Prolog, 1995

Mit siebzehn erwarb ich eine Klassik-CD für 29,90 DM bei JPC im Bielefelder Jahnplatztunnel. Vom Cover blickte ein Cellist mit dem undurchdringlichen Hauch eines Lächelns: in schwarzer Kluft undefinierbaren Materials, mit grauen Schläfen und nach hinten gegelter glänzender Lockenmatte, die aussah wie Bandsalat. Ein Anblick zwischen byzantinischer Christus-Ikone und Frank Zappa. Der Cellist hieß Mischa Maisky und das Album »Adagio«.

Cello – das war bis dahin meine Lehrerin an der örtlichen Musikschule, die bei jedem falschen Ton den Klavierdeckel knallen ließ und immer kurz vor der Handgreiflichkeit stand. Die immer betonte, dass sie eigentlich zu Höherem berufen wäre, »wenn die Berliner Philharmoniker zu meiner Zeit schon Frauen aufgenommen hätten«. Stunden des übelgelaunten Übens, in denen ich eigentlich lieber weiter Fußball gespielt hätte.

Überhaupt war damals anderes viel relevanter. Arbeiterjugendzentrum, Rauschmittel und erste Male; die endlose Frage: was geht, was geht nicht? Was ist links, was ist rechts? Gelbe, weiße, rote Schnürsenkel. Die Suche nach Authentizität und der Frust darüber, dass sie nirgendwo zu finden war. Take the Power Back und Ich-Maschine.

Auf Adagio hießen die Stücke »Nocturne«, »Chant du ménestrel«, »Silent Woods« und »Elégie«. Der Sound war kein karges vertrocknetes Röcheln wie bei meinen eigenen Versuchen. Es war irgendwie alles drüber, zu viel Hemmungslosigkeit, Nähe und Pathos – und vermutlich erschien mir gerade deshalb »mein« Instrument auf einmal nicht mehr als ein totes Stück gehobeltes Holz, sondern als etwas, was dem Unsagbaren Ausdruck verlieh. Und diese Intimität war erholsam. Nur ich, der Schwan und der undurchdringliche Cover-Boy.

Waterloo, 2013

Zwanzig Jahre später, an einem frühtrüben Oktobermorgen, stehe ich mit unserem Fotografen Tobias Stäbler vor einer meterhohen Hecke aus Laubbäumen. Über uns ein Wolkenteppich aus matt glänzendem Stahl, und irgendwo jenseits der Hecke wohnt Mischa Maisky. Wir sind in Waterloo, 30 Kilometer westlich im Speckgürtel von Brüssel. Napoleon, Charthits, Bahnhöfe. Heute wohnt hier Brüssels kosmopolitische Business Community in langen Straßen mit hohen Hecken, SUV-Carports und parkähnlichen Gärten.

Wir sind zu früh, und ich denke über die Kollateralschäden nach, die passieren können, wenn man alte Helden trifft. Aber eigentlich war Maisky nie Held, sondern blieb immer das undurchdringliche Coverbild, eine Art Käpt’n Iglo, mit dem ich nicht viel mehr verband als sein schönes Cellospiel.

Wir gehen den kleinen Kieselsteinweg hoch zum Eingangstor. Ein Klingelschild ohne Namen, ein Summen, das Tor gleitet zur Seite. Eine große Einfahrt, dahinter die moderne zweistöckige Villa, viel Glas und Beton, große Fenster, die lichte Architektur der frühen Nullerjahre. Vor dem Haus thront ein riesiger Steinbuddha. Und dann macht das CD-Cover persönlich die Tür auf.

Der erste Eindruck: Er wirkt jünger als 65. Vielleicht liegt es daran, dass die Markenzeichen immer noch vorhanden sind: die mittlerweile schlohweiße Löwenmähne, der akkurat gestutzte Bart, das chinesische Seidenhemd. Und dann stellt sich schnell Erleichterung darüber ein, dass es sich anscheinend um einen durch und durch netten und gastfreundlichen Mann handelt, der sich höflich nach der Anreise erkundigt, uns unbeholfen Pantoffeln anbietet und sich dafür entschuldigt, eventuell noch etwas derangiert zu sein: »Ich bin erst spät von einem Konzert aus Italien zurückgekommen«. Gleich im Flur, gefährlich nah am Abgrund der Kellertreppe, steht der Kasten mit seinem millionenteuren venezianischen Montagnana-Cello aus dem 18. Jahrhundert. Seine größere und jüngere Frau Evelyn begrüßt uns, aus der Küche ertönt Babygeschrei. Der jüngste Sohn der beiden, Mattheo, ist gerade sieben Monate alt, die zwei älteren, Maxim und Manuel, sind schon in der Schule. Heute ist Halloween, und Maisky erzählt von morgendlichen Tumulten bei der Kostümwahl. Am Ende hat sich Maxim als Messi und Manuel als Spiderman verkleidet.

