Während hierzulande vor allem die freien Musiker:innen nicht wissen, wie sie in den kommenden Monaten ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen, sehen sich in den USA auch viele Festangestellte mit derselben Sorge konfrontiert. Die Metropolitan Opera beispielsweise hat Ende März alle Mitglieder des Orchesters auf unbestimmte Zeit in unbezahlten Zwangsurlaub geschickt. VAN hat mit fünf von ihnen gesprochen.

Text · Datum 6.5.2020

Am 19. März gab die Metropolitan Opera angesichts der rapiden Ausbreitung des Corona-Virus in New York City bekannt, dass sie die Gehaltszahlungen der Musiker:innen in Orchester und Chor sowie der Bühnenarbeiter:innen ab dem 31. März auf unbestimmte Zeit aussetzen werde. Ein guter Monat ist seitdem vergangen, und viele Orchestermitglieder bewegen sich mittlerweile auf den finanziellen Abgrund zu. Nur zwei Tage nach Bekanntgabe des Zwangsurlaubs hatte ein junger Holzbläser den Mietvertrag für seine New Yorker Wohnung gekündigt, sein gesamtes Hab und Gut in einem Lagerhaus in der Bronx untergestellt, war in ein Flugzeug gestiegen und zu seinen Eltern geflogen, um erstmal dort unterzukommen. Bisher hat er sie mit einem Teil seines Gehalts finanziell unterstützt, das kann er nun nicht mehr. Die Familie leistet sich darum nur noch das Nötigste, Nahrungsmittel und Medikamente. Der Musiker gibt online Unterricht, allerdings zu günstigeren Preisen als üblich.

Ältere Orchestermitglieder können nicht einfach wieder bei den Eltern einziehen. Ein Blechbläser, der seit 25 Jahren an der Met spielt, lebt jetzt von Arbeitslosenhilfe und seinen Ersparnissen, Geld, das er eigentlich als Altersvorsorge beiseitegelegt hat. Die komplette Spielzeit 2019/20 der Metropolitan Opera ist abgesagt. Die Wiedereröffnung zum neuen Saisonbeginn im September scheint aktuell eher unwahrscheinlich. »Wenn die Krise noch bis Januar oder Februar andauert, muss ich mir wirklich überlegen, ob ich in New York bleiben und zurück an die Met gehen kann, oder ob ich mir irgendwo anders einen Job suchen muss«, meint der Musiker. »Ich habe Kinder, die gerade aufs College gehen. Irgendwann wird es darum gehen, irgendwie die Rechnungen zu begleichen und noch ein Dach überm Kopf zu haben. Wenn es soweit kommt, würde ich jeden Job annehmen, auch einen, der nichts mit Musik zu tun hat.«

Zwei weitere Musiker:innen schätzen, dass ihre Ersparnisse noch bis zum Herbst reichen werden. »Ein paar Monate lang geht das ganz gut«, sagt eine ältere Streicherin. »Vielleicht vier, höchstens sechs. Danach sind wir mehr oder weniger mittellos.«

Mit insgesamt fünf Musiker:innen des Orchesters der Metropolitan Opera habe ich für diesen Text gesprochen. Alle leben aktuell von einer Kombination aus Ersparnissen, Arbeitslosengeld und Einkünften aus gelegentlichem Online-Instrumentalunterricht. Die Musiker:innen, die anonym bleiben wollen, um offen über ihre Arbeitssituation sprechen zu können, fühlen sich von der Met, der größten Institution für darstellende Künste in den Vereinigten Staaten, im Stich gelassen. Während für die Orchestermusiker:innen nur die Kranken- und Instrumentenversicherungen weiterlaufen, erhalten andere Mitarbeiter:innen des Hauses weiterhin ihre Gehälter. Wie die New York Times berichtete, haben leitende Angestellte im Management Gehaltskürzungen von 25 bis 50 Prozent hinnehmen müssen. Operndirektor Peter Gelb verzichtet auf seine Vergütung – allerdings verdiente er laut New York Post 2017, dem letzten Jahr, für das bundesstaatliche Steuererklärungen vorliegen, stolze 2.169.487 Dollar.

