Titelbild Kevin Hackert (CC BY-NC 2.0)

Aufnahmeprüfung geschafft – Feierei! Und dann? Dass im Musikstudium zwischen Probespiel-Vorbereitung, Stimmfächern, Übezelle und Wettbewerben zum Teil der Raum fehlt, um wirklich künstlerisch zu wachsen, eigene Wege zu gehen und für sich Alternativen zur Solo-Karriere zu entdecken, hören wir bei VAN immer wieder – zum Beispiel von Sängerin Wiebke Lehmkuhl. Geigerin Baiba Skride wunderte sich im Interview, dass man die Orchestertätigkeit an Deutschen Hochschulen im Vergleich zur Solo-Karriere als »Loser-Dasein« wahrnimmt. Und Cellist Maximilian Hornung bekam vom Orchesterspiel nach dem Studium Bauchschmerzen, vielleicht auch, weil »man in der kompletten Streicherausbildung nicht zum Orchestermusiker ausgebildet wird, sondern zum Solisten. (…) Dann ist man im Orchester und muss plötzlich etwas ganz anderes machen, als man das ganze Studium über gelernt hat.« Als ein erstes Herantasten an die Schieflagen – und Highlights – der Ausbildung in Deutschland haben wir uns an sechs Musikstudierende gewandt. Hier die Erfahrungsberichte. Weitere Erkundungen folgen.

Joosten Ellée (Geige)

… hat von 2011–2016 in Bremen bei Thomas Klug studiert. Jetzt hängt er noch ein Barockgeigen-Studium bei Petra Müllejans in Frankfurt dran. Er hat neben dem Studium das Kammerorchester ensemble reflektor mitgegründet, wo er Konzertmeister ist, und Aushilfen beim Freiburger Barockorchester und der Kammerphilharmonie Bremen gespielt.

Foto © Julia Schwendner
Foto © Julia Schwendner

»Die ersten ein, zwei Jahre habe ich in Bremen das gleiche Repertoire gespielt wie alle anderen Studenten bei allen anderen Geigenprofessoren auch – die ganzen Solo-Konzerte, damit man die Basic-Skills entwickelt. Thomas (Klug) hat uns Studenten aber keine Probespiele aufgedrängt. Er hat uns darin unterstützt, Mucken zu spielen oder andere Sachen zu probieren.

Thomas hat auch unser Hochschul-Kammerorchester geleitet. Wir haben da aber keine großen Sinfonien gespielt, weil es in Bremen keine Blech-Klassen gibt. Um Geld zu sparen, hat uns die Hochschule einen Strich durch die Rechnung gemacht, wenn wir romantische Sinfonien spielen wollten. Kammerorchester spielen ist wirklich speziell – es hat weniger damit zu tun, dass alle unglaublich gute Musiker sein müssen, sondern, dass die Sensibilität eine andere sein muss. Thomas war wahnsinnig motiviert, uns das beizubringen, aber die Kommilitonen sind nicht immer mitgezogen, hatten keine Lust.

Hochschulorchester haben grundsätzlich nicht den besten Ruf. Sie sind jedes Semester anders zusammengesetzt, es gibt darum keine längere Entwicklung, das kann frustrierend sein. Um Sensibilität im Orchester oder in der Kammermusik zu lernen, braucht man einen Klangkörper, auf den sich jeder, der mitspielt, wirklich einlassen will. Oder, anders gesagt: Wenn Studenten das nicht lernen können oder wollen, dann sollten sie nicht Musik studieren. Das ist, denke ich, schon ein Problem der Auswahl der Musikstudierenden in Deutschland. Die Aufnahmeprüfung guckt, genau wie das Probespiel für Orchesterstellen, zu wenig danach, ob jemand kreativ oder sozial kompetent ist. Es geht zu viel um den technischen Stand zu dem konkreten Zeitpunkt. Die Gefahr, sich eher Einzelkämpfer-Naturen ins Boot zu holen, steigt durch diese Art der Aufnahmeprüfung.