Wir treten in das studioartige Wohnzimmer – helle Parkettdielen, mehrere Sitzgruppen, ein barocker weißer Vogelkäfig – und setzen uns unter ein riesiges Faksimile der Allemande aus Bachs 6. Cello-Suite in der Abschrift von Anna Magdalena. Maisky flucht über die Schikanen von Alitalia beim Cello-Transport, wo mittlerweile die Buchung von drei Extra-Sitzplätzen für ein Cello verlangt wird. Im Hintergrund knarzen die Papageien im Käfig; beim späteren Abhören der Aufnahme klingt Waterloo wie eine Zoohandlung samt Kauz, der Englisch mit russischem Akzent singt. Zeit für ein Gespräch.

Klasse 19 und nicht weiter – Vorleben

Als Mischa Maisky am 7. November 1972 morgens um 9 Uhr am Wiener Hauptbahnhof ankommt, feiert man 2.000 Kilometer östlich, wo er tags zuvor aufgebrochen ist, gerade den 55. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution mit einer großen Militärparade. Er ist 24 und sein erstes Leben ist zu Ende.

Geboren 1948 im damals sowjetischen Riga, fängt Maisky mit acht Jahren an, Cello zu spielen. Mit 14 zieht er alleine nach Leningrad (St. Petersburg), um am dortigen Konservatorium zu studieren. Während seiner Vorbereitung auf den nationalen Cello-Wettbewerb der UdSSR von 1966 stirbt sein Vater überraschend an Krebs. Als er von der Beerdigung zurückkommt, ist Mstislaw Rostropowitsch gerade in der Stadt, um am Konservatorium offene Unterrichtsstunden zu geben. Auch Maisky wartet in der Schlange, um ihm vorzuspielen. Dem Übervater für mindestens eine Cellisten-Generation, dem einflussreichsten Cellisten des 20. Jahrhunderts, für den eigens ein ganzes Cellorepertoire komponiert wurde. Endlich an der Reihe erzählt Maisky ihm vom Tod seines Vaters und seinen Zweifeln darüber, ob er den anstehenden Wettbewerb überhaupt spielen kann. Der Lehrer lässt eine Flasche Wodka kaufen, bittet alle den Raum zu verlassen und pflanzt Maisky vor sich hin. »Ich musste mit ihm trinken und er sprach eine Stunde lang auf mich ein. Über sein Leben, darüber wie er seinen Vater verloren hat, als er noch jünger war als ich.« Und er teilt Maisky mit, dass der den Wettbewerb spielen müsse, im Andenken an den Vater. Maisky spielt und wird Dritter; als er ein Jahr später Sechster beim Tschaikowski-Wettbewerb wird, nimmt Rostropowitsch ihn in seine legendäre »Klasse 19« am Moskauer Konservatorium auf.

Die Unterrichtsstunden im 3. Stock gleichen öffentlichen Happenings: Gäste drängeln sich in den engen Raum, um der launischen Legende beim Unterricht zuzusehen, der im emotionalen Überschuss zwischen Ausgelassenheit und strengen Verhören oszilliert. Die Schülerinnen und Schüler sitzen aufgereiht auf einer Bank wie beim Turnunterricht, voller Unsicherheit, wer als nächstes vorspielen muss. Und wen gerade welche Stimmung der Diva trifft. Zu Maisky aber hat Rostropowitsch eine besondere Beziehung, er hilft ihm auch finanziell mit einem monatlichen Stipendium. Vier Jahre bleibt Maisky Schüler am Konservatorium; währenddessen macht er eine erste Konzerttournee durch die UdSSR. Es ist 1970, Maisky ist Anfang 20 und der Weg scheint geebnet für eine große Solokarriere.

