Noch ist das Dirigentenpult verwaist, und Tamires staunt über den Sala São Paulo. Die Schatten auf den Säulen, die Balkone in zwei Stockwerken, die Intarsien auf den Holzvertäfelungen, die Lampen über ihr, die wie Wassertropfen aussehen. Tamires stellt sich vor, wie sie herunterfallen und den Saal fluten. Unter dem Dirigentenpult erahnt sie die erste Saalreihe im Licht der Bühnenbeleuchtung, wo eine ältere Dame im türkisgrünen Seidenkleid unaufhörlich in ihr Handy tippt. Rechts neben Tamires pendelt Carlos auf seinem Sitz nervös hin und her wie eine Wespe im Landeanflug. Tamires’ Vorfreude ist so groß, dass es in ihr gluckst. In einer der hinteren Reihen sitzt ihre Patentante, die aus Angst einzuschlafen eigentlich nie ins Konzert geht. Ihre Mutter ist jetzt tausend Kilometer weit entfernt in Goiânia, ihr Vater wahrscheinlich vor dem Fernseher. Das dritte Pult der ersten Geigen sortiert hektisch die Noten: Tristan und Isolde, Tannhäuser, Lohengrin, Parsifal. Tamires liebt Wagner, weil »es ordentlich rummst« und es viel zu tun gibt für die Hörner.


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... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com