Im Musikstudium herrscht das Gefühl vor: Alle Zeit, die man nicht alleine in der Übezelle verbringt, um seine Solo-Konzerte zu üben, ist verlorene Zeit. Es gibt auch Lehrer – Thomas gehört nicht dazu – die keine Rücksicht darauf nehmen, wenn man mal bei einem Orchesterprojekt mitmacht und in der Zeit nicht 6 Stunden am Tag sein Tschaikowsky-Konzert üben kann.

Tschaikowskys Violinkonzert kann ich einfach nicht mehr hören, was schade ist, es ist ja keine schlechte Musik. Aber ich hab das Gefühl, dass ein gesunder Mensch nicht durch ein Geigenstudium gehen kann, ohne am Ende nicht mindestens ein Konzert nicht mehr ertragen zu können, weil man das so oft auch unmotiviert gespielt oder immer gleich hören musste. Das Repertoire im Musikstudium ist so eingeschränkt, was total lächerlich ist, weil es für Geige so unglaublich viel gibt. Aber wegen der Probespiele, bei denen man immer ganz bestimmte Stücke spielen muss, wird das unglaubliche Repertoire auf eine Handvoll Konzerte eingedampft, die dann jeder macht.

Es gibt Sachen, die man einfach lernen muss, Technik, Grundlagen, deswegen macht es schon Sinn, auch zum Solisten ausgebildet zu werden. Aber eben nicht nur. Und dieser »nicht nur«-Teil kommt einfach zu kurz. Das, was man im Orchester spielt oder in Kammermusikprojekten macht, ist bei vielen Lehrern kein Gegenstand im Unterricht. Da bespricht man Solo-Konzerte. Mit den Orchesterstellen, die nachher einen Großteil des Berufs ausmachen, und wie man die effizient lernt, beschäftigt man sich nicht.

Es gibt natürlich an jeder Hochschule auch ganz tolle Professoren. Es gibt aber auch ganz viele, die ihre Solisten-Karriere den Studenten vorziehen, bei denen man dann nur alle zwei Wochen Unterricht hat, weil der Lehrer die ganze Zeit auf Tournee ist.

Das ensemble reflektor habe ich mit Jakob (Nierenz, mit dem wir auch gesprochen haben, d. Red.) gegründet, weil wir neben Junger Norddeutscher und Junger Deutscher Philharmonie auch mal Beethoven-Sinfonien in kleinerer Besetzung spielen wollten. Für Streicher ist das einfach interessanter, wenn man das Gefühl hat, dass jeder gebraucht wird und auf der Stuhlkante sitzen muss.

Das ensemble reflektor stellt sich vor. Joosten kommt auch zu Wort.

Unsere Proben laufen so ab, dass wir uns erstmal als Orchester gemeinsam einspielen: Wir spielen mit Thomas (Klug), der auch das ensemble reflektor dirigiert, Orchesteretüden, Tonleitern, Rhythmusübungen, Zusammenspiel-Übungen. Da hat man das Gefühl: Man ist schon vor dem ersten Ton der Sinfonie ein richtiger Klangkörper. Das schafft eine ganz andere Haltung, als wenn sich jeder alleine einspielt und man im Orchester danach sofort als 40 Individuen mit dem Stück startet.

Was ich mir auch wünschen würde für die Ausbildung: Dass wir Musiker mit einer größeren Offenheit unterrichtet werden. Dass man nicht von vornherein andere Lebensmodelle ausschließt, dass sich zum Beispiel Pädagogik nicht immer anfühlt wie eine Niederlage. Instrumentalpädagogik ist unglaublich wichtig und unglaublich schwierig. Und trotzdem klingt es oft nach: Wenn ich keine Stelle im Orchester finde, dann unterrichte ich halt. Das ist total absurd.