Camille Saint-Saëns, Cellokonzert Nr. 1 a-Moll op. 33. 1. Satz Allegro non troppo Orpheus Chamber Orchestra, Mischa Maisky (Cello)

Ein direkter Beitrag zum Aufbau des Kommunismus

Seit seine Schwester ein Jahr zuvor nach Israel emigriert ist, ist Maisky allerdings – als Jude in der UdSSR ohnehin misstrauisch beäugt – in das Visier der Staatsmacht geraten. Er braucht Ersatz für seinen kaputten Sony-Kassettenrekorder, mit dem er den Unterricht bei Rostropowitsch aufnimmt. Solche sind allerdings nur in den Devisenläden Berjoska verfügbar – für die man als Sowjetbürger einen speziellen Ausweis benötigt. Prompt wird dieser Maisky als Fälschung auf dem Schwarzmarkt angeboten, und beim Einlösen im Berjoska wird er festgenommen. Eine vermutlich fingierte Aktion. »Mein Anwalt, der mir alibimäßig zwei Tage vor dem Prozess zugeteilt wurde, sagte mir: Viel Glück, hoffen Sie darauf, dass der Richter gut geschlafen hat«. Eigentlich stehen auf Devisenvergehen mindestens 3,8 Jahre, doch er wird nur zu 18 Monaten verurteilt.

Vier Monate sitzt er zunächst in einem Moskauer Gefängnis, dann zwölf Monate in einem Arbeitslager in der Nähe der Stadt Gorki, heute Nischni Nowgorod. Dort muss er täglich fünf Tonnen Zement schaufeln für eine Papierfabrik des Parteiorgans Prawda, »ein sehr direkter Beitrag zum Aufbau des Kommunismus«, wie Maisky sarkastisch scherzt. Zeit wird auf einmal zu einer Kraft der Vergänglichkeit, nicht mehr des Wachsens. Er hat Angst im schwarzen Loch des Systems verloren zu gehen. Als Spielball zwischen innenpolitische Fronten irgendwelcher Lokalpolitiker zu geraten. Und nicht zuletzt davor, sich bei der Arbeit die Hand zu zerstören.

Um nach der Entlassung dem Militärdienst zu entgehen, lässt er sich von einem befreundeten Psychiater für zwei Monate in eine Psychiatrie einweisen, bevor ihm 1972 die Emigration genehmigt wird.

»Hätten sie gerne Borschtsch von gestern? Dann kommen sie morgen wieder.«

»Mikhail Maisky, ein kleiner ernsthafter Mann mit schwarzem Haar und Bart«, so beginnt die New York Times 1973 die Besprechung seines ersten Konzerts in der Carnegie Hall. Später wurde er oft mit einer entrückten Melancholie in Szene gesetzt. Vermutlich entsprach dies während des kalten Krieges dem Klischee des geheimnisvollen Russen. Nachdem wir jetzt zwei Stunden geredet haben, ist davon nicht viel übrig. Maisky ist ein Meister des Jokes, der Bonmots, des Klatsch und Tratsch. Zwar besitzt er ein Repertoire an Standardantworten und Selbstbeschreibungen, die er sich in Jahrzehnten öffentlicher Interview-Routine zugelegt hat. Aber wenn man an einem beliebigen Punkt einhakt, tauchen immer wieder neue Anekdoten auf, die sein Leben erscheinen lassen wie eine Perlenkette aus Wunderlichkeiten, Absurditäten und Skurrilitäten. Viele Antworten garniert er mit einem Witz, oft aus einem sehr sympathischen Sinn für Selbstironie heraus, was er als ein Erbe seines Aufwachsens in der UDSSR bezeichnet. (»Es heißt ja, jeder Witz habe ein Funken Wahrheit in sich. Aber bei uns hieß es: Jeder Witz hat auch einen Funken Witz in sich.«) Wenn er lacht, wird seine Stimme noch höher, als sie ohnehin schon ist, mit kurzen Kieksern, wie bei einem Jungen im Stimmbruch. Vielleicht sind Teile seiner Stimme auch einfach in der Zeit stecken geblieben, aus der er sich eine kindliche Begeisterungsfähigkeit bewahrt hat.

Maisky spielt Schumann in Jeans und Pulli und mit seiner liebsten Kammermusikpartnerin Martha Argerich am Klavier.

