Seit den Anfängen der Musikwissenschaft als akademischer Disziplin im 19. Jahrhundert haben nur wenige Wissenschaftler_innen das Feld so nachhaltig beeinflusst wie Susan McClary. Sie ist vielleicht am besten bekannt für ihre zentrale Rolle in der »New Musicology«, der Bewegung der späten 1980er Jahre, die dafür kämpfte, soziale, politische und kulturelle Analysen in die Musikwissenschaft einzubinden. Und so ist sie sicherlich keine Unbekannte in Kritik und Kontroverse. Obwohl auch die Namen anderer Musikhistoriker_innen und – Theoretiker_innen eng mit der Bewegung verknüpft sind, ist es McClarys Buch Feminine Endings: Music, Gender, and Sexuality, das oft als bahnbrechender Text angesehen wird, der eine »disziplinäre Explosion« ausgelöst hat, wie McClary es selbst beschreibt. Seitdem hat sie die westliche Musik immer wieder aus verschiedenen Perspektiven kritisch hinterfragt, angefangen bei ihrer kontrovers aufgenommenen Behauptung über sexuelle Spannung in Beethovens Neunter bis hin zu Geschlechterdarstellungen in der Musik von Kaija Saariaho und Beyoncé. Heute ist das, was damals »New Musicology« war, einfach Musikwissenschaft. War es einst eine Disziplin, die innerhalb der Grenzen des Empirismus und des historischen Positivismus gefangen war, hat der Mainstream der Musikwissenschaft endlich – wenn auch nicht ohne Kontroversen – die kulturwissenschaftlichen Methoden integriert, die McClary und andere vor drei Jahrzehnten eingeführt hatten. Sie und ihre Kolleg_innen haben nicht nur einige der am meisten gelesenen und zitierten Texte auf diesem Gebiet geschrieben, sondern auch eine ganze Generation von Musikwissenschaftler_innen inspiriert, die die Musik in ihre jeweiligen politischen und sozialen Kontexte einordnen wollen. McClarys Arbeit hat für sich genommen einen wesentlichen Beitrag zur akademischen Auseinandersetzung mit Musik geleistet – sie hat jedoch auch einen tiefgreifenden Einfluss auf die musikalische Performance und Interpretation. McClary hat uns gezeigt, dass Musik tanzen kann, atmet, spricht und sich in unseren eigenen, subjektiven Realitäten bewegt; dass sie immer an ihre historischen Kontexte und die menschliche Erfahrung gebunden ist und war.
Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.
Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv
VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.
