Die Staatsoper Hannover hat in Kooperation mit dem Schauspiel der Stadt den Mordfall Halit Yozgat als Oper auf die Bühne gebracht. Halit Yozgat war das neunte und letzte Opfer der rassistischen Mordserie des NSU; er wurde am 6. April 2006 und damit zwei Tage nach Mehmet Kubaşık in Dortmund in Kassel in seinem Internetcafé erschossen. Die Familie Yozgat fordert seitdem die Umbenennung der Holländischen Straße in Halit Straße als Erinnerung an den Ort, an dem Halit geboren und an dem er von Nazis ermordet wurde; und sie fordert eine umfassende Aufklärung des Tathergangs, der trotz fünfjährigem Gerichtsverfahren am OLG München und einem vierjährigen parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Hessen weitgehend im Dunkeln liegt. Denn: Zur Tatzeit war ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes im Internetcafé anwesend, Andreas Temme, der zugleich auch V-Mann-Führer für militante Neonazis war. Er meldete sich nicht bei der Polizei, sondern musste ermittelt werden und galt zunächst als Hauptverdächtiger. Auf Intervention des hessischen Innenministers Volker Bouffier wurden die Ermittlungen jedoch eingestellt, die dazugehörigen Akten wurden geschlossen, schließlich als »streng geheim« eingestuft und für Jahrzehnte unter Verschluss genommen.

Die Kasseler Initiative 6. April hatte 2017 im Rahmen des zivilgesellschaftlichen Tribunal »NSU-komplex auflösen« das Londoner Institut »Forensic Architecture« beauftragt, eine kriminologisch-forensische Untersuchung des Tathergangs in einem eigens dafür von den Wissenschaftler:innen nachgebauten Modell des Internetcafés durchzuführen. Diese multisensorischen Tests konnten beweisen, dass der Verfassungsschützer Andreas Temme vor Polizei, Gericht und dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss gelogen hatte, als er behauptete, von den Todesschüssen beziehungsweise dem Mord nichts mitbekommen zu haben.

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Der Klangkünstler Ben Frost hat diese Ermittlung zum Gegenstand einer Oper gemacht, indem er das Modell des Internetcafés auf der Bühne nachbauen ließ und die Schauspieler:innen und Sänger:innen entlang des 9,5-minütigen Ablaufprotokolls von Forensic Architecture platzierte. In der laborartigen Anordnung der Figuren treten die Abläufe der Versuchsreihen repetitiv zum Vorschein, begleitet von sich wiederholenden Gesängen und einer fast schon brutalen Klangkulisse.

Die Oper erneuert damit die bittere Erkenntnis von der Unmöglichkeit, den erbrachten Beweis für die mutmaßliche Involviertheit eines Staatsbeamten in diesen Mord in das öffentliche Bewusstsein zu bringen und juristische Konsequenzen oder zumindest einen gesellschaftlichen Aufschrei zu evozieren. Dieser staatspolitische Abgrund, der den gesamten NSU-Komplex durchzieht und den die Vorsitzende des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses Dorothea Marx (SPD) »staatlich betreutes Morden« nannte, öffnet sich auch in der Opern-Inszenierung von Ben Frost. Das Stück erzeugt weder erregende Schaulust am Verbrechen, noch das Gefühl einer kathartischen Reinigung einer deutschen Mehrheitsgesellschaft, die jahrelang wegschaute – nicht nur als die Mord- und Anschlagsserie gegen die migrantischen Lebenswelten in diesem Land lief, sondern auch, als die behördliche und mediale Opfer-Täter-Umkehr  bis zur Selbstenttarnung des NSU 2011 die angegriffenen Migrant:innen und ihre Angehörigen als alleinige Verdächtige dieser Verbrechen behandelte und ihnen die dringend notwendige Solidarität versagte. Vielmehr erzeugt das Stück Erschöpfung und hinterlässt das Publikum »ratlos und beschädigt und mit der quälenden Gewissheit, dass über die behördlich verordnete Ungewissheit das letzte Wort noch lange nicht gesprochen ist«, wie die taz treffend schreibt

Fünf Jahre nach dem NSU-Tribunal und vier Jahre nach der Urteilsverkündung am OLG München ist es das Verdienst dieser Oper, den Mord an Halit Yozgat der drohenden Vergessenheit zu entreißen und den bis heute konsequenzlosen Abgrund, den der NSU-Komplex bedeutet und der noch immer fortwirkt, erneut schmerzvoll in unser Blickfeld zu rücken. Die Oper ist dabei ein Rahmen, der im Gegensatz zum (postmigrantischen) Theater oder dem neuen deutschen Kino in der Regel noch weit entfernt von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen steht, und mutet dessen Publikum einiges zu.