Der lange zweite Anlauf

Als er in Wien ankommt, macht er eine Bestandsaufnahme seines ersten Lebens: Zwei Jahre hat er nicht mehr Cello gespielt. Er besitzt kein Examen vom Konservatorium; von den erforderlichen 65 Prüfungen fehlen noch zwei, darunter eine mit dem Titel »Wissenschaftlicher Kommunismus«. Er kann kein Wort englisch und ist im Westen praktisch unbekannt. »Es war wie nach einem Schlaganfall, wenn man wieder neu sprechen lernen muss.« Nach der Angst, im schwarzen Loch des Arbeitslagers verloren zu gehen, kommt nun die Sorge, es im Westen nicht zu schaffen. Er sieht, wie Wunderkinder um ihn herum schon neunjährig ihre Debüts in großen Konzerthallen geben und hat das Gefühl, keine Zeit mehr verlieren zu dürfen.

Von Wien fliegt er weiter nach Israel, wo er in die Künstlergemeinde vor Ort aufgenommen wird. Er spielt Pablo Casals vor, drei Monate vor dessen Tod, und lehnt das Angebot von Zubin Mehta ab, als Solo-Cellist in dessen Orchester anzufangen. Er lernt Martha Argerich kennen, die auf Jahrzehnte seine treue Kammermusikpartnerin bleiben sollte. Er spielt 1978 mit dem Pianisten Radu Lupu sein erstes Recital in London. Vor allem aber studiert er weitere vier Monate bei der anderen großen russischen Cello- und Lehrerlegende, Gregor Piatigorsky, in Los Angeles. »Ich war wie ein trockener Schwamm, der alles aufsaugt. Und Grischa liebte es, russisch zu sprechen.«  Maisky ist der letzte Schüler von Piatigorsky, der weiß, dass er bald an Lungenkrebs sterben würde. Jeden Tag kommt er zum Unterricht, sie spielen zusammen Schach und gehen auf lange Spaziergänge. »Er war ein Gentleman der alten Schule, sehr gebildet und höflich.«

Maisky wurde oft als einer der bestausgebildeten Cellisten bezeichnet, weil er sowohl bei Rostropowitsch als auch bei Piatigorsky studiert hat. Er selbst nennt sich »Amateur-Cellist«, weil ihm beide Lehrer selten etwas »technisches« beigebracht hätten: »Es ging immer darum, Emotionalität zu finden, einen inneren Ausdruck, Bilder.« Piatigorsky zeigt ihm eine innere Haltung, wie er mit der Ungeduld und dem Gefühl, keine Zeit mehr zu verlieren, umgehen könne. »Er zitierte immer den Satz, den sein Freund Strawinski ihm gesagt hatte: ›Weißt Du Grischa, ich habe plötzlich festgestellt, dass ich keine Zeit mehr habe, in Eile zu sein.‹« Er freundet sich mit dem Gedanken an, zu warten, bis die richtige Gelegenheit kommt. Einige Angebote von kleineren Labels schlägt er aus, weil sie sich nicht richtig anfühlten. Als dann 1982 das Angebot der Deutschen Grammophon kommt, Brahms Doppelkonzert mit Gidon Kremer, Leonard Bernstein und den Wiener Philharmonikern einzuspielen, ist er bereits 34. Es ist das große Los. Er war wie ein Bogen, der sich erst richtig spannen muss, um mit ihm ins Schwarze treffen zu können.

Ein Hausbesuch beim Cellisten Mischa Maisky in Berlin

»Meinem lieben Mischa — dem ›alten Leopoldowitsch‹ — mit großer, großer Hoffnung«

Maisky zeigt uns ein Foto von Rostropowitsch, darauf die Widmung: »Meinem lieben Mischa – dem ›alten Leopoldowitsch‹ mit großer, großer Hoffnung. 1967«. Leopoldowitsch, der Vatername den sie beide teilten. Wie viele Lehrer-Schüler-Verhältnisse fing auch das zwischen Rostropowitsch und Maisky an zu bröckeln, je größer die Ambitionen des Schülers wurden. Vielleicht begann es damit, dass Maisky die Zeit bei Piatigorsky in Los Angeles öfter als die schönste seines Lebens bezeichnete. Und dann verzockte sich Rostropowitsch in den Verhandlungen mit der Deutschen Grammophon über eine Aufnahme der Bach-Suiten, und stattdessen nahm Maisky diese 1985 auf – sein ehemaliger Lehrer erst 1991, 63-jährig, bei EMI. Maisky erzählt Geschichten einer am Ende zerrütteten Beziehung und nennt das eines der Dinge, die er am meisten im Leben bedauert. Einmal habe er Rostropowitsch gefragt, ob dieser auf einer Aufnahme von Schostakowitschs Cellokonzerten dirigieren wolle – worauf dieser entrüstet entgegnet habe: »Ich bin doch noch nicht tot – ich spiele selbst noch Cello.« Bei einem der letzten Treffen auf dem Cello-Festival in Kronberg, zwei Jahre vor seinem Tod, sagte Rostropowitsch ihm, er sei für ihn wie ein Sohn gewesen. Ein verlorener Sohn.