Und: Es ist wahrscheinlich eine Krankheit unserer Zeit, dass Kommentare wichtiger sind als die Sache selbst. Aber mir tut das manchmal weh, mit was für einer Ungeduld Musiker, auch Studierende, über die vermeintliche Qualität eines Musikstückes urteilen wollen, oft bei zeitgenössischer oder Alter Musik, Pop oder Jazz, und dann diese Musik auch mit wenig Elan spielen. Es gibt diese Anekdote vom Cellisten und Komponisten Bernhard Romberg, dem Beethoven ein Cello-Konzert schreiben wollte und der meinte: Brauch ich nicht, ich komponiere das selbst viel besser. Man kann als Musiker bei der Einschätzung von Stücken völlig daneben liegen. Und wer will der Idiot sein, den nach 200 Jahren alle hassen, weil er dafür verantwortlich ist, dass es von Beethoven kein Cello-Konzert gibt?«

Lisa Ströckens (Sopran)

… studierte erst im Bachlor mit dem Schwerpunkt Gesang/Musiktheater an der Hochschule für Musik Saar und dann ab Frühjahr 2015 im Master »Neue Musik« bei Stefan Litwin, ebenfalls an der HfM Saar.

Foto © Kerstin Krämer
Foto © Kerstin Krämer

»Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man im Studium schnell festgelegt wird. Diese Kategorisierung der Stimmlage in ›lyrisch‹ oder ›dramatisch‹ fängt zum Beispiel ganz früh an. Ab dann muss man an einem bestimmten Repertoire arbeiten und bekommt diesen Tunnelblick: ›Ich muss auf die Opernbühne und da Karriere machen‹, das ist der ganze Horizont. Wenn man anfängt, über Alternativen wie zum Beispiel Chorgesang nachzudenken, fühlt sich das an wie Resignieren. Meine erste Lehrerin hat mich wahnsinnig früh in dieses große Puccini-Fach reingesteckt. Dabei wäre ich dafür noch nicht einmal jetzt so weit. Viele Lehrer haben den Anspruch, dass es sofort das riesige Fach sein muss, in dem man sich beweisen soll. Das ist weltfremd und ungesund, und so funktioniert das mit der Stimme auch nicht. Ich weiß nicht, warum an den Musikhochschulen in Deutschland die Stimmen so schnell reifen müssen. Es passiert in diesem System sehr häufig, dass man dem Lehrer gefallen will. Bis man sich traut, als Sängerin oder Sänger eine eigene Meinung zu haben, dauert es ewig. Ich habe mich in meinem Studium auf das Solistische eher hingeprügelt, Vorsingtrainings habe ich oft gemieden.

Es ist an der Hochschule ein Tabu, darüber zu reden, dass die Möglichkeiten, als Solistin oder Solist zu arbeiten, begrenzt sind. Natürlich wollen die Lehrer einem erstmal nicht die Motivation nehmen. Viele kennen aber oft auch den Markt überhaupt nicht mehr und haben keinen Plan, worauf sie einen loslassen. Außerdem träumen viele Lehrer davon, der beste zu sein und erfolgreiche Schüler zu haben. Wenn sie sehen, dass ein Student Talent hat, wollen sie sich profilieren und derjenige gewesen sein, der es gefördert hat. Ich war auch eine der Ersten an unserer Hochschule, die den Lehrer wechseln wollte. Das war ein absolutes Drama, weil jeder Professor an einem klebt.

Es wäre so schön, wenn auf die Fähigkeiten der Studenten individueller eingegangen würde, wenn es eine breit gefächerte künstlerische Ausbildung gäbe. Jetzt ist es so eng gefasst, das kann nicht funktionieren. Es gab während meines Bachelor-Studiums einen Kurs ›Selbstmanagement‹ mit einem Dozenten aus dem Finanzsektor. Das war der einzige Kurs, der überhaupt einmal den Blick dafür geöffnet hat, dass es auch noch etwas Anderes gibt. Es hat mir damals fast Angst bereitet, selber mal nachzudenken. Wir saßen da in diesem Kurs, lauter Sänger, die als Solisten ausgebildet werden, und dachten, ›toll, wie sollen wir das denn jetzt umsetzen, mit den Scheuklappen, die wir hier aufgesetzt haben?‹

Ich habe mich dann viel ausgetauscht mit Leuten aus dem Jazz oder der Pädagogik. Man kriegt dann schonmal mit, dass sich Projekte formieren, die alternativ denken. Aber das ist kein Angebot der Hochschule, es entsteht durch Gespräche und Eigeninitiative. Ich würde gerne mit Kunsthochschulen zusammenarbeiten, warum findet das nicht statt? Warum kooperieren die nicht? Also musste ich mir den Weg selber bahnen.

