem Music Director des Tonhalle-Orchesters Zürich, mit dem er derzeit einen neuen Mahler-Zyklus aufnimmt und aktuell mit der 2. Sinfonie, der »Auferstehungssinfonie« durch die Konzerthäuser tourt. Ich treffe ihn in Köln.


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… studierte Musikwissenschaft, Germanistik und französische Romanistik in Köln und Paris. Seine Promotion schrieb er 2014 an der TU Dortmund, mit einer Arbeit über den Dirigenten und Komponisten Oskar Fried. Derzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Musik und Musikwissenschaft der TU Dortmund und leitet ein Forschungsprojekt über »Musik gegen Antisemitismus - zur Rolle der Musik bei Gedenkveranstaltungen«. 2025 veröffentlichte er eine Ausstellung zu Schostakowitschs...