Zeit für eine Hausbesichtigung. Maisky zeigt uns seine alten Walzen- und Plattenspieldosen, ein altes Akkordeon und das Harpsichord seines verstorbenen Bruders Valery, der auch erfolgreicher Berufsmusiker war. Vor dem 300 Jahre alten chinesischen Schrank ist eine Playmobil-Landschaft aufgebaut, mit Weltraumbahnhof, Raketenabschussrampe, Hubschrauberlandeplatz, Feuerwache, Polizeiauto; in der Ecke steht ein Sitzball in Form eines Fussballs. Und überall Familienfotos. Die zwei Kinder aus erster Ehe, Lily und Sascha, sind mittlerweile selbst Musiker und wohnen in London und Brüssel. Wir gehen hinunter in Maiskys »Musikkeller«, wo er übt. »Rubinstein sagte einmal, ›wenn ich einen Tag nicht übe, höre ich es, bei zwei Tagen meine Familie und bei drei die ganze Welt.‹ Martha Argerich kann ein halbes Jahr nicht üben und spielt trotzdem unvergleichlich. Bei mir ist es irgendwo dazwischen.« Er wirkt hier unten wie ein Heimwerker in seinem etwas unordentlichen Bastelkeller. Sein mittlerweile ausgepacktes Cello, das ihm 1976 nach seinem ersten Konzert in New York aus dem Nachlass eines alten Cellisten in New York vermacht wurde, wird überallhin, halsbrecherisch an Stühle gelehnt, achtlos abgestellt. Tobias und ich achten panisch darauf, ihm bloß nicht zu nahe zu kommen. Statt Werkzeugen hängen an der Wand die Zeugnisse einer großen Musikerkarriere, Konzertplakate, Bilder mit Argerich und Bernstein. Eine goldene Schallplatte von 1996 für 50.000 verkaufte Best-of-CDs – alleine in Korea. Von einer Aufnahme der Bach-Suiten hat er einmal 250.000 Stück verkauft, so etwas ist heute nicht mehr vorstellbar. Als erster Cellist überhaupt wurde Maisky 1985 Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon, wo er über 30 Aufnahmen eingespielt hat und in den 90er Jahren einer der meistverkauften Musiker war.

Pjotr Tschaikowski, Rokoko-Variationen, Op. 33, Variazione VI: Andante Orpheus Chamber Orchestra, Mischa Maisky (Cello)

Publikumsliebling

Maisky wurde vom Publikum immer mehr geliebt als von der Musikkritik, die oft reflexhaft an ihm herumkrittelte: Goldene Amulette und bunte Issey Miyake Hemden (in den Pausen wechselnd)? »Ein Selbstdarsteller, Showman, nimmt sich selbst zu wichtig.« Eine nicht politisch korrekte historisch-informierte Interpretationsweise? »Kann man heutzutage nicht mehr machen«.

Als wenn man nicht immer mit der Bühne auch die Show betritt. Als seien musikalische Interpretationen wie Automotoren einem technischen Fortschritt unterlegen. Maisky hat sich demgegenüber eine entspannte »Leben und leben lassen« Einstellung zugelegt, die man ihm abnimmt.