Nach meinem Bachelor bin ich in eine ziemliche Stimmkrise hineingeraten. Ich wusste nicht mehr, was ich mit der Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Da habe ich das Ziel ›Opernbühne‹ komplett losgelassen. Dieses ›das muss so sein‹ hatte in mir so einen Druck erzeugt, dass es kein Rechts-und-links-Gucken gab.

Ich habe in dieser Krise angefangen, mir meinen ganz eigenen Weg zuzugestehen, Gedanken zu haben wie, ›und wenn ich in einen Chor ginge, was wäre daran so schlimm?‹ Es war erleichternd, alternative Wege nicht als Resignation zu empfinden. Ich habe den Mut gefasst und mit einem befreundeten Kontrabassisten mein eigenes Projekt entwickelt.

Aus einer absoluten Perspektivlosigkeit heraus haben wir einfach das gemacht, worauf wir Lust hatten. Noch bei der Generalprobe vor ein paar Freunden dachte ich, ›du kannst einpacken, die denken du bist verrückt‹. Mein Blickfeld war so eingeschränkt von all den Verboten, die ich während meines Studiums zu hören bekommen habe, ›Lisa, du darfst in der Ausbildung nichts anderes singen außer Klassik, sonst tut das der Stimme nicht gut, das bremst dich nur‹, ›du musst schön geradeaus gehen, Lisa, du bist schon alt‹, ›du musst abnehmen‹, ›du darfst nicht so sein wie du bist, du musst dich irgendwie verändern‹. Erst bei der Premiere habe ich dann gemerkt, dass es total sein darf, weil ich mich zeige, wie ich bin, und worauf kommt es sonst an?«

Jakob Nierenz (Cello)

… startete in Bremen mit einem Cello-Studium bei Johannes Krebs. Während des Bachelors machte er zwei Jahre lang Praktikum bei der NDR Radiophilharmonie, spielte als Solocellist bei der Jungen Deutschen Philharmonie und gründete gemeinsam mit Joosten Ellée das ensemble reflektor. Dann ging er für einen Master bei Norman Fisher an die Shepherd School of Music, die zur Rice University (in Houston/Texas) gehört.

Foto © Heide Benser
Foto © Heide Benser

»Mein persönliches Ziel war es schon sehr früh, Orchestermusiker zu werden. Nach Bremen bin ich wegen meines Lehrers Johannes Krebs gegangen. Er hat mir nach einer Krise den Spaß am Cellospielen zurückgegeben, mir als Erster das Cello als das wirklich Schönste und Größte im Leben vermittelt, mich da einfach mitgenommen.

In Bremen war im Studium in Sachen Orchester nicht so viel los. Mir war klar, dass ich die wirklich wertvollen Orchester-Erfahrungen nicht an der Hochschule sammeln würde. Deswegen habe ich neben dem Studium bei der Jungen Deutschen Philharmonie gespielt, zwei Jahre lang Praktikum bei der NDR Radiophilharmonie gemacht und das ensemble reflektor mitgegründet. An der Hochschule hatten wir zwar eine Weile Thomas Klug als Dirigent, was wahnsinnig toll war, aber letztendlich ist das nicht nachhaltig, wenn man im Semester einmal eine Woche lang zusammenarbeitet. Es gab außer mir schon eine Handvoll Leute, die bei anderen Orchestern gespielt, Praktika gemacht haben. Aber viele hatten in Sachen Orchester auch einfach nicht mehr als das Angebot der HfK Bremen – unterm Strich nicht viel. Das hat mich immer gewundert, weil der Studiengang ja offiziell »Bachelor of Music, Künstlerische Ausbildung, Fachrichtung Orchesterinstrumente« heißt. Da sollte doch eigentlich ein Schwerpunkt auf dem Orchesterspiel liegen.