Auch die anderen großen amerikanischen Orchester hat die Pandemie tief getroffen. Viele haben jedoch Wege gefunden, die Gehälter der Musiker:innen zu kürzen, ohne sie vollständig auszusetzen, oder haben ein Enddatum für die Sparmaßnahmen festgelegt. Der Zwangsurlaub des Seattle Symphony Orchestra wird voraussichtlich am 1. Juni enden. Die Mitglieder der Los Angeles Philharmonic erhalten 65 Prozent des niedrigstmöglichen Wochenlohns; das New York Philharmonic zahlte seinen Musiker:innen den gesamten Mindestwochenlohn im April, im Mai werden es noch 75 Prozent sein. Das Boston Symphony handelte Gehaltskürzungen von durchschnittlich 25 Prozent pro Musiker:in aus und strukturierte die Urlaubszeit neu. An der Met zeichnet sich kein solcher Kompromiss ab. Sie war eine der ersten amerikanischen Institutionen, die auf die COVID-19-Krise reagierte – und zwar drastisch. »Das Orchester, der Chor und die Bühnenarbeiter:innen, das sind eine Menge Kolleg:innen«, sagt ein Musiker. (In der Tat betrifft der unbezahlte Zwangsurlaub etwa 700 Personen.) »Es ist ein ziemlich krasser Schritt, die alle gar nicht mehr zu bezahlen.« (Die Met reagierte nicht auf unsere Bitte um eine Stellungnahme.)

Viele Musiker:innen sprechen von einem Gefühl des Auseinanderdriftens, das durch einen Mangel an Kommunikation und Führung seitens des Managements der Met verstärkt wird. Musikdirektor Yannick Nézet-Séguin schickt dem Orchester Durchhalteparolen per Videobotschaft, aber von Gelb und der Personalabteilung erhalten die Musiker:innen so gut wie keine Informationen. Der aus Musiker:innen zusammengesetzte Orchestervorstand versucht, die Leerstelle zu füllen und praktische Aufgaben zu übernehmen, wie z.B. die Unterstützung der Mitglieder beim Ausfüllen der Formulare zur Beantragung von Arbeitslosengeld, Hypothekenunterlass und zinslosen Dispokrediten. (Die New Yorker Verwaltung ist mit den Anträgen für Arbeitslosengeld derzeit völlig überlastet, vielfach konnten Anträge noch nicht einmal eingereicht werden. Falls es bewilligt wird, deckt das Arbeitslosengeld zudem nur einen Bruchteil der hohen Lebenshaltungskosten in einer Stadt wie New York ab.). »Die Met-Leitung hat die sich täglich verändernde Situation genau im Blick, da bin ich sicher, aber sie geben uns nur sehr wenige Informationen«, berichtet eine Musikerin. »Alle sind sehr vorsichtig, was die Wiedereröffnung angeht, aus Angst vor einer zweiten Infektionswelle.« Ein Blechbläser ist direkter: »Für mich wird die Leitung ihrer Verantwortung nicht gerecht«, sagt er.

Am 25. April veranstaltete die Met eine digitale Spendengala mit Starbesetzung. Auch das Orchester war mit Ausschnitten aus Werken von Wagner, Verdi und Mascagni dabei. Das Event wurde als Erfolg verbucht: Anthony Tommasini nannte das Konzert in der Times »einen auf charmante Art informellen und doch sehr bewegenden Marathon«. Auch für die Musiker:innen war die Gala eine gute, wenn auch zuweilen etwas irritierende Erfahrung. (Sie alle spielten zuhause zu einer Referenzspur und mit einem Video des dirigierenden Nézet-Séguin. Aus den Aufnahmen wurde dann eine Collage zusammengeschnitten.) Der Orchestermusiker, der jetzt wieder bei seinen Eltern lebt, schaute die Gala mit ihnen zusammen – alle drei waren den Tränen nahe. »Es war für uns als Orchester eine Möglichkeit, in Verbindung zu bleiben«, sagt er.

Auch wenn Gelb bei der Gala das Orchester und die Sänger:innen als »unvergleichlich« lobte, kann dieses Event nur mehr schlecht als recht über die internen Spannungen hinwegtäuschen. Schon seit mehreren Jahren werden Gehaltsverhandlungen erbittert geführt, die Met will Härtefallregelungen geltend machen, um Kürzungen gegenüber den Musiker:innen zu rechtfertigen. »Die letzten beiden Vertragsverhandlungen mit dem Management waren alles andere als harmonisch. Wir haben Zugeständnisse gemacht, und jetzt werden wir zum Dank einfach nicht bezahlt«, sagt ein Bläser. »Ich denke, dieses Orchester hat im Laufe der Jahre viel guten Willen gegenüber der Institution gezeigt. Auch während der letzten Gala-Spendensammelaktion, obwohl wir da schon nicht bezahlt wurden.«