Er ist ein Melodien-Fetischist, ein Jäger und Sammler von guten Cello-Songs, er wird ihrer nie überdrüssig. Er spürt sie auf in spanischen Tänzen, argentinischen Tangos, deutschen Opernarien oder russischen Wiegenliedern und kann dann nicht anders, als sich voller Inbrunst hineinzuschmeißen. Für ihn ist Bach ohne Vibrato, ohne Schweller und ohne Rubato hässlich. Aber er spielt Schostakowitsch auch mit einer vor Innendruck berstenden, fast schmerzenden Spannung. In jedem Fall kann man sich über einen Mangel an Ausdruck bei ihm nie beklagen. Anlässlich seines oben erwähnten Auftritts in der Carnegie Hall schrieb die New York Times über seine Rokoko-Variationen, dass »sein Auftritt manchmal so leidenschaftlich wurde, dass Ton und Intonation litten«. Ihm wird das manchmal als Authentizitäts-Pose vorgeworfen, Maisky nennt es »emotionale Großzügigkeit«. Er stelle sich immer vor, für Leute zu spielen, die das Stück zum ersten Mal hören. Und um einen Draht mit seinen Zuhörern herzustellen, übertreibe er vielleicht auch manchmal. »Man muss 120 Prozent geben, um die Zuhörer zu erreichen, für die es das erste Mal ist. 80 Prozent ist nicht genug.« Maisky, das Kampfschwein: Man kann einen schlechten Tag haben, muss aber mindestens alles geben. Auch das hat ihm über Jahrzehnte eine treue Anhängerschaft beschert. In Japan gibt es sogar den Mischa Maisky Fan Club (MMFC) und in Osaka eine Art Merchandising-Shop mit MM-Devotionalien: Biergläsern, Regenschirmen, T-Shirts. Sein Äußeres ist dabei sowohl Markenzeichen als auch Projektionsfläche für allerlei wilde Phantasien.

Von Beruf Cellist

Das interessante an der Künstlerperson Maisky ist, dass er schräg zwischen allen Rollenklischees liegt. Man könnte ihn für extrovertiert halten, aber er ist es nur in der Musik und dahinter fast schüchtern und alles andere als eine Diva. Er hat keine Facebook-Seite und nur eine rudimentäre, von der Deutschen Grammophon spärlich aktualisierte Website. Er ist kein Dissident, obwohl man ihm im Westen zunächst zu einer solchen Selbstdarstellung geraten hat. Doch er wollte lieber als exzellent ausgebildeter Musiker wahrgenommen werden, der am Moskauer Konservatorium neben Rostropowitsch auch mit Dimitri Schostakowitsch, Leonid Kogan, Dawid Oistrach und Swjatoslaw Richter in Kontakt gekommen war. Er besitzt eine große Loyalität gegenüber Menschen, Dingen, Institutionen: Dasselbe Cello, dieselbe Plattenfirma, dieselben Festivals und Kammermusikpartner, seit Jahrzehnten. Er besitze keine »Schmetterlings-Mentalität«, sagt er. Er pflegt weder das aufgesetzte Rebellentum eines Nigel Kennedy mit dessem antrainierten Cockney-Dialekt, noch ist er jemand, der sich mit Partituren eingräbt oder in Bibliotheken nach Originalklängen forscht. Es kursiert von ihm der Ausspruch, er spiele jeden Morgen einen Satz aus einer Bach-Suite; vielleicht stimmt es, aber man kann sich das bei ihm eigentlich nicht vorstellen, bei Maisky, dem Meister des Fünfe gerade sein Lassens, dem Spaßmann. Man sieht seine Hemden und vermutet Eitelkeit, dabei ist er für alles zu haben, egal ob eine Kamera dabei ist oder nicht und wie unvorteilhaft er dabei aussehen könnte; es ist eher seine Frau Evelyn, die sich darum sorgt. Als die Wolken verzogen sind und wir hinaus in den Garten gehen, bringt er sofort einen Fußball ins Spiel und drischt darauf los wie der Junge vom Bolzplatz, der als Auswahlspieler einer lettischen Regionalmannschaft einst ernsthaft über eine Fußballerkarriere nachdachte (exzellente Schusstechnik, »russische Schule« in jeder Hinsicht). Man könnte jetzt hier mit ihm auf dem Rasen auch spontan ein schnelles 2 gegen 2 aufziehen.