Dass der Fokus aufs Solospiel gerichtet wird, obwohl nur sehr, sehr wenige daraus eine Karriere machen können, ist auch an anderen deutschen Hochschulen so. Selbstverständlich ist das Solospiel wichtig, doch ich frage mich, ob das Verhältnis stimmt. Ich habe noch von keiner deutschen Hochschule mitbekommen, dass im Semester wirklich kontinuierlich am Orchesterspiel gearbeitet wird. Das kommt zu kurz.

Ich habe am Ende des Bachelorstudiums bei der Tanglewood-Orchesterakademie des Boston Symphony Orchestra mitgemacht. Mein Lehrer dort unterrichtet sonst in Houston, Texas. Der hat es mir sehr leicht gemacht, nach Houston zu kommen und bei ihm mein Masterstudium anzufangen – das hätte ich nie gedacht, dass ich mal in Texas lande! Obwohl ich Amerika-interessiert bin – meine Mutter ist Amerikanerin und ich habe auch die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Ich bin in Houston angekommen und der allererste Punkt war: Orchesterspiel, dreimal die Woche, durchgehend, Sinfonieorchester oder Kammerorchester. Es gibt da sechs verschiedene Konzertprogramme im Jahr, man erarbeitet immer eins sechs Wochen lang. Die Freiheiten, die ich in Bremen hatte, hatte ich dann nicht mehr. Ich hab allein meinen Hauptfachlehrer 3–4 Mal die Woche gesehen. Außerdem gab es jede Woche Kammermusik-Unterricht in einer Formation, die man frei wählen konnte oder in die man eingeteilt wurde, als fester Bestandteil des Curriculums.

Jakob Nierenz mit seinem Quartett bei einem Vorspiel an der Shepherd School of Music

Da habe ich gemerkt: Ok, so fühlt sich eine richtige Ausbildung an, mit harter Arbeit und vielen Stunden in der Hochschule, sieben Tage die Woche. Keine Zeit zum Zurücklehnen. Gerade das erste Semester war für mich ziemlich schwer – ein Kulturschock, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Hätte ich die Freiheit gehabt, dort zu tun, was ich will, wäre mein Studium sicher weniger effektiv gewesen. Als ich dann den Abschluss hatte, war es ein wirklich schönes Gefühl, ein richtiges Accomplishment. In Bremen dachte ich eher: Klar krieg ich meinen Bachelor, alles easy.

Nach Houston wollen viele nicht nur wegen der hervorragenden Lehrer, sondern wirklich wegen des besonders intensiven Orchesterprogramms. Da haben einfach alle wirklich Bock auf Orchester und es ist das klare Ziel, später irgendwo eine Orchesterstelle zu bekommen. Diesen Spirit, dass alle fürs Orchester brennen, fand ich total schön.

Jetzt, zurück in Deutschland, habe ich mit Barockcello angefangen und überlege, nochmal in die Richtung zu studieren oder vielleicht Kammermusik im Trio oder im Quartett. Ich mache gerade irgendwie alles, auch Probespiele, aber nicht nur, versuche, mir viele Möglichkeiten zu schaffen.«

Helene Haspelmann (Horn)

… studiert seit 2013 Horn bei Paul van Zelm an der HfMT Köln und spielt nebenher regelmäßig Mucken.

»Ich bereite mich gerade auf ein Probespiel vor – die Probespielstellen- und Stücke machen wir im Unterricht sehr intensiv. Das sind diesmal acht Orchesterstellen und ein Solostück. Es gibt hier an der Hochschule außerdem extra Probespieltraining, nicht jede Woche, aber wenn ich in der Richtung Unterstützung brauche, kann ich meinen Probespiel-Lehrer, der ansonsten in Wuppertal spielt, kontaktieren und dann versucht er, mehrere Studierende zusammenzuziehen und ein Probespiel zu simulieren. Jeder spielt dann in der ersten Runde zum Beispiel Mozart- oder Strauss-Hornkonzert, in der zweiten Runde 5–6 Orchesterstellen und dann gibt’s Feedback. Beim Probespiel kommt natürlich die Nervosität und die große Konkurrenz dazu, das kann man eigentlich nicht richtig simulieren.