Damit reiht sich Hannover in die lange Liste der Kulturinstitutionen ein, die den NSU-Komplex künstlerisch bearbeitet und inszeniert haben. Grundsätzlich lassen sich dabei zwei fast gegensätzliche Annäherungsweisen unterscheiden: Während zunächst nach der Selbstenttarnung eine Reihe von Theaterstücken und Filmen erschien, die versuchten, das Innenleben der Täter:innen zu verstehen und sich ihnen – oft identifikatorisch – näherten, setzten sich mit den zahllosen Interventionen von Betroffenen und solidarischen Initiativen auch im künstlerischen Bereich allmählich die Perspektive der Opfer durch. Theaterstücke wie Urteile, Die Lücke, NSU-Monologe und Warum musste Theo sterben? , Filme wie Der zweite Anschlag, Der Kuaför aus der Keupstraße oder Spuren – Die Opfer des NSU, ebenso wie Ausstellungen wie Offener Prozess, Kein Schlussstrich und Erinnerungsorte wie die documenta 14 und viele mehr kontaktierten die Familien der Ermordeten, lernten sie kennen und versuchten, die Geschichten ihrer Einwanderung, ihres Lebens unter den Bedingungen der Entrechtung und Ausbeutung, schließlich ihren Schmerz über den Verlust ihrer Ehemänner, Väter, Brüder sowie ihren Kampf um Erinnerung und für Aufklärung in die Öffentlichkeit zu tragen.

Foto © Sandra Then

Die Oper in Hannover ist einen anderen Weg gegangen, in dem sie sich auf die Rolle von Andreas Temme in dem Mord an Halit Yozgat konzentriert. Glücklicherweise inszeniert das Stück dabei weder eine voyeuristische Nähe zu den Tätern, jedoch leider auch kein Verständnis für das Leben des Opfers. Stattdessen stellt es die brennenden offenen Fragen zum Kasseler NSU-Mord, deren Beantwortung nicht zuletzt die Familie Halit Yozgats seit nunmehr 16 Jahren vehement einfordert. Dennoch erntete die Oper  aus migrantischer Perspektive Kritik für das Auslassen der Perspektive der Betroffenen, die eben viel mehr als nur Opfer sind (immerhin öffneten sich die beiden Häuser der Debatte auf einer kritischen Diskussionsveranstaltung). Nur im Verständnis ihres Ringens um einen inklusiven Platz in dieser Gesellschaft wird die exkludierende Gewalt, die ihnen angetan wurde und wird, begreifbar. Die Bewirtschaftung militanter Neonazistrukturen durch bezahlte V-Personen des Verfassungsschutzes kann erst dann mehr als ein bloß moralischer Skandal sein, wenn begriffen wird, auf was diese fortgesetzte und strukturelle Gewalt seit Jahrzehnten reagiert: auf das Ringen von Migrant:innen gegen Rassismus und Ausbeutung und für ein Leben in Würde und mit gleichen Rechten. Nicht die Ästhetisierung dieses Mordes ist also problematisch – sondern das Fehlen einer Ästhetik der Trauer und Wut. Was der Staatsoper Hannover jedoch sehr gut gelingt, ist, mit allen Kräften der Tendenz der Ignoranz oder des Weghörens zu widersprechen. Stattdessen schafft sie genau dort Unruhe, wo viele von staatlicher Seite sich Ruhe und ein Ende des Aufbegehrens der Opfer zu wünschen scheinen. Das ist die Leistung des Stücks von Ben Frost.

Die Staatsoper Hannover bringt mit ›Der Mordfall Halit Yozgat‹ eine Oper über einen NSU-Mord auf die Bühne. Was sie leistet und was sie übersieht, schreibt Massimo Perinelli in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Aber: Wer sich dem NSU-Komplex ernsthaft zuwenden will und dies sogar im Namen der Opfer tut, muss auch ihrem Leben jenseits ihres Todes eine Rolle beimessen. Der Mordfall Halit Yozgat ist verbunden mit dem unermüdlichen Kampf der Familie Yozgat um Erinnern, Aufklären und Gerechtigkeit, der bereits 2006 mit der Demonstration Kein 10. Opfer in Kassel begann. Auch diese Oper ist Ausdruck dieses Kampfes – in ihrer beeindruckenden Inszenierung sollte sie dieses Erbe indes kenntlich machen. ¶


Massimo Perinelli (Referent für Migration der Rosa-Luxemburg-Stiftung) moderierte im Vorfeld der Uraufführung der Oper Der Mordfall Halit Yozgat am Staatstheater Hannover eine Podiumsdiskussion mit Vertreter:innen aus Kunst und Aktivismus zur Frage »Ein Musiktheaterstück über den NSU-Komplex – (wie) geht das (gut)?«

Massimo Perinelli

…ist Historiker. Er lebt und arbeitet als Referent für Migration bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. Er ist Mitglied von Kanak Attak, Mitbegründer der Initiative »Keupstraße ist überall« und hat das Tribunal »NSU-Komplex auflösen« mitinitiiert.