Ein drittes Leben

Die Prioritäten im Leben des Mischa Maisky haben sich verschoben. Er fliegt jetzt auch mal erst auf den letzten Drücker zu Konzerten, um zuvor noch Fußballspielen seiner Söhnen zusehen zu können. Früher habe er immer gewollt, dass seine Kinder auch Musiker werden, weil es ihm als die schönste Berufung erschien. Mittlerweile sei er sich da nicht mehr so sicher. Maxim lerne zwar Cello, sei aber ebenfalls ein sehr talentierter Fußballer. Und sein ältester Sohn Sascha sage immer: »Papa, schick ihn zum FC Barcelona! Wenigstens aus einem in der Familie soll etwas Ordentliches werden.«

Der Karussell dreht sich weiter, es gibt heute so viele gute Cellistinnen und Cellisten wie nie zuvor,  und gleichzeitig wird es Künstlerbiographien wie die von Maisky, die wie ein Slalomlauf in der Geschichte aussehen, immer seltener geben. Er ist Chronist einer goldenen Zeit, die untergegangen ist, obwohl sie scheinbar gerade erst gestern anfing, einer Zeit der First Class-Flüge, Goldenen Schallplatten und Budgets für Fotoshootings. Heute muss er einen Freund bitten, die Bilder für neue Cover zu machen. Und hinter den Superstars wie Lang Lang, Kaufmann und Netrebko sind die Verkaufszahlen im Klassikgeschäft im Vergleich zu früher mikroskopisch. Zu seinem 65. Geburtstag hat die Deutsche Grammophon ein Box-Set aufgelegt, zehn ausgewählte Alben, elf CDs für 39,90 Euro. Er würde gerne ein Album mit Hindemith Stücken aufnehmen, aber die Plattenfirma hat schon abgewunken, »wer soll das kaufen«?

Maisky hat nicht nebenher eine Dirigentenlaufbahn begonnen wie Heinrich Schiff, unterrichtet nicht an Hochschulen wie Antonio Meneses oder Ivan Monighetti, spielt nicht Folklore-Musik wie Yo-Yo Ma. Er hat kein eigenes Festival, keine Stiftung, schreibt keine Bücher und sitzt nicht in Jurys (»Ich wurde zu oft selbst bewertet in meinem Leben, als dass ich andere bewerten will.«). Er ist nach wie vor unterwegs mit seinem Repertoire im Gepäck, Saint-Saëns, Dvořák, Elgar, Schostakowitsch, Schumann. Kaum modernes oder zeitgenössisches, was ihm oft vorgeworfen wird – und er selbst auch als Defizit akzeptiert. Zwischendurch immer wieder Bach und die Songs seiner Mixtape-Alben Adagio, Cellissimo, Meditation, Vocalise, mit deren Format er einst ein Trendsetter war und die nun jeder Künstler in seiner Diskographie hat. Am liebsten spielt er mit seinen ältesten Kindern Lily und Sascha. Nicht immer sind es die großen Hallen und die besten Orchester, manchmal auch Doha, Iserlohn und Bogotá; aber nach wie vor über 100 Konzerte im Jahr. Er bezeichnet dies jetzt als sein drittes Leben. Überhaupt das Leben – es habe für ihn von Anfang an nur zwei Karten zur Verfügung gehabt: absolutes Chaos oder absolute Zufriedenheit. Es ist klar, welche Karte der als Russe geborene Lette Miša Maiskis gezogen hat.

Ein GUTER TAG

Mittlerweile sind sieben Stunden vergangen, und man würde sich gerne immer weiter unterhalten. Aber das schlechte Gewissen plagt, obwohl der gegenüber immer noch kein bisschen müde wirkt. Eine letzte Frage: Was ist eigentlich aus den Bändern geworden, mit denen er einst seinen Unterricht bei Rostropowitsch aufnahm und die ihn ins Gefängnis brachten? »Eine Tragödie. Ich bewahrte sie im Studentenwohnheim in einer Box unter meinem Bett auf. Dort wurden sie gestohlen – Leerkassetten waren rar damals, und jemand hat den Inhalt gelöscht und sie dann auf dem Schwarzmarkt verkauft. Ich hätte mich umbringen können!«

Wir verabschieden uns. Am nächsten Tag geht es für zwei Wochen in den Urlaub, im Anschluss weiter nach Südamerika. Er feiert dort dann wieder den Tag, an dem damals in Wien sein zweites Leben begann. Aber zunächst wird er heute Abend noch Tennis gucken, das Viertelfinale des ATP-Turniers in Basel, Roger Federer gegen den bulgarischen Shooting-Star Grigor Dimitrov, den sie wegen seines Spielstils den »jungen Federer« nennen. »Mein Federer hat eine schwierige Zeit gerade, aber ich halte zu ihm. Die Leute sagen, dass er aufhören soll. Aber warum? Wenn er noch Spaß hat? Und an guten Tagen kann er immer noch jeden schlagen.« ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com