Mein Horn-Professor hat mal gesagt: ›Du musst so spielen wie alle anderen, nur besser.‹ Für die Orchesterstellen und Solostücke gibt es eine bestimmte, anerkannte Vorstellung, was zum Beispiel Tempo und Lautstärke betrifft. Das muss man dann auch im Probespiel so bringen. Man kann versuchen, mit seiner Spielweise und Gestaltung so viel Persönlichkeit wie möglich reinzubringen, aber in einem sehr engen Rahmen.

Bei Hornisten gibt’s es die Solokarriere eigentlich nicht. Als Hornist hat man auch Soloauftritte, aber man studiert, um eine Stelle im Orchester zu bekommen – oder um zu unterrichten. Bei uns kann man sich im künstlerischen Studiengang nach dem vierten Semester entscheiden, ob man als Profil Instrumentalpädagogik oder Orchester wählt. Ich finde das gut, dass man da die Wahl hat.

Mit den Nebenfächern ist das so eine Sache: Es kann schon manchmal stressig sein. Aber wir können als Musikstudenten nicht nur üben und vorspielen – was wär das denn für ein Studium? Meine Mutter, die in den USA Horn studiert hat, hat mir erzählt, dass sie im Rahmen des Musikstudiums auch Französisch-Unterricht hatte und ganz andere Fachbereiche, aber das ist hier, glaube ich, gar nicht üblich.

Natürlich muss man auch Theorie, Musikgeschichte und Musikwissenschaft machen, mal im Chor singen und in meinem Fall pro Semester eine Orchester-Arbeitsphase mitmachen. Die dauern je nach Programm ca. ein bis drei Wochen. Das ist natürlich nicht viel Zeit, um eine Gruppe zu bilden, es sind ja jedes Mal neue Leute, die teils auch unterschiedlich vorbereitet sind.

Ich hatte schon sehr spaßige und lehrreiche Hochschulorchester-Phasen. Das hängt immer von der Gruppendynamik ab. Die Motivation ist nicht unbedingt überall gleich groß. Wir Bläser reißen uns bei bestimmten Programme fast drum, im Hochschulorchester spielen zu dürfen. Aber Engagements und Mucken außerhalb der Hochschule bringen auch sehr viel an Erfahrung.«

Friedemann Slenczka (Bratsche)

… hat seinen Bachelor an der UdK in Berlin bei Hartmut Rohde gemacht und studiert seit 2016 im Master bei ihm. Er ist außerdem Solo-Bratscher der Jungen Norddeutschen Philharmonie, komponiert und dirigiert.

»In meinem Studium an der UdK habe ich nicht das Gefühl, dass das Orchesterspiel oder Kammermusik vernachlässigt werden. Für Ensemblespiel bekommen wir Unterricht vom Artemis Quartett. Wir müssen uns zwar selber Formationen suchen, können das Quartett dann aber jederzeit um Unterrichtsstunden bitten. Beim Orchesterspiel haben wir die Möglichkeit, einmal die Woche Unterricht zu nehmen für die Orchesterstellen, die man für ein Probespiel braucht. Unser Lehrbeauftragter, Matan Gilitchensky, ist Solo-Bratschist der Dresdner Philharmonie, der weiß genau, worauf es da ankommt. Dadurch, dass einem sonst der Rücken ziemlich freigehalten wird und viel auch in Blockseminaren angeboten wird, kann man beliebig viel Zeit in das hineininvestieren, worauf man Lust hat, und selbst entscheiden, wie man sein Studium gestalten will.

