Wie wir uns daran gewöhnt haben, perfekt zu sein. Ein Gastkommentar des Bratschisten Nils Mönkemeyer.

Text · Foto IRENE ZANDEL · Datum 22.3.2015

(Hoffentlich spiele ich das Stück gleich besser als beim vorigen Mal. Im Publikum sitzt der Kritiker, der mich letztes Jahr als überbewerteten Kommerzheini bezeichnet hat, außerdem ist Radioübertragung, und wenn ich Fehler mache, kriegt das die halbe Welt mit, wäre nicht das erste Mal.)

»Mir ist es eigentlich egal, ob ich in meinem Wohnzimmer oder auf der Bühne spiele«, lese ich oft in Interviews; oder: »Die Bühne ist mein Leben«; »Ihnen hat die Musik gefallen? Vielen Dank, ich bin ja im Grunde genommen nur das Sprachrohr des Komponisten.«

Ich will nicht sagen, dass wir klassischen Musiker lügen. Die meisten von uns lieben ihren Beruf, die Musik und auch viele der Konzerte, sonst würden sie ja hoffentlich etwas anderes machen. Doch bis zur Leichtigkeit und zur Souveränität ist es ein komplexer Prozess mit vielen Phasen. Darüber sprechen wir vielleicht mal mit Freunden oder Kollegen, aber auf keinen Fall vor Publikum.

Warum sagen wir so selten, was uns wirklich durch den Kopf geht, sondern beschönigen, lächeln und verschweigen? Warum ist es ein Tabu, zuzugeben, womit wir gerade kämpfen, welche Stücke und Situationen uns Probleme bereiten? Weil das Image unantastbarer Halbgötter dabei hilft, CDs und Konzertkarten zu verkaufen?

Neulich hatte ich Konzert im Wiener Musikverein, und auf dem Titelblatt des Jahresprogramms prangte die Königin aller Geigerinnen, strahlend schön, mit dem Gesicht einer Dreißigjährigen, darunter die Worte „Die Makellose“. Das ist das Paradebeispiel: Eine elegante Musikerin, die mit hoher Perfektion spielt und uns das Werk in seiner hehren Schönheit zeigen will; innere Zerrissenheit und Zweifel spüre ich keinen. Trotzdem denke ich: »Die Arme«, und: »Das muss ja stressig sein.«

Wenn ich Bach oder Mozart spiele, dann werde ich ehrfürchtig und innerlich sehr klein. Ich werde niemals eine Interpretation abliefern, die der gesamten Größe und Schönheit der Komposition gerecht wird.

Vielleicht hat die Sehnsucht, uns als »perfekt« zu präsentieren etwas mit klassischer Musik an sich zu tun. Wenn ich Bach oder Mozart spiele, dann werde ich ehrfürchtig und innerlich sehr klein. Ich werde niemals eine Interpretation abliefern, die der gesamten Größe und Schönheit der Komposition gerecht wird. Aber schon über dieses Spannungsfeld spreche ich selten, ich möchte ja nicht den Eindruck vermitteln, der Sache nicht gewachsen zu sein. Also mache ich fleißig mit:

Auf das Konzert in … »freue ich mich ganz besonders« (Ich weiß nicht, wo das ist und wie es da aussieht); Paganini »ist eine spannende Herausforderung« (ich habe Angst); »Natürlich, mit der Geige könnte ich viel mehr glänzen, aber sehen Sie, der Klang der Bratsche … genau dunkel und samtig.« (Wie kann man nur diesen Vergleich anstellen?)

Mich persönlich interessieren die komischen Kauze, die schrägen Musiker, diejenigen, die sich mit Leib und Seele in ein Werk schmeißen. Ginette Neveu, die so frühverstorbene Geigerin, die sich mit abgrundtiefer Verzweiflung Brahms’ Violinkonzert hingibt, als wäre jeder Ton der letzte ihres Lebens, oder Radu Lupu, der bei Schubert eine so private Melancholie zaubert, dass ich ihn bloß nicht stören will und mich geehrt fühle, einen Moment seiner Magie mitzuerleben.

Deshalb, liebe Musikerkollegen, lasst uns darüber sprechen, was es wirklich bedeutet, ein Musiker zu sein, lasst uns über die Hingabe sprechen, über das Spannungsfeld zwischen Schmutz und Schönheit und die Mischung aus gnadenloser Selbstüberschätzung und tiefster Demut, die uns treibt und wie nah Triumph und Scheitern beieinander liegen.

Die wunderbare Cate Blanchett hätte es nicht beser sagen können: »If you are going to fail, then fail gloriously«. ¶