VAN: Die Cellistin Elena Cheah schreibt in »Spiel auf Probe« über die extreme Stresssituation eines Probespiels für eine Solo-Cello Stelle beim Concertgebouw-Orchester in Amsterdam. Wie gucken Sie auf dieses Ritual?

Michael Bohne: Das Probespiel ist aus Sicht des Orchesters ja eine Personalauswahlmaßnahme und geht als solche vollkommen am Bedarf vorbei. Man muss dort oft musikalisches Material vorstellen, mit dem man später in dieser Form nicht mehr konfrontiert wird. Ganz absurd wird es, wenn einer für eine Tutti-Stelle vorspielt und dann aber innerhalb von ein paar Minuten zeigen muss, dass er ein großer Solist ist. Die Orchester fragen im Grunde nicht ab, was sie brauchen. Weil die Musiker, die dorthin fahren, auch dadurch noch unglaublich gestresst sind, ist es aus beiden Perspektiven absurd. Bei Solo-Stellen wiederum wird auf notwendige Führungskompetenzen gar nicht geachtet. Um Menschen zu führen, muss man viel mehr und ganz andere Dinge können als nur toll Geige zu spielen. Und: Kein anderes Spitzenleistungsunternehmen würde alle Mitarbeiter über Personaleinstellungen mitentscheiden lassen.

Der Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters Iván Fischer hat kürzlich in einem Interview die Praxis von Probespielen in den USA kritisiert: Die Musiker müssten dort Passagen aus berühmten Repertoire-Stücke spielen, was einige Kandidaten perfekt hinkriegen, die sich später aber im Orchester als untauglich erweisen. Umgekehrt seien einige in Probespielen schwach, aber trotzdem fantastische Orchestermusiker. Allerdings findet diese Art von Probespielen auch beim Konzerthausorchester in der traditionellen Form weiter statt. Warum hält sich diese Praxis so hartnäckig?

Im Grunde handelt es sich um ein archaisches Initiationsritual. Und was man selbst durchlebt hat, sollen auch andere durchleben. Das ist auch eine große Feigheit, weil Orchestermitglieder von den Kandidaten etwas erwarten, wozu sie selbst bisweilen nicht oder nicht mehr in der Lage sind. Fairer wäre es, wenn sich die Orchestermitglieder selbst auf die Bühne stellen und sagen: »Hier, ich spiele es jetzt mal so, wie wir es gut finden und daran könnt ihr euch orientieren.« Das traut sich doch keiner. Jedoch hat ein Probespiel als Initiationsritus auch seine Berechtigung. Ich kenne einen Musiker, der hat eine Stelle ohne ein Probespiel bekommen und sich dann Stress gemacht, weil er das Gefühl hatte, sich das nicht verdient zu haben. Wenn man das Ritual in Frage stellt, kommt oft die Antwort: »Aber anders geht’s ja nicht«, was natürlich Schwachsinn ist. Natürlich gibt es Alternativen, zum Beispiel indem eine authentische Proben-Situation nachgeahmt wird, Dirigenten mit den Musikerinnen arbeiten und erkennbar wird, wie jemand mit Kritik und Feedback umgeht. Wenn man da die Musikerinnen und Musiker nach alternativen Probespielverfahren fragen würde, kämen viele gute Ideen zusammen.


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