Verbessern würde ich für die Ausbildung zum Orchestermusiker vielleicht das Repertoire, das wir im Hochschulorchester spielen. Meistens machen wir da diese sinfonischen Schlachtrösser wie Mahler. Das Problem dabei ist, dass man unglaublich viel Zeit braucht, zur Musik vorzudringen, weil viele ein bisschen unmotiviert rangehen und jeder ein unterschiedliches Niveau mitbringt. Es dauert dann lange, bis überhaupt die Töne stimmen, weil es auch schwere Stücke sind. Und dann ist das ein Riesenapparat, in dem man sich selbst kaum hört. Es macht Spaß, diese Stücke am Ende zu spielen, aber es ist auch ein bisschen Zeitverschwendung. Da fände ich es viel interessanter, Leute einzuladen, die sich zum Beispiel auf Barockmusik, Klassik oder zeitgenössische Musik spezialisieren. Bei einer Haydn-Sinfonie kommt man schneller an die Feinheiten ran und kann etwas lernen über Formen und wie Orchesterspiel funktioniert, statt immer in diesen riesigen Klangwolken zu verschwinden.

Im Einzelunterricht kommt es stark darauf an, bei wem man studiert. Bei meinem Professor, Hartmut Rohde, habe ich nicht das Gefühl, dass er eine Laufbahn als Orchestermusiker weniger wertschätzt als eine Karriere als Solist. Er geht sehr individuell darauf ein, was die Studenten wollen und bereitet sie dann darauf vor. Außerdem denke ich, dass das Niveau von den guten Orchestern mittlerweile so hoch ist, dass man dort auch bei den Bratschen fähig sein muss, das solistische Repertoire auf einem hohen Niveau zu spielen, um nicht aus der Gruppe rauszufallen.

Ich kenne den Vorwurf von Orchestermusikern, dass sie im Studium nicht das gelernt haben, was sie im Job brauchen. Aber bei uns hat jeder selbst die Möglichkeit zu entscheiden, wie viel Wert man worauf legt. Ich profitiere sehr davon, dass mir dieser Spielraum gelassen wird. Ich weiß immer noch nicht genau, wohin der Weg für mich geht. Solange ich Musik mache, geht’s mir gut und ich bin am richtigen Fleck. Ich bereite mich auf Wettbewerbe vor, kann mir aber auch ein gutes Leben als Bratscher in einem Orchester vorstellen.

An der UdK ist man sehr stark sich selbst überlassen, es hängt von jedem Einzelnen ab, wie man sein Studium gestaltet. An anderen Hochschulen wie der Hanns Eisler bekommt man am Anfang des Semesters einen Stundenplan, wo genau draufsteht, welche Kurse man an welchem Tag zu machen hat. Bei uns kann man immer aus einem Riesenangebot an Fächern wählen. Leute, die gerne selber gestalten, profitieren davon. Die, die eher das vorgesetzt bekommen wollen, was sie auf einen bestimmten Berufsweg vorbereitet, sind an der Hanns Eisler vielleicht besser aufgehoben. Es gibt ja unter Musikern viele, die immer auf einer Spezialschule waren und mit Scheuklappen durch die Welt gehen, die sind von dem Angebot vielleicht eher überfordert.«

Anne-Sophie Bereuter (Geige)

studiert ebenfalls an der UdK in Berlin (bei Nora Chastain), spielt im Stegreif-Orchester und bei der Kammerakademie Potsdam.

»Ich glaube, die Frage, ob man während des Studiums genügend auf das Orchesterspiel vorbereitet wird, hängt ganz stark davon ab, welchen Hauptfachlehrer man hat. Die oder der ist ja die Bezugsperson im Studium, und da merke ich ganz gravierende Unterschiede. Bei mir in der Klasse haben wir beispielsweise eine Assistentin, die bei den Berliner Philharmonikern spielt und in ihrem Leben schon so viele Proben und Probespiele gemacht und miterlebt hat, dass sie einfach weiß, wie der Einstieg ins Orchester funktioniert und wie Orchesterproben laufen. Es gibt auch Professoren, die sagen: ›Wenn du ein guter Solist werden willst, muss du genauso gut Kammermusik spielen können, weil es bei beidem darauf ankommt, dass man lernt, sich gut zuzuhören.‹ Klar, wenn jemand einfach nur Solist werden will, dann wird vielleicht darauf geachtet, mehr Repertoire durchzuballern. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass das Motto ›wenn du nicht weißt, was du machen sollst, geh ins Orchester‹ noch sehr verbreitet ist. Ich glaube, den Leuten ist auch einfach bewusst, wie schwierig es mittlerweile ist, überhaupt in ein Orchester zu kommen.

