Vor zwei Tagen wurde Maria Kalesnikava von einem Minsker Gericht zu elf Jahren Gefängnis verurteilt – wegen einer angeblichen ›Verschwörung mit dem Ziel der illegalen Machtergreifung‹ und ›Gründung und Führung einer extremistischen Vereinigung‹. Der mit Kalesnikava angeklagte Anwalt Maxim Snak erhielt zehn Jahre Haft. Die 39-jährige Kalesnikava bildete zusammen mit Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo ein Trio von Frauen, das den regierenden Diktator Alexander Lukaschenko bei der Präsidentschaftswahl 2020 herausgefordert und die anschließenden Massenproteste angeführt hat. Während Zepkalo und Tichanowskaja kurz vor und nach der Wahl am 9. August 2020 das Land verließen, blieb Kalesnikava als letzte führende Oppositionelle in Belarus. Am 7. September 2020 wurde sie vom dortigen Geheimdienst KGB in Minsk entführt. Als sie in die Ukraine abgeschoben werden sollte, zerriss sie kurz vor dem Grenzübergang ihren Pass und vereitelte so Pläne, sie aus dem Land zu vertreiben. Seitdem saß sie in Belarus in Untersuchungshaft. 

Bevor sie sich im Sommer 2020 als Wahlkampfmanagerin dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Viktor Babariko anschloss, lebte Kalesnikava, die an der Belarussischen Staatlichen Musikakademie Querflöte studiert hatte, zwölf Jahre lang in Stuttgart. Dort absolvierte sie an der Musikhochschule jeweils einen Master in Alter und Neuer Musik, konzertierte als Flötistin mit ihrem eigenen Trio vis-à-vis und anderen Ensembles bei vielen deutschen und internationalen Festivals und kuratierte eigene Projekte. Beim ECLAT Festival für neue Musik arbeitete sie außerdem seit 2018 als PR-Managerin. Hartmut Welscher sprach mit dessen Leiterin Christine Fischer über die Freundschaft zu Kalesnikava, deren Transformation von der Musikerin zur Politikerin und ihren Kampf für ein demokratisches Belarus. 

Maria Kalesnikava und Christine Fischer, ein Selfie aus dem Februar 2019

VAN: Wie haben Sie Maria Kalesnikava kennengelernt?

Christine Fischer: Sie kam vor vier Jahren zu mir, zusammen mit Viktoriia Vitrenko, einer Sopranistin und Dirigentin aus der Ukraine. Die beiden haben mir das szenische Projekt ›Jede Dritte‹ vorgestellt, in dem es um die verschiedenen Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen ging. Das war für Maria der Beginn, sich nicht nur als Musikinterpretin zu verstehen, sondern sich auch kuratorisch zu betätigen, etwas mit Kunst gestalten und erreichen zu wollen. Es war das erste Mal, dass ich etwas über Belarus erfahren habe. Bis dahin war das für mich ein großer grauer Fleck. 

Was hat sie Ihnen über das Land erzählt?

Dass es eine patriarchal geprägte Gesellschaft ist, es aber eine junge Generation gibt, die etwas erreichen, mitgestalten, in die Hand nehmen will. Das fand ich sehr spannend und förderungswürdig. Ich habe sofort gemerkt, dass Maria selbst eine wichtige Vertreterin dieser jungen Generation ist, die sie mir beschrieben hat. Ihr war es sehr wichtig, dass Frauen in Belarus ermutigt werden, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen und einen Beruf auszuüben. Das war auch die Zeit, in der sie sich ihre Haare blond gefärbt hat und auch mit ihrem Äußeren ein Statement setzen wollte. Wir sind dann viel miteinander ins Gespräch gekommen. Sie hat mir erzählt, dass gerade der IT-Sektor in Belarus sehr weit entwickelt ist, viele da richtig gut Bescheid wissen und sie selbst sich in diesem Bereich neben der musikalischen Tätigkeit auch weiterbilden will. 

Ab 2018 hat Kalesnikava dann bei Ihnen beim ECLAT Festival mitgearbeitet. Wie kam es dazu?

2018 entstand bei uns die Idee, dass wir sehr viel mehr über Social Media wissen müssen. Ich hatte in einem experimentellen von der Stadt Stuttgart finanzierten Projekt die Frage gestellt, wie wir als Festival für Neue Musik Social Media nutzen können, um eine andere Klientel zu erreichen und einen anderen Diskurs einzugehen. Das war ein Rechercheprojekt, zu dem ich Kalesnikava eingeladen habe. Sie hat sich dann als Social Media Profi herausgestellt. Das war der Anfang einer extrem intensiven Zusammenarbeit. Das Festival 2019 war unser gemeinsamer beruflicher Höhepunkt, weil wir es über Wochen und Monate hinweg gemeinsam entwickelt haben. Wir haben nächtelang über Whatsapp und Telefon Ping Pong gespielt. Dabei kommt man zusammen, da hat sich auch eine Freundschaft entwickelt. Im Herbst 2019 bekam sie dann das Angebot von Viktor Babariko, in Minsk das Kulturzentrum ›OK 16‹ zu leiten.

Auf einer Wahlkundgebung mit der Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja am 30. Juli 2020 • Foto: HomoatroxCC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Sie hat sich dann 2020 Babarikos Wahlkampfteam angeschlossen. Wann und wie haben Sie davon erfahren?

Sie war letztes Jahr bei uns wieder als Social Media Beauftragte engagiert und wollte eigentlich immer zweiwöchig zwischen Minsk und Stuttgart pendeln, was sie auch über viele Monate gemacht hat. Während des Lockdowns im März 2020 war sie dann in Minsk. In die Zeit fiel auch Babarikos Entscheidung, sich als Präsidentschaftskandidat aufzustellen. Wir hatten ein großes Festival im Juli, sie hat das mit vorbereitet, aber die Kontakte mit ihr wurden immer spärlicher. Am Tag, als Babariko ins Gefängnis kam [am 18. Juni 2020], habe ich sie auf einmal in den Tagesthemen gesehen. Ich habe ihr geschrieben: ›Maria, ich stelle noch jemanden zusätzlich ein für Social Media, das kannst du unmöglich gleichzeitig machen.‹ Sie wollte noch drinbleiben. Erst am 21. Juni hat sie mir eine lange Whatsapp geschrieben: ›Christine, ich muss das jetzt aufhören, ich muss mich einfach hierauf konzentrieren.‹ Ich habe dann im Fernsehen ihre Transformation von der Kulturmanagerin und Musikerin zur Politikerin verfolgt. Und war sehr fasziniert. Sie konnte dabei ihre ganzen Skills einsetzen. Sie hat sich schon in Stuttgart auch als Speakerin fortgebildet, hat Vorträge gehalten, ist in Konferenzen gegangen, weil sie sich selber weiterbilden wollte im Sprechen und Auftreten und wie man Menschen damit erreichen kann. Niemand in diesem Wahlkampf hat so gut verstanden wie sie, mit einem Wahnsinnsinstinkt die richtigen Bilder zu setzen. 

Wann haben Sie zuletzt von ihr gehört?

Ende August 2020. 

Hat es Sie überrascht, dass sie in Belarus geblieben ist?

Nein, sie hat ja auch vorher immer gesagt, dass sie bleiben will, dass sie nicht weggeht. Sie wollte nicht die Edelwiderständlerin sein, die hinterher in ihren sicheren Job nach Stuttgart zurückkehrt. Natürlich konnte sie sich auch wirklich reinschmeißen, weil sie im Gegensatz zu Tichanowskaja und Zepkalo nicht immer auch ihre Kinder und Familie im Blick haben musste. Ihr ist bewusst, dass sie einen wesentliche Anteil daran hat, dass die Gesellschaft sich verändert. Die Leute vertrauen ihr, das hat man auch gestern wieder an den Reaktionen auf ihren Auftritt im Gericht gemerkt. Sie hat da schon auch eine ikonische Aufgabe.

Sie haben Anfang September 2020 einen offenen Brief an Angela Merkel initiiert, der von vielen Kulturschaffenden unterzeichnet wurde und in dem Sie die Bundeskanzlerin auffordern, sich persönlich für Kalesnikava einzusetzen. Welche Rückmeldung haben Sie darauf bekommen?

Null, gar nichts. Ich habe dann mit dem Auswärtigen Amt telefoniert und leider Erfahrungen gemacht, die dazu geführt haben, dass ich mich über das, was jetzt in Afghanistan passiert ist, nicht wundere. Dort arbeiten sehr erfahrene Menschen, die immer genau wissen, was sie antworten sollen. Aber es bleibt halt auf dem Schreibtisch. Da geht nichts weiter. Es gibt keine Leute, die sagen: ›Da ist ein Problem, dem muss ich mich annehmen und jetzt die Etagen durchwandern, damit da irgendwas geschieht.‹ Als Maria den Menschenrechtspreis [der Gerhart und Renate Baum-Stiftung] bekommen hat, hat Gerhart Baum sich gewünscht, dass Heiko Maas die Laudatio hält. Da hätten zehn Minuten ausgereicht, man hätte sie vorher aufnehmen können, das wäre nicht viel Aufwand gewesen. Gerhart Baum hat mehrfach versucht, Heiko Maas zu erreichen, aber es kam nicht mal ein ›Es tut uns leid‹ oder so etwas zurück. Es ist einfach kein Instinkt da, wirklich etwas bewegen zu können und zu wollen. Und das verstehe ich nicht, auch bei Angela Merkel nicht. Ich glaube nicht, dass sie außenpolitisch eine echte Vision hat, die aus mehr besteht als mit Putin zu telefonieren und dabei eigentlich genau zu wissen, dass man mit dem Typen nicht weiterkommt. 

Foto: GruszeckiCC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Haben Sie die Reaktionen auf das Urteil gestern verfolgt?

Im Fernsehen habe ich gesehen, dass da tatsächlich eine Stellungnahme vom Auswärtigen Amt kam. Auf die Nachfrage der Deutschen Welle, ob man über eine Verschärfung der Sanktionen nachdenke, kam eine ganz windelweiche Antwort: ›Ja, wenn sich da nichts verändert oder es irgendwie schlimmer wird, dann müssen wir schon nachjustieren.‹ Die Botschaft lautete: Es gibt schon noch Stellschrauben, aber dafür ist noch nicht die Zeit. Ich frage mich, und ich würde gerne Maas selber fragen: Warum ist jetzt nicht die Zeit? Wann wenn nicht jetzt? Was soll denn noch passieren?

Das könnte auch daran liegen, dass viele große und mittelständische deutsche Unternehmen nach wie vor sehr aktiv in Belarus sind. 

Ich habe versucht herauszufinden, welche Unternehmen das sind. Wir haben hier mit der IHK telefoniert, der Mensch war sehr nett und hat gesagt: ›Jaja, das sind viele Firmen.‹ ›Können wir eine Liste haben? Wir würden gerne mit denen Kontakt aufnehmen.‹ Nee, die könne er uns nicht geben, aber wir sollen versichert sein, dass die alle das Thema Menschenrechte im Blick haben. 

Pressekonferenz zur konstituierenden Sitzung des Koordinierungsrates der weißrussischen Opposition am 18. August 2020 • Foto: Координационный совет белорусской оппозицииCC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Russland stützt das Regime Lukaschenko seit vielen Jahren finanziell und militärisch. Gleichzeitig gibt es viele russische Musiker, die sowohl in Deutschland als auch in Russland sehr mächtig und prominent im Kulturbetrieb verankert und in Deutschland öffentlich angestellt sind, wie die Dirigenten Vladimir Jurowski, Valery Gergiev oder Kirill Petrenko. Haben Sie die eigentlich auch kontaktiert für Ihren offenen Brief?

Nein, weil das Klassiksystem mich ehrlich gesagt nicht interessiert. Für mich ist das ein sich selbst permanent im Kreis drehender Markt, der sich auch inhaltlich nach Marktmechanismen ausrichtet. Deshalb nehme ich es nicht sehr ernst. Das ist für mich nicht die Kunstszene. Für mich ist die Szene der zeitgenössischen Künste eine, die sich jeweils mit der politischen Situation auseinandersetzen muss. Und alles, was Jahrhunderte alt ist, ist irgendwie eine Vermarktung. Natürlich waren politische Botschaften immer schon impliziert, historisch gesehen war das immer da, aber wie wir jetzt damit umgehen, ist eigentlich eher markt- als inhaltsorientiert.

Maria Kalesnikava, die belarussische Querflötistin, Kuratorin, Politikerin und Ikone des Widerstands gegen das Lukaschenko-Regime, aus Sicht ihrer Freundin und ehemaligen ECLAT-Festival-Kollegin Christine Fischer. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Trotzdem sind es ja Musiker, die sehr sichtbar sind und deren Stimme vielleicht Gehör findet, auch wenn man sie für uninteressant hält. 

Klar, ich wurde schon gelegentlich nach Igor Levit gefragt: ›Wäre es nicht gut, wenn wir mit dem was machen?‹ Da habe ich gesagt: ›Ja klar wäre das gut, denn wenn der etwas sagt, egal was, wird das immer sofort gehört und vielfach von den Medien aufgegriffen.‹ Das ist dann eher eine Strategiefrage: Wen versuchen wir einzubeziehen? Dass die russischen Dirigenten und in Russland verorteten Künstler, von denen einige sich eher wie putinfreundliche Funktionäre verhalten, sich nicht positionieren, ist eh klar. 

Wie können Sie Kontakt aufnehmen zu Maria Kalesnikava?

Ich lasse ihren Anwälten über ihre [in Deutschland lebende] Schwester Tatsiana Briefe zukommen. Gestern habe ich ihr nochmal einen persönlichen Brief geschrieben.

Welche Rolle spielt Musik aktuell in ihrem Leben?

Sie war bis zuletzt Musikerin. Sie hat bestimmt ab Juni nicht mehr geübt, aber selbst als sie schon im Gefängnis war, dachte ihr Trio noch: ›Mal gucken, ob wir im November das Konzert mit ihr machen können.‹ Und ich habe gesagt: ›Schminkt euch das ab, sucht euch jemand neues, selbst wenn sie wieder frei käme, würde sie ganz bestimmt jetzt nicht nach Stuttgart kommen und ein Trio-Konzert spielen. Sie ist jetzt Politikerin.‹ Aber ihr Bewusstsein, ihr Selbstbewusstsein ist das einer Musikerin. Sie kommt aus dem Denken einer Künstlerin. Und das ist nicht weit weg von der Politik, weil man Ziele hat und etwas bewegen will mit seiner Kunst.

Sie haben gestern die Bilder aus dem Gericht gesehen. Kalesnikava wirkte dort sehr stark. Glauben Sie, dass sie die elf Jahre Gefängnis durchstehen wird, wenn es dabei bleibt?

Ich glaube, dass sie stark genug ist. Es ist sicherlich nicht schön, in einer Gefängniszelle zu hocken, darüber freut sie sich garantiert nicht, das ist ganz bestimmt kein Masochismus, den sie da durchlebt. Ich glaube aber, dass sie diese Rolle bewusst angenommen hat und auch weiterhin einnehmen wird, weil sie weiß, dass es wichtig ist. Und sie kriegt zum Glück auch zurückgespiegelt, dass das eine wichtige Rolle ist: dass jemand da bleibt, etwas verändern will. Und da ist es nicht unerheblich, dass sie eben genau nicht die Entscheidung getroffen hat, zurück in ihr bequemes altes Leben in Deutschland zu gehen. Ihre Botschaft ist: ›Ich bleibe hier, weil wir gemeinsam etwas wollen.‹ Das, was sie macht, erhält auch in den anderen Menschen, die dort unterdrückt werden, den Glauben an die gemeinsame Zukunft. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.