Die COVID-19-Krise hat die bereits angespannte Situation an der Met noch verschärft. In den letzten zehn Jahren hat sich Institution im öffentlichen Licht nicht unbedingt von ihrer besten Seite gezeigt: 2012 bei einer Debatte über Blackfacing an der Met; 2017 in Zusammenhang mit den Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs gegen den ehemaligen Musikdirektor James Levine; durch die verwirrende Kehrtwendung im Fall Domingo (der Sänger wird ebenfalls der sexuellen Belästigung beschuldigt); und in jüngster Zeit wegen der Entlassung von Sänger:innen via Twitter. »Die Moral ist definitiv so niedrig, wie sie nur sein kann«, so ein Musiker. Vor allem die Tatsache, dass die Met auf der anderen Seite durchaus verschwenderisch sein kann, sorgt bei den Musiker:innen für mehr als ein Stirnrunzeln. So kam im Zuge von Levines Klage gegen das Haus wegen unrechtmäßiger Kündigung ans Licht, dass der Dirigent neben einem festen Jahresgehalt von 700.000 Dollar und einem Antrittsbonus von 500.000 Dollar ein Auftrittsgeld erhielt, das »um 10.000 Dollar höher war als die höchste an eine:n Sänger:in gezahlte Gage: 26.000 Dollar pro Nacht«, wie Ben Miller in VAN berichtete. (Levine und die Met schlossen später einen Vergleich, die Höhe der Summe ist nicht bekannt.) 2011 gab die Met 16 Millionen Dollar für einen Ring-Zyklus unter der Regie von Robert Lepage aus, der von der Kritik fast einhellig zerrissen wurde; in der Spielzeit 2015/16 schrieb das Wall Street Journal, nur 72 Prozent der Plätze würde an zahlendes Publikum vergeben. Im selben Jahr nahm die Met durch Kartenverkäufe nur 66 Prozent dessen ein, was im Haushalt geplant war.

Und jetzt der Zwangsurlaub. »Wir spielen Nacht für Nacht«, berichtet ein Musiker. »Wir sehen, welche Produktionen laufen und welche nicht. Und wir kriegen mit, wie viel Geld für neue Produktionen in die Hand genommen wird. Ich verstehe, dass das nötig ist, das Publikum will ja nicht immer wieder dasselbe sehen. Aber man wundert sich ja schon. Wenn man sich das Gebäude hier nur mal anguckt, wirkt vieles marode. Aber es sieht so aus, als fehlen Geld und Weitsicht gleichermaßen, um das wieder instand zu setzen. Da stimmt irgendwie die Balance nicht.«

Die Krise offenbart auch die Schwächen des privaten Kunstmäzenatentums in den USA. Mit seinem Jahresbudget von 308 Millionen Dollar greift das Paycheck Protection Program der U.S. Small Business Administration, das nur Zuschüsse an Ensembles und Künstler:innen mit einem Budget von weniger als 12 Millionen Dollar vergibt, für die Met nicht. (Andere große amerikanische Orchester, für die dieses Programm ebenfalls nicht in Frage kommt, haben ihre Musiker:innen trotzdem weiterhin bezahlt.) Die Met erhält keine öffentlichen Gelder, sondern ist auf Spenden, Kartenverkäufe und Stiftungsgelder angewiesen. Bill de Blasio, der Bürgermeister von New York City, hat jüngst vorgeschlagen, die Mittel für Kunstförderung im Haushaltsjahr 2021 um 35 Prozent zu kürzen. Der Gedanke, dass Kultur in Krisenzeiten öffentlich gefördert werden muss, ist auf dem politischen Parkett der USA weitestgehend unbekannt. »Viele Freund:innen und Kolleg:innen, Orchestermusiker:innen in Europa sind schockiert, wenn sie hören, dass wir einfach arbeitslos sind und überhaupt nicht bezahlt werden«, so der Musiker. »Ich würde gerne auswandern irgendwohin, wo sowas vernünftiger geregelt wird.«

Die größte Kulturinstitution der USA steht am Abgrund – nicht nur wegen Corona. 5 Musiker:innen der Metropolitan Opera berichten in @vanmusik.

Die Mitglieder des Orchesters der Metropolitan Opera stellen sich derweil auf eine längere Pause ein, ohne finanzielle und berufliche Sicherheit und das gemeinschaftsstiftende Element der Auftritte. Eine Geigerin der Met hat einige Stream-Konzerte gegeben, sagt aber: »Es fühlt sich sehr falsch und unangenehm an, da die Energie, die vom Publikum zurückkommt, fehlt. Man ist nie sicher, ob überhaupt jemand richtig zuhört.« Ein erfahrener Holzbläser fühlt sich an die letzte große Krise von New York City erinnert. »Es ist wie ein böser Traum, der einfach nicht enden will«, sagte er. »Ich war auch 9/11 hier. Auch damals spielten wir nicht, es war furchtbar. Und wir durchleben den Schrecken in der Erinnerung jedes Jahr wieder am 11. September. Die aktuelle Situation ist in gewisser Weise ähnlich, nur dass sie gleich bleibt, tagein, tagaus. Sie ist gleichermaßen allumfassend wie erdrückend.« ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.