Vieles hängt natürlich von der eigenen Einstellung ab. Wenn man mehr vom Orchester- oder Ensemblespiel mitkriegen möchte, dann schafft man das auch. Wir haben an unserer Hochschule zum Beispiel ›Orchesterstellen-Unterricht‹. Einmal im Semester gibt es außerdem eine Art ›Orchesterstellenvorspiel‹ gegenüber Kollegen und einen gemeinsamen ›Orchesterstellen-Ensemble-Unterricht‹, in dem wir dann mit zwölf Geigen dahocken und die schwierigen Stellen der Literatur durchfiedeln. An sich nicht schlecht als Vorbereitung für die ersten Erfahrungen in einem professionellen Orchester.

Bei unseren Hochschulorchesterprojekten haben nur sehr wenige einen Realitätsbezug, dafür ziehen sie sich zu sehr in die Länge. Es gibt meistens zwei bis drei Projekte pro Semester. Die Erarbeitung dauert je nach Werk von einer Woche bis zu zweieinhalb Wochen. Das führt dann leider auch dazu, dass viele sich nicht vorbereiten, weil sie denken: ›Wir haben ja eh noch zwei Wochen, um das zu lernen‹. So kommt nicht viel dabei rum. Viele sind dementsprechend auch nicht sehr motiviert. Die meisten, die da sitzen, möchten später im Orchester spielen, weshalb es schade ist, dass das nicht richtig ernst genommen wird.

Meistens wird bei den Orchesterprojekten Standardrepertoire gemacht, nach dem Motto: ›Ihr müsst alle mal Mahler spielen‹. Das finde ich auch schön, es könnte aber etwas mehr Vielfalt geben. Da wir immer ein zusammengewürfelter Haufen sind und das Niveau sich untereinander stark unterscheidet, liegt die Hauptarbeit erstmal darin, Töne zu sortieren und zu gucken, dass es halbwegs übereinander passt. Das wird dem musikalischen Anspruch, den manche, so wie ich, haben, meistens nicht gerecht.

Früher habe ich mal gedacht, ich will gar nicht ins Orchester. Das hat sich jetzt komplett gewendet. Ich habe einfach gemerkt, dass man auch dort individuell musikalisch aktiv sein kann, wenn man möchte. Das war mir vorher nicht ganz so bewusst. Ich dachte, man steht dann unter der Fuchtel und hat gar nichts mehr zu sagen, gerade als Tutti-Schwein. Aber dadurch, dass ich jetzt sehr viel im Kammerorchester spiele, bei Stegreif und in der Kammerakademie Potsdam, geht es bei mir absolut in Richtung Ensemblespiel.

Das Stegreif-Orchester, u. a. mit Anne-Sophie

Ich liebe es, in kleinen Besetzungen zu spielen, das ist mein Ding. Ich hätte am liebsten eine 50%-Stelle irgendwo an einem festen Haus, von mir aus auch in einem Kammerorchester. Nebenbei würde ich gerne Sachen machen wie Stegreif, Klaviertrio, Quartett, Kinderkonzerte – breitgefächert.

Diese individuellen Erfahrungen außerhalb der Hochschule sollten mehr gefördert werden. Viele Studenten müssen tolle Projekte absagen, weil sie Hochschulorchesterdienste sammeln oder Seminare besuchen müssen. Das schränkt sie manchmal ein. Dabei ist es ja genau das, was einen vorbereitet aufs Berufsleben: Es gibt nichts Besseres, als in der Realität Erfahrungen zu sammeln.« ¶