Die St. Elisabeth-Kirche in Berlin-Mitte ist ein klassizistischer Bau, den kein Geringerer als Karl Friedrich Schinkel in den 1830er Jahren konzipiert hat. Heute ist die Kirche längst entweiht, sie brannte im Zweiten Weltkrieg aus und wurde nicht historisch rekonstruiert. Rohe, unverputzte Wände schaffen heute in der klaren Architektur eine puristische Atmosphäre für einen auratischen Kulturort, dessen transparente Akustik besonders attraktiv für klangtüftlerische Experimente ist. Wie die von der US-amerikanischen Komponistin Ellen Fullman, die sich seit über vierzig Jahren mit Stimmungen, Obertönen von Saiteninstrumenten und Instrumentenbau beschäftigt.
Rechts und links sind im Kirchenschiff weiße Stuhlreihen zwischen dem sicherheitshalber abgesperrten Mittelgang aufgebaut. Sie schauen nicht nach vorne, dort wo einst der Altar stand, sondern auf jenen Mittelgang, in dem zwei Reihen von zwanzig Meter langen, parallel und durch einen schmalen Gang voneinander getrennten Saiten aufgespannt sind. Diese Installation ist Ellen Fullmans Instrument, das sogenannte »Long String Instrument«, das sie im Dialog mit dem JACK Quartet erklingen lassen wird. Fullman bewegt sich durch den Korridor zwischen den zwanzig Meter langen Saiten und berührt die Saiten mit ihren mit Geigenharz beschichteten Fingern. Es entstehen liegende, sich übereinanderschichtende, mal bohrend intensive, mal hauchzarte Klänge, überwölbt von der kühlen Sakral-Akustik des Raums. Fullman scheint sich nach einem geheimen Plan zu bewegen, stoisch schreitend, mit unbeweglichem Gesichtsausdruck, der nach Innen zu horchen scheint, wie unter Hypnose. An der rechten Seite sitzt das JACK Quartet und reagiert auf die Klänge des zarten Rieseninstruments mit melancholischen Echo